Der Schmerz ist Leben. Das wissen wir von Schiller. Und ganz sicher weiß es Christa Wolf. Mit körperlichen Schmerzen kämpft sie nun seit Jahren. Doch auch dem Schmerz um den Zustand der Welt ist dieses Buch abgetrotzt. Ein wahres Schmerzenskind. In Schmerzen geboren, aus Schmerzen schöpfend, ist es vielleicht die ausdrucksstärkste, die erlebnisintensivste schreiberische Arbeit, die diese Schriftstellerin bislang geschaffen hat.

Diese Arbeit, Seelen- und Aufklärungsarbeit, einen Roman zu nennen, führt insofern in die Irre, als hier keine erfundene, womöglich nicht mal eine ausfantasierte Geschichte vorliegt. Selbstbefragung, Selbstvergewisserung ist, was sich Christa Wolf vorgenommen hat. Und herausgekommen ist dabei eine gigantische, facettenreiche Lebensbeichte, eingebettet in jenes Jahrhundert, das das Ihre war: das Zwanzigste und somit eine Schreckensepoche, wie sie der Menschheit hoffentlich nie mehr beschieden sein wird.

Der Roman entstand in Los Angeles

Doch aufgeschrieben, beflügelt von ihrem Geist, ist diese Beichte in der Stadt der Engel. Jawohl, diese Übersetzung von Los Angeles, dem Ort, an dem die qualvolle Expedition in die Abgründe eines weiblichen Ichs sich vollzieht, der Titel „Stadt der Engel“ also, er ist bewusst gewählt. Denn ausgerechnet an diesem urbanistischen Unort, auf Wüstensand erbaut, erschließt sich der Erzählerin ein Vorschein der Erlösung. Ein zaghaftes Hoffen darauf, dass das Schwere für immer leicht wird. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Der Weg dahin ist weit und alles andere als geradlinig. Verwickelt und verzwickt, bestehend aus lauter Anläufen und Abbrüchen, Aufschwüngen und Abstürzen, ist auch das literarische Verfahren, das allein und dank seiner Kunstfertigkeit die Gattungsbezeichnung „Roman“ rechtfertigen würde. Denn kunstvoll verwoben, kontrastreich gegliedert, unter wechselnder Beleuchtung angestrahlt bietet sich das Mosaik dar, das jetzt vor uns liegt. Ein sprachliches Kunstwerk ist es allemal. Ein Zeugnis vom Triumph des ordnenden Geistes über das Chaos der Gefühle.

Angestoßen wird alles durch einen Schock. „Wie konnte ich das vergessen“, bricht es aus Christa Wolf heraus, um die Jahreswende 1992/93, als sie sich mit der Tatsache konfrontiert sieht, dass sie in den Archiven der Staatssicherheit als „IM“ geführt wurde. Das Material dazu passt zwar in einen dünnen Aktenhefter (im Gegensatz zu den Observationsberichten über sie, die 42 Ordner füllen, und dabei sind die Protokolle der Achtzigerjahre schon gar nicht mehr erhalten).

Wolf geht mit sich ins Gericht

Doch die Nachricht trifft sie in einer aufgeheizten Situation. Der „Literaturstreit“ um Christa Wolf liegt knapp drei Jahre zurück. Die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit läuft auf Hochtouren. Und das Prestige der einstigen Schriftstellerikone befindet sich im freien Fall. Eine große psychische Krise, einschließlich Schreibblockaden und bohrenden Fragen, was ihre ganz spezielle Aufgabe in der neuen deutschen Gesellschaft überhaupt noch sein könnte, machen Christa Wolf zu schaffen.

Selbst unter diesen erschwerten Lebensbedingungen meint sie sich vorwerfen zu müssen, versagt zu haben. Weil sie auf die Anwerbeversuche durch zwei Stasileute einging, die 1959 auf die knapp Dreißigjährige zukamen! Zweimal traf sie sich noch mit diesen, schrieb einige nichtssagende Berichte, vergaß das Ganze. Nun warf es ihr die Öffentlichkeit vor. Und sie sich selbst. Natürlich auch deshalb, weil das Vergessen oder sogar Verdrängen dieser Bagatelle ja auf etwas Tieferes, Grundsätzliches verwies: ihr Einverständnis, nehmt alles nur in allem, mit der DDR, mit ihrer Existenz, mit der ihr zugrunde liegenden Ideologie.

Und dem stellt sie sich. Furchtlos und treu. Furchtlos im Aussprechen aller Deformationen, aller Defizite, die sie für den „Gott, der keiner war“ empfänglich machten. Aber in Treue auch zu dem, was nun einmal ihr Leben war. Und kann sie dieses Leben nicht in Los Angeles ganz wunderbar gespiegelt sehen? Einesteils der aktuellen Umgebung wegen. Sie hat ja ein Stipendium hier, am Getty Center, sie kommt mit anderen Stipendiaten zusammen, die wiederum ihrerseits Freunde und Bekannte haben, mit denen sie sich trifft.

