Schriftstellerin

Christa Wolf im Alter von 82 Jahren gestorben

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Die Schriftstellerin Christa Wolf ist tot. Die Berlinerin starb nach Angaben des Suhrkamp Verlags am Donnerstag im Alter von 82 Jahren.

Die Schriftstellerin Christa Wolf ist im Alter von 82 Jahren nach schwerer Krankheit im Berliner St.-Hedwig-Krankenhaus gestorben. Das teilte der Suhrkamp Verlag am Donnerstag mit. Ihr Mann Gerhard Wolf sei bei ihr gewesen.

Als DDR-Autorin galt Wolf als eine der wichtigsten deutschen Autorinnen der Nachkriegszeit. In ihren werken griff sie immer wieder Schicksale von Menschen auf, die von der deutschen Teilung gezeichnet waren. Zu ihren bekanntesten Büchern zählen "Kassandra" (1983), "Der geteilte Himmel" (1963), "Nachdenken über Christa T." (1968), "Kindheitsmuster“ (1976) und "Kein Ort. Nirgends" (1979).

Ihr erster großer literarischer Erfolg, „Der geteilte Himmel“ im Jahr 1963 über eine an der deutschen Teilung scheiternde Liebe, wurde eines der meistdiskutierten Bücher in der DDR und später auch von Konrad Wolf für die staatliche Filmgesellschaft Defa verfilmt.

In den vergangenen Jahren wurde sie wiederholt als Kandidatin für den Literaturnobelpreis gehandelt. 2010 veröffentlichte Wolf mit dem Buch „Stadt der Engel“ (Los Angeles) eine Art Fortsetzung ihres Buchs „Kindheitsmuster“ als Aufarbeitung der Zeit nach dem Mauerfall und dem Bekanntwerden ihrer früheren Tätigkeit für die Stasi als IM „Margarethe“.

Wolf wurde 1929 in Landsberg an der Warthe in Polen geboren und lebte in Berlin und in Woserin in Mecklenburg-Vorpommern. Sie wurde mit zahlreichen Preisen, unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis, dem Deutschen Bücherpreis und dem Thomas-Mann-Preis ausgezeichnet.

Wolf sah die DDR und die SED mit kritischer Distanz, blieb ihr aber bis zum Schluss treu. Vielen Lesern in Ost und West war sie über Jahre eine moralische Instanz des anderen Deutschlands. Sie erhielt zahlreiche Literaturpreise.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) hat die verstorbene Schriftstellerin als „eine der bedeutendsten gesamtdeutschen Autorinnen der Gegenwart“ gewürdigt. Ihre Figuren Christa T., Medea und Kassandra seien aus der deutschsprachigen Literatur des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr wegzudenken, erklärte Neumann am Donnerstag in Berlin. Wolfs Werk stehe für „eine künstlerische Meisterschaft hohen Ranges, aber auch eine Künstlerpersönlichkeit, in der sich das Profil und die Brüche der zurückliegenden Jahrzehnte kaleidoskopartig spiegeln“, sagte Neumann. Wolf habe sich nach der Wende der politischen Realität gestellt und stellen müssen – „auch wenn schmerzhafte Verwundungen die Folge waren“.

Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz hat sich bestürzt über den Tod der Autorin Christa Wolf gezeigt. Wolf sei „eine der großen Frauen der deutschen Literatur“ gewesen, sagte Schmitz am Donnerstag. „Die Autorin von „Der geteilte Himmel“ war freie Schriftstellerin in einem diktatorischen Regime, und sie hat auf eigene Weise ihre Position dem Staat gegenüber dokumentiert“.

Schmitz erinnerte daran, dass Wolf zu DDR-Zeiten zu den Unterzeichnern des offenen Briefs gegen die Ausbürgerung des Liedermacher Wolf Biermanns gehörte. Unvergessen seien ihre Worte auf der historischen Demonstration am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz, hob Schmitz hervor. Die Auseinandersetzung mit der DDR sei auch nach dem Fall der Mauer ein zentrales Thema ihres Werkes gewesen. Christa Wolf sei Berlin als Stadt eng verbunden gewesen. „Die Literaturmetropole Berlin trauert um eine bedeutende Schriftstellerin, die Literaturgeschichte geschrieben hat.“

Die Nachricht „tut richtig weh“, sagte Linksfraktionschef Gregor Gysi am Donnerstag in Berlin. Er nannte Wolf eine „wirklich große deutsche Schriftstellerin“ und „sehr engagierte Frau“. Wolf habe „regelmäßig unser Herz, unsere Seele berührt“.

Die Parteivorsitzende Gesine Lötzsch sagte, sie habe viele von Wolfs Büchern gelesen, darunter „Der geteilte Himmel“ und „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“. Der Tod der Schriftstellerin reiße eine „große Lücke“ sowohl in Deutschland als auch in Europa und in der Weltliteratur. Lötzsch kritisierte zugleich, dass Wolf in Deutschland nach der Wiedervereinigung „nicht immer fair“ behandelt worden sei.

Linken-Vorsitzender Klaus Ernst bezeichnete Wolf als eine mutige Frau, eine große Schriftstellerin und eine moralische Instanz für viele in Ost und West. „Wir trauern um sie.“

Der Schriftsteller Hermann Kant (85, „Die Aula“) sagte, „es ist ein trauriger Tag für die deutsche Literatur, die Literatur überhaupt und für alle, die an dieser deutschen Literatur mitgewirkt haben.“ Wolf sei zweifellos eine bedeutende deutsche Schriftstellerin. „Mich erfüllt auch eine große Traurigkeit darüber, dass wir in einem Gespräch nicht mehr manches klären konnten. Ich hätte mich gerne mit ihr nochmal verständigt.“

Kant galt gewissermaßen als der Gegenpol Wolfs in der DDR-Literatur, vor allem, als er einflussreicher Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes war. Kant wollte sich am Telefon am Todestag seiner Kollegin dazu nicht näher äußern. Er sprach nur von einer „sehr sensiblen Geschichte mit hundert Rätseln“. Wolf habe eine „ganz bedeutende Arbeit für uns alle geleistet, indem sie sich mit Dingen auseinandergesetzt hat, mit denen man sich auseinandersetzen musste und wozu nicht jeder den Mut und die Kraft hatte“.

Kant erinnerte auch an die Zeiten „unserer frühen schriftstellerischen Jugend, als wir eigentlich befreundet waren - und wir sind später dann nicht fertig geworden mit den Konflikten, die aus den Großkonflikten auch für uns entstanden“. Als er Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes gewesen sei, habe Wolf sich weitgehend von der Verbandsarbeit zurückgezogen. „Da hatten wir verschiedene Auffassungen darüber, was der Verband wollte und sollte.“

( dpa/dapd/EPD/sei )