Mit 82 Jahren gestorben

Trauer um "loyale Dissidentin" Christa Wolf

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Eine der wohl wichtigsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen Deutschlands, Christa Wolf, ist tot. Sie starb am Donnerstagvormittag im Alter von 82 Jahren in Berlin. Die DDR-Autorin Wolf sparte nicht mit Kritik am Regime, zog den Sozialismus aber dennoch dem Kapitalismus vor.

Sie galt in der DDR als „loyale Dissidentin“: Die Schriftstellerin Christa Wolf sparte nicht mit Kritik am Regime, zog den Sozialismus aber dennoch dem Kapitalismus vor. Sie war aktiv im Wende-Herbst 1989 dabei, plädierte aber für eine neue und veränderte DDR. Doch auch wenn sie oftmals für Diskussionen sorgte und in die Kritik geriet, gelang Wolf etwas wohl Einzigartiges: Obwohl ihr Leben und Werk so eng mit der DDR verknüpft waren, wurde sie in Ost und West gleichermaßen mit Beifall bedacht und Preisen überhäuft.

Am Donnerstag starb die wohl wichtigste zeitgenössische Autorin Deutschlands nach Angaben des Suhrkamp Verlags nach schwerer Krankheit mit 82 Jahren in Berlin.

Wolf wurde am 18. März 1929 in Landsberg an der Warthe im heutigen Polen geboren. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs flüchtete sie mit ihrer Familie vor der Roten Armee nach Mecklenburg und wurde 1949, im Jahr ihres Abiturs, SED-Mitglied. Ihr Germanistikstudium in Jena und Leipzig schloss sie 1953 ab. Nach Tätigkeiten als Lektorin und Redakteurin ließ sie sich 1962 als freie Schriftstellerin in Kleichmachnow bei Berlin nieder.

In ihren ersten Büchern verknüpfte sie gesellschaftliche Entwicklungen in der DDR mit eigenen Erfahrungen und wurde als neue Stimme der DDR-Literatur gefeiert. Schon ihr erstes Prosawerk „Moskauer Novelle“ (1961) erfuhr viel Beachtung, der Durchbruch folgte dann zwei Jahre später mit dem Roman „Der geteilte Himmel“, der anhand einer gescheiterten Liebe die Problematik des geteilten Deutschlands schildert.

Das Buch wurde 1964 von Konrad Wolf verfilmt und machte die Autorin, die seit 1951 mit dem Kritiker und Autor Gerhard Wolf verheiratet war und mit ihm zwei Kinder hatte, auch im Westen bekannt. Mit der Erzählung „Nachdenken über Christa T.“ (1968) etablierte sich Wolf endgültig. Werke wie die Erzählungen „Kein Ort. Nirgends“ (1979) oder „Kassandra“ (1983) wurden zur Pflichtlektüre der Friedens- und Frauenbewegung in Ost und West.

1976 gehörte Wolf zu den Mitunterzeichnern des „offenen Briefs gegen die Ausbürgerung“ des Liedermachers Wolf Biermann und wurde mit einer Rüge abgestraft.

Debatte um Wolfs Stasi-Kontakte

Im Juni 1989 trat Wolf aus der SED aus. Sie warb jedoch für die Weiterexistenz der DDR und gegen eine „Vereinnahmung“ durch die Bundesrepublik. Für ihre Reden, offenen Briefe und Interviews erntete sie viel Kritik, so dass sie sich schließlich von der Tagespolitik zurückzog.

Einen Literaturstreit entfachte 1990 ihre Erzählung „Was bleibt“. In dem Text mit autobiografischen Zügen schilderte sie die Überwachung durch die Stasi und das Gefühl der Bedrohung. Das Buch entfachte auch eine Debatte über eine Mitschuld von Intellektuellen in der DDR. Der insbesondere von westdeutschen Kritikern als „Staatsdichterin“ beschimpften Wolf wurde vorgehalten, sich mit „Was bleibt“ zu Unrecht auf die Seite der Opfer mogeln zu wollen.

Die Auseinandersetzung verschärfte sich noch einmal, als 1993 ihre Stasi-Kontakte öffentlich wurden. Daraufhin veröffentlichte Wolf in einem bis dahin beispiellosen Vorgang ihre Stasi-Akte und beendete damit alle Spekulationen: Zwischen 1959 und 1962 fertigte sie als „IM Margarete“ drei Berichte mit ausschließlich positivem Bild der betroffenen Personen an. Kontrovers diskutiert wurde auch ihr 1996 erschienener Roman „Medea. Stimmen“. Zuletzt hatte die Autorin 2010 den Roman „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ veröffentlicht, der auf ihrem USA-Aufenthalt 1992/93 am Getty Center for the History of Art and Humanities basiert.

Wolf wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, darunter dem Georg-Büchner- und dem Thomas-Mann-Preis. 2002 bekam sie den Deutschen Bücherpreis für ihr Lebenswerk, weil sie sich „mutig in die großen Debatten der DDR und des wiedervereinigten Deutschlands“ eingemischt habe. Im gleichen Jahr erwarb auch die Berliner Akademie der Künste das literarische Archiv der Schriftstellerin, das neben Werkmanuskripten auch Tagebücher enthält.

Mit Blick auf eine mögliche Veröffentlichung der Tagebücher sagte Wolf 2005 in einem Interview mit der „Zeit“: „Wenn überhaupt, dann Jahre nach meinem Tod. Da steht sehr viel Persönliches drin, über nahe Menschen, auch Urteile, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind.“

( dapd/sei )