Late Night

Plasbergs fitte Greise und ihr lockerer Hüftschwung

Bei Frank Plasberg saßen Prominente um die 70, die nicht an Ruhestand denken. Peter Kraus kreiste mit der Hüfte, Franz Müntefering verwies auf seine 40 Jahre jüngere Gattin.

Foto: dpa / dpa/DPA

Älterwerden kann schön sein. Wo liegt das Problem? Wer im Ersten „Hart aber fair“ mit Frank Plasberg sah, sah vor allem: Menschen jenseits des gesetzlichen Renteneintrittsalters, die in ihrem Leben Erfolg haben – und auch mit den Jahren keinen Grund sehen, ihre Karrieren gegen graues Nichtstun auszutauschen. Das kann man ihnen wohl kaum verdenken.

Für unser Land muss das ja auch nicht schlecht sein: Menschen, die ganz gut aussehen und die weitermachen, ihre Erfahrung mit ihrem über Jahrzehnte gestählten Selbstbewusstsein kombinieren und damit anderen als Inspiration dienen – als beruflicher Mentor, als gesellschaftliche Richtgröße oder einfach als belebende Unterhaltung.

Der Zwang zur Jugendlichkeit

Wie zum Beispiel Peter Kraus, 72, der mit der gleichen Frisur wie vor 45 Jahren in der hellbraunen Lederjacke von seinem Stuhl aufspringt, mit den Hüften kreist und sich im Rock’n’Roll-Schritt tief nach hinten beugt.

Ein kurzer Moment Fremdscham, und doch gewinnt der Senior-Künstler in dieser Runde mit seiner unverblümt auf jugendlich getrimmten Art sekündlich an Sympathie. „Eine Parodie auf mich selber“, nennt Kraus seinen Stil – und hat damit die These der Sendung geschickt ausgekontert. „Alt werden nur die anderen – wenn fit bleiben zur Pflicht wird!“, so lautete das Motto des Talks.

Jugendwahn? Anpassungsdruck? Sozialer Verfall? Sollten Frank Plasberg und sein Team davon ausgehen, dass es diese Probleme in unserer Gesellschaft in relevanter Ausprägung gibt – worauf der Titel hindeutet –, dann haben sie jedoch mit ihrer Sendung den Blick von ihrer Diagnose weg gelenkt.

Oder, wie SPD-Urgestein Franz Müntefering, 71, sagt: „Wir müssen aufhören darüber zu reden, ob wir uns alt oder jung fühlen, sondern wir müssen einfach leben.“ Punkt.

Gewissermaßen als Ikone der zwanghaften Ausrichtung auf Jugendlichkeit war der ehemalige RTL-Chef Helmut Thoma , 72, eingeführt worden, der Mann, der fürs deutsche Fernsehen die werberelevante Zielgruppe von 14 bis 49 Jahren erfand und sich deshalb gegen allerlei Vorwürfe wehren muss.

Eine milde Attacke gab es auch von TV-Moderatorin und Buchautorin Alida Gundlach, 68, die Thoma entgegenhält: „Übers Alter geredet wird erst, seit Sie die Quote eingeführt haben.“ Vorher, zu Großmutters oder Mutters Zeiten, habe es da keine Abstempelungen gegeben. Aber irgendwie scheint es seit Thoma wiederum auch nicht so schlimm zu sein, zumindest baut niemand in der Runde den Vorwurf zu einer substanziellen Kritik aus. Und so kann Thoma ganz in Ruhe von den Plänen für einen neuen TV-Sender mit ultrajunger Zielgruppe reden und seine Sicht der Dinge preisgeben: „Warum sollen die Leute sich nicht jung fühlen und dazugehören? Ich finde das sehr positiv.“

Die fünf Talk-Gäste sind zwar äußerlich gereift, aber Alte sind sie noch lange nicht. Unter Druck, ihr Lebensalter kaschieren zu müssen, scheint keiner von ihnen zu leiden.

