Hans Zimmer

"Ein Musiker klaut sich Zeit bei der Familie"

Zu 140 Filmen hat Hans Zimmer die Musik komponiert. Im Tischgespräch spricht er über den perfekten Soundtrack und zu wenig Zeit für die Familie.

Der Mann hat es eilig. Erst Pressekonferenz, dann Fototermin an einem großen Flügel im Hotelfoyer. Der Mann muss es einfach eilig haben. Er hat in einem Vierteljahrhundert Musik zu 140 Filmen komponiert, doppelt so viele wie Altersgenossen wie James Horner, Danny Elfman oder Zbigniew Preisner. Nachher muss er weiter nach Potsdam, um sich anzuhören, wie das Filmorchester Babelsberg seinen Klangteppich aus den „ Piraten der Karibik “ hinlegt.

Das wird kein normales Konzert, denn der Film läuft parallel, das Bild, die Geräusche, die Dialoge. Nur das Orchester ist live, und das kann nicht sein eigenes Tempo einschlagen, sondern ist Sklave des Films. Bis zur Premiere am morgigen Sonntag muss alles stehen, danach geht’s auf Tournee durch zwanzig deutsche Städte. Schwierige Sache, da könnte Arbeit auf den Komponisten warten. Wir haben unsere Bestellungen extra vorher aufgegeben. Keine Minute darf verschwendet werden.

"Ich bin mein eigener schlimmster Feind"

Ein letztes Telefonat, nun sitzt Zimmer am gedeckten Tisch.

„Das war wegen des zweiten ‚Sherlock Holmes’’. Ich habe seit fünf Monaten daran geschrieben, eine Riesenpartitur. Ich müsste nicht fünf Monate daran setzen, mit zweien wären meine Auftraggeber auch glücklich. Aber ich bin mein eigener schlimmster Feind. Letztlich schreibe ich für mich selbst. Deswegen macht es noch Spaß. Ein Musiker ist ein egoistischer Mensch, der sich seine Zeit bei der Familie klaut. Meine Kinder sehen mich nicht genug, meine Frau sieht mich nicht genug, meine Freunde sehen mich nie. Ich bin nachts im Studio, am Sonntag im Studio. Keiner zwingt mich, aber es ist das, was ich immer wollte.“

Diskret schwebt über Zimmers rechte Schulter eine kleine Terrine Strauchtomatensuppe ein. Er beachtet sie nicht.

„Ich habe bei , Sherlock Holmes ’ wirklich Vergnügen gehabt. Vorigen Sonntag musste ich abgeben – und beim letzten Abhören fand ich es grauenvoll. Den Satz sagen zu müssen: ,Jetzt ist es fertig!’ Solange dieser Satz nicht fällt, kann ich mir vorträumen, dass es noch besser wird, dass ich endlich das Stück Musik schreibe, das mich wirklich glücklich macht. Woran ich am meisten knabbere, ist Beethovens Fünfte. Jedes Kind hätte auf ,da da da daaaa’ kommen können. Woher wusste er, dass diese Tonfolge etwas Besonderes war?“

„Es gibt wirklich noch kein eigenes Stück, das Sie glücklich macht?“

„Natürlich nicht. Aber die eigentliche Tragödie wäre, wenn ich es wirklich schreiben würde.“

Zimmers bester Soundtrack

„Wie erkennt man, dass man auf die große Idee gestoßen ist?“

„Ich weiß es nicht. Vermutlich ist es in diesem Moment nützlich, deutsch zu sein (lacht).“

So kann das nicht weiter gehen, er hat noch keinen Löffel Suppe gegessen. Ich ergreife das Wort und behalte es vorläufig. Erzähle von einem Soundtrack Zimmers, der meiner Meinung nach der Perfektion nahe kommt. Ein Klanggemälde, das die Filmbilder verstärkt, vertieft, kommentiert und auch ein Leben jenseits von ihnen besitzt, ist es doch auch zu Hause einsetzbar, zum Abstand gewinnen von der hektischen Welt, zum Fassen neuer Gedanken.

"Terrence Malick ist gern unter Musikern"

Es ist die CD, die man äußerst ungern aus der Hand gibt, allenfalls an liebste Freunde, wenn sie krank danieder liegen, und von denen man dann ein paar Tage später die schöne Nachricht erhält, das Hörerlebnis habe spürbar zur Genesung beigetragen.

„Sie meinen ,Der schmale Grat’, nicht wahr?“ stellt Hans Zimmer fest und legt den Löffel wieder aus der Hand. „Ja, das ist eine der paar Sachen, auf die ich wirklich stolz bin. Terrence Malick, der Regisseur, hatte ein Büro in meinem Studio, ein Jahr, bevor er zu filmen begann. Er ist einfach gern unter Musikern.“

Malick, werfe ich ein, ist der Regisseur, der Zimmers Sehnsucht nach dem Zeitnehmen ins Extreme trieb, für fünf Filme hat er achtunddreißig Jahre gebraucht. „Stimmt“, meint Zimmer, „aber sehen Sie sich an, was jetzt passiert. Sein ‚Tree of Life’ ist noch in den Kinos, der nächste Film bereits fertig, den übernächsten dreht er gerade, und der danach ist in Vorbereitung. Er hat die Lust am Filmemachen wieder gefunden, denn er hat nun ein vertrautes Team um sich.“

Die Kellnerin räumt die halbvolle Suppenschüssel ab: „Aber sie wollen doch noch Ihren Salat?“ – „Natürlich“.