Sie schafft sich ein Netzwerk

Ein großes, reiches Netzwerk von erstaunlich Gleichgesinnten, Ähnlichversehrten baut sich die Interimsamerikanerin Christa Wolf hier auf. Mannigfache, mit viel Empathie beschriebene Lebensläufe ziehen am Leser vorüber. Und obgleich Christa Wolf der amerikanische way of life nicht eben kongenial ist, entsteht doch am Ende ein Gefühl von Zuhause, wenn sie in ihrem (was für ein Name!) Hotel Ms. Victoria Old World die Türe abends hinter sich schließt.

Doch das sind „nur“ die Lebenden. Noch schwerer wiegt die Nachbarschaft der Toten. Die Weimarer Literatur im Exil – das meinte ja nicht nur Sanary-sur-Mer, das meinte auch LA, wo so viele Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland zeitweise unterkamen, die Brüder Mann samt Familie, Brecht, Werfel, Feuchtwanger, um nur diese Berühmtheiten zu nennen – und nicht zu vergessen die vielen namenlosen „Genossen“. Eine Genossin, eine in ihrer Identität zunächst nicht näher bestimmbare „L“ beschließt sie hier zu suchen, einem Versprechen folgend, das sie ihrer alten, mittlerweile toten Freundin Emma gab. Dies ist, obwohl das Rätsel um „L“ schließlich gelöst werden kann, vielleicht die einzige große Schachstelle in diesem Buch: „L“ bleibt ein Schemen.

Umso berührender die Miniaturen anderer Emigranten und überhaupt vergessener, einst aber gefeierter Autoren. Erwähnen wir nur zwei, weil sie in ihrer Gegensätzlichkeit die Amplitude dessen, was die Dichterin menschlich-politisch interessiert, umreißen: den heimwehkranken Erzähler Leonhard Frank und den auf so erschütternde Weise verblendeten kommunistischen Barden Louis Fürnberg.

Therapien bringen keinen Erfolg

All diese Erinnerungen, all dies Verbundensein im Geist mit anderen Sorgenkindern des Lebens kann Christa Wolf jedoch nicht von ihren Schmerzen abbringen. Und auch diverse Therapien, von denen wir erfahren, bewirken nichts. Das gute Zureden der Freunde, sie solle sich endlich mit sich selbst befreunden, die Paul Fleming entnommene Losung, die wie ein Mantra ab und an beschworen wird, „Sei dennoch unverzagt, gib dennoch unverloren…“:

Nichts will so recht anschlagen. Ein bisschen weiter bringt dann die Einsicht, dass dieses eine Mal nicht das Publikum Adressat der Schreibarbeit zu sein habe, sondern dass es gelte, „mir einfach über mich selbst Klarheit zu verschaffen“. Aber letztlich, und das weiß sie auch, verharrt dies Tun allein im Rationalen, bedeutet nicht die „Metabasis eis allo genos“, den Übertritt in den anderen Bereich, von dem die Heilung einzig kommen kann.

Und wieder einmal ruft man als Leser unwillkürlich aus: Wie kann ein Mensch nur im Gefängnis seines Ernstes derart schmachten? Sieht diese Frau denn nicht die Komik, nicht das Absurde, kann sie denn wirklich so gar nie einen spielerischen Umgang pflegen zu sich selbst?

Einreiseversuch mit noch gültigen DDR-Pass

Ganz am Anfang des Buches hat man diesbezüglich ein wenig Hoffnung, wenn sie (1992) bei der Einreise in die USA voll trotzigem Übermut den Grenzern ihren noch nicht abgelaufenen DDR-Pass vorweist und damit einen mittleren Sicherheits-Gau auslöst. Ach, könnte sie solche Energien häufiger mobilisieren, wünscht man sich. Aber Christa Wolf ist eben eine Deutsche ihrer Generation. Und für die galt noch, was einst Goethe von den lieben Deutschen sagte, dass sie nämlich „über allem schwer werden“.

Leicht macht es ihr dann doch bisweilen die Musik, genauer gesagt: das Singen. Unvergesslich, herzzerreißend ihre Schilderung, wie sie nach einem Tag, an dem sie nur hasserfüllte Schmähungen in deutschen Zeitungen über sich lesen konnte, die Nacht hindurch singt, ihre Schmerzen wegsingt, im Rückgriff auf die herrlichen deutschen Trost- und Aufbruchslieder, die diese Generation nützlicherweise noch gelernt hat. Im Singen fliegt sie am Ende auch der Engel Angelina an; ein Schelm, wer Arges dabei denkt.

Und plötzlich wird einem klar: Dieses Buch ist auch ein Abgesang. Ein Abgesang auf eine Welt der Schmerzen, wie sie nur diese Generation gekannt hat. Wünschen wir ihr, wünschen wir vor allem Christa Wolf, dass sie am Ende ihren Frieden finden wird. Strebend bemüht hat sie sich. Strebend bemühen muss sich auch der Leser, wenn er sie bei dieses langen Tages Reise in eine gute Nacht begleiten will.