Da wirkt es überhaupt nicht krampfhaft, wenn Peter Kraus davon erzählt, wie er sich im Alltag fit hält – mit Übungen beim Zähneputzen oder im Bus. Das sei für ihn sogar eine Pflicht, aber eben keine negative – sondern „sein Glück“. Er sehe von sich fast nur den Körper. „Deshalb versuche ich, schlank zu sein. Das bin ich auch meinem Publikum schuldig.“

„Altwerden fängt ganz früh an“

Was Plasbergs Publikum recht lebhaft vor Augen geführt wird, ist eine spannende gesellschaftliche Realität: Das Auflösen von starren Denkmustern, beispielsweise mit Blick auf das fix vorgegebene Ende der beruflichen Wirkungszeit; das Überwinden kollektiver Vorurteile, wonach Rentner gewisse Dinge eben zu lassen haben; und allen voran die immer stärkere Verantwortung des Individuums für sein eigenes Leben: „Der Körper wird viel schneller alt als der Geist. Wenn der Geist trainiert wird und jung bleibt, dann kann das Alter noch schön sein“, sagt Unternehmer Claus Hipp, 72.


Oder, wie Moderatorin Gundlach sagt: „Es ist eine Investition in die Altersvorsorge, wenn man Geist und Körper trainiert.“

Im Kern lässt sich gegen diese Botschaft nichts einwenden, auch nicht vom Sozialdemokraten Müntefering: „Altwerden fängt ganz früh an“, sagt der und ruft zur Bewegung auf. Vorbeugung als Aufgabe jedes Einzelnen – auch daran kann es kaum etwas auszusetzen geben. Im Allgemeinen.

Und doch wird es viele Menschen geben, die über die Botschaft wütend sind. Ist es denn nicht auch für allzu viele Menschen ein Problem, mit Mitte 60 noch einen sozialversicherungspflichtigen Job zu bekommen? Gibt es nicht Berufe, die Menschen körperlich so zusetzen, dass mit Ende 50 Schluss ist?

Das Verhältnis zum Altern ist eben auch eine Frage der Perspektiven. Und die geladenen Gäste ließen keinen Zweifel daran, dass diese bei ihnen ganz gut sind.

Wenn die junge Ehefrau fit hält

Ein paar weitere Denkansätze brachte der Abend neben dem Appell zur Eigenverantwortung noch. Auf politischer Ebene, meint Franz Müntefering, sei es wichtig, die Erwerbstätigenquote für Betagte weiter zu erhöhen. „Ob sich einer jung fühlt oder alt, entscheidet sich daran, ob jemand eine Aufgabe hat. Wir müssen den Älterwerdenden eine Chance geben.“

Was das aber sein könnte, blieb schleierhaft. Kindernahrungs-Produzent Hipp immerhin fand, es sei an der Zeit, überparteiliche Seniorenräte zum festen Bestandteil der Demokratie zu machen. Und in der Unternehmenswelt setzt er ein Beispiel. Als Chef, aber nicht als Diktator, will er mit den nachfolgenden Generationen zusammenarbeiten und Verantwortung abgeben. Die demographische Entwicklung bringt ihn zu dem Schluss: „Wir werden in Deutschland gar nicht umhinkommen, länger zu arbeiten. Die älteren Mitarbeiter werden geschätzt werden in Zukunft.“

Übrigens auch ein Modell, das Franz Müntefering im Privatleben beherzigt. Das Zusammenleben mit seiner 40 Jahre jüngeren Frau verglich er mit den Erfahrungen in Partei und Wirtschaft. „Ich habe immer gewusst, dass man die verschiedenen Generationen zusammenhaben muss, dann ist man wirklich gut. Das ist auch in den meisten Firmen so.“

Buchautorin Gundlach sieht in Münteferings Beziehung allerdings kein Zukunftsmodell. „Ich glaube nicht, dass so was auf Dauer gut geht.“