Maxim Gorki Theater

"Sein oder Nichtsein" mit Tarantino aufgepeppt

Schauspieler Milan Peschel hat "Sein oder Nichtsein" inszeniert. Das Stück von Nick Whitby entstand nach der legendären Filmkomödie von Ernst Lubitsch. Für das Maxim Gorki Theater bediente sich Peschel bei Quentin Tarantino.

Foto: M. Lengemann

Einmal Brad Pitt sein! Wenn er in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ seine Jungs auf ein einziges Ziel einschwört: „Nazis töten“. Im Maxim Gorki Theater ist es Hans Löw, der die Parole ausgibt: „Jeder Soldat unter meinem Kommando schuldet mir einhundert Nazi-Skalps“.

Löw leiht sich Pitts Rede für seine Rolle als polnischer Fliegeroffizier Stanislaw Sobinsky aus Ernst Lubitschs legendärem Nazi-Verballhornungs-Film „Sein oder Nichtsein“ von 1942. Darin wird ein Warschauer Stadttheater-Ensemble nach dem Einmarsch der Deutschen zur improvisierten Anti-Nazi-Kampftruppe.

Um zu verhindern, dass der Agent Silewski der Gestapo die Aktivitäten des polnischen Widerstands enthüllt, müssen sie allerdings selbst in die Rolle von Nationalsozialisten schlüpfen. Angeführt vom Starschauspielerehepaar Maria und Joseph Tura, die sich nebenbei wegen des feschen Fliegers Sobinsky in die Haare bekommen, entspinnt sich ein so komisches wie entlarvendes Rollen- und Verwechslungsspiel – buchstäblich um „Sein oder Nichtsein“, Leben und Tod. Am Ende haben sie Silewski unschädlich gemacht, die Nazis an der Nase herumgeführt und sich selbst nach London abgesetzt.

Volksbühnen-Raubein Milan Peschel, der als Regisseur in den letzten Jahren vor allem mit hinreißend überdrehten Klassiker-Inszenierungen am Kindertheater an der Parkaue reüssierte, imitiert Lubitschs Film nicht bloß, sondern setzt in bester Volksbühnenmanier auf die Übertreibungs- und Verfremdungsmittel des Theaters. Und auf grandiose Schauspieler, die unter seiner Regie in dem Slapstick-tauglichen Kulissenbild von Peschel-Gefährtin Magdalena musial zur Höchstform auflaufen.

Ronald Kukulies verliert als eifersüchtiger Ehemann Tura so sehr die Kontrolle über Glieder und Gesichtszüge, dass er buchstäblich aus der Haut zu fahren scheint, während Sabine Waibel als seine Gattin zwischen Augenaufschlag und Kleidlüpfer diverse Posen exzentrischer Divenhaftigkeit probt.

Als „Konzentrationslager-Ehrhardt“ tanzt Holger Stockhaus im Halbdunkel Ballett und performt den Fanatismus auch sonst als schweißtreibende Übergeschnapptheit.

Den Silewski schwenkt Wilhelm Eilers ins schneidig Dämonische und krallt die Hände schon mal zum Nosferatu-Schattenbild (überhaupt gibt es viele ungewöhnliche Licht-Schatten-Effekte).

Martin Otting macht mit stoischer Miene und Reibeisenstimme jede Gehorsamkeits-Replik des Sturmführers Schulz zu einem kleinen Ereignis. Anka Graczyk schnaubt auf Polnisch und Horst Westphal will „keine blöde Komödie über Nazis“ und verweist damit auf die Umstrittenheit der Filme von Lubitsch und Tarantino.

Immer wieder öffnen Anspielungen wie diese den zwar langen, aber abgründig-komischen Dreieinhalb-Stunden-Abend zur Wirklichkeit, nicht zuletzt weil er vor allem auch von Schauspielern und deren Liebes- wie Ruhmesbedürfnis erzählt.

Tarantino, für den Lubitsch ein wichtiger Bezugspunkt ist, lässt seinen Film mit einem Theaterbrand enden, in dem Hitler und die Seinen im Gewehr- und Theaterfeuer einer jüdischen Rache zugrunde gehen. Die Geschichte wird umgeschrieben, den Opfern das geglückte Aufbegehren vergönnt.

Peschel, der das Ganze bereits vor wenigen Wochen mit polnischer Besetzung in Krakau zur Premiere gebracht und nun nach Berlin kopiert hat, bezieht Lubitsch wiederum auf Tarantino. Als Soundtrack dreht er Western-Musik von Ennio Morricone auf, der auch für Tarantino komponierte. Und er gibt sich nicht mit dem Film-Sieg über die paar Nazis um Ehrhardt und Silewski zufrieden, sondern lässt in einem offenen Schluss die ganz große Aktion à la Tarantino zumindest als Möglichkeit aufscheinen.

„Hitler sitzt heute Abend in der Königsloge“, sagt Regisseur Dowasz, „also was sollen wir machen?“ Und während sich alle auf der Bühne fragend ansehen, geht im Kopf des Zuschauers ein Film los ...

Für fabelhaftes Schauspiel benötigt es übrigens keinen Brad Pitt. Und für einen fabelhaften Abend nicht unbedingt einen Tarantino. Ein Peschel tut es auch.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte. Telefon: (030)20 221115. Termine: 18., 25. April 2011, 3., 13., 20. Mai 2011, 19.30 Uhr.

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