Malick, das schien ein zweiter Fall Stanley Kubrick , bei dem die Pausen zwischen den Filmen auch immer länger wurden, zuletzt zehn Jahre.

„Ich kannte Vivian sehr gut, seine Tochter. Sie hat mich damals gefragt, ob ich bei ,Full Metal Jacket’ helfen wolle. Ich war Ende zwanzig und verstand nicht, dass ich die musikalische Sekretärin spielen sollte. Das hat gar nicht hingehauen. Ich bin nicht offiziell rausgeschmissen worden …. aber rausgeschmissen wurde ich schon. Später jedoch habe ich Anrufe von Stanley bekommen, der um Rat fragte – dann war es ein ganz anderes Verhältnis, weil ich nicht mehr für ihn arbeitete. Eines Tages kam ich nach London, und Vivian lud mich ein, doch ihren Vater zu besuchen, aber ich hatte zu viel zu tun und musste weiter nach Australien. Als ich dort ankam, stand es in allen Zeitungen: Stanley Kubrick ist tot!“

"Man muss scheitern können"

Kubrick, Malick, auch Christopher Nolan, dessen zweiten „Dark Knight“ Zimmers nächste Aufgabe ist: Alle haben dieselbe Auffassung, wie ein Film gemacht werden muss, ganz privat, ohne Studioeinfluss. Eigentlich ein Anachronismus in unserer Zeit des Kommunikationszwanges und der Riesenbudgets. „Wir alle arbeiten am besten, wenn der Kreis ganz klein bleibt“, bezieht sich Zimmer mit ein (und genehmigt sich die erste Gabel Salade niçoise).

„Man muss Dinge ausprobieren, muss scheitern können, und das geschieht am besten im Privaten. Ich hatte bisher das Glück, dass, wenn ich einen Satz mit ,Ich hätte da eine verrückte Idee…’ beginne, alle aufhorchen und ,Na los, probier’ sie aus!’ sagen. Das wird jedoch durchs Internet immer schwieriger. Nolan hat Szenen sichtbar mitten in New York gefilmt, und es ist verrückt, was sich deshalb zum neuen „Dark Knight“ auf YouTube bereits abspielt. Wir sollen euch doch überraschen! “

Zimmer simuliert Streicher am PC

Die dritte technologische Revolution prägt auch Zimmers Arbeit. Er hat Steven Spielberg gefragt, wie der mit seinem Hauskomponisten John Williams arbeite, einem phänomenalen Pianisten. Ganz einfach, habe Spielberg geantwortet, Williams spielt die Melodie am Flügel und sagt dann, ,Hier setzt das Waldhorn ein und hier die Streicher’. Zimmer bekennt: „Ich bin bei weitem nicht so gut am Piano, aber ich kann Waldhorn und Streicher am Computer simulieren. Die Technologie hat eine Demokratisierung mit sich gebracht, das mag ich.“Er war nie ein Komponist im einsamen Kämmerchen.

„Ganz am Anfang hat mich Stanley Myers unter seine Fittiche genommen, der englische Komponist. Ich dachte, ich würde Kaffee kochen, aber mir nichts, dir nichts ließ er mich komponieren. Er hat dann stets beide Stücke, seins und meins, dem Regisseur vorgespielt, und unvermeidlich war es mein Stück, das herausflog. Aber das war völlig anders als in der Musikschule, wo Vorlesungen gehalten werden. Deshalb sind heute bei mir alle Assistenten und Praktikanten bei allen Treffen mit den Filmemachern dabei. Selbst, wenn jemand seinen Mund nie öffnet, bekommt er die Problemlösung mit, den kreativen Prozess. So habe ich auch gelernt, in Besprechungen mit Nicholas Roeg, Stephen Frears oder Bernardo Bertolucci.“

Er sitzt auf seinen Händen, um ruhig zu bleiben

Damit kommen wir dem Geheimnis näher, wie Hans Zimmer doppelt so viel Filme beschallen kann wie seine Kollegen – und dem, was manche geringschätzig „Komponierfabrik“ nennen, seine Talentschmiede namens „Remote Control Productions“.

„Hinter allem, was ich tue, steht ein gedankliches Konzept. Ich bin sogar dazu übergegangen, auf meine Hände zu sitzen, wenn ich den Computer anschalte, damit ich nicht alles spiele, was mir in den Kopf kommt. Immer beginne ich allein. An ,Sherlock Holmes’ habe ich vier Monate allein gesessen. Irgendwann kommt der Punkt, an dem die Ideen mir tragfähig erscheinen – und dann öffne ich die Tür und lasse kreative Kollegen herein. Wenn dann ,Zimmer’ im Abspann steht, klingt es auch wie eine Zimmer-Filmmusik, egal, wie viel Leute daran gesessen haben. Sie können das an der Architektur des Soundtracks erkennen und an seinem Ton. Es heißt nicht umsonst ,den Ton angeben’.“

Das war’s. Der Salat ist kaum angerührt. Zimmer muss weiter, nach Babelsberg, nach London, immer seinem „da da da daaa“ hinterher. Wahrscheinlich wäre er auch schon mit einem eigenen „Spiel mir das Lied vom Tod“ zufrieden: „Dieser Score ist absolut perfekt, auf so vielen Ebenen. Ich hätte ihn nie zustande gebracht. Aber einen Morricone erkennt man schon an der ersten Note.“