Late Night

Jauch findet im kollektiven Rentenfrust seine Grenze

Wer hätte das gedacht: Von der Leyen (CDU) und Lafontaine (Linke) sind in der Rentenpolitik auf einer Linie. Die beiden brachten Jauch nach nur einem Monat ans Limit.

Noch im Vorspann seiner Sendung zum Thema Rente warb Günther Jauch um die Zuschauer aller Altersklassen, weil für jeden etwas dabei sei. Nach 60 Minuten Durcheinander zog er dann selbst ein überaus ernüchtertes Fazit seiner vierten Sonntagabend-Talkshow. "Ich kann mir vorstellen, dass manche frustriert aus der Sendung rausgehen." Kein Wunder.

Am kommenden Dienstag ist es genau 29 Jahre her, dass Norbert Blüm als Bundesarbeitsminister in die Regierung von Kanzler Helmut Kohl (CDU) berufen wurde. Die ganzen 16 Jahre der Kohl-Regentschaft blieb Blüm als Arbeitsminister auch für die Renten verantwortlich – und so lange wiederholte er sein Mantra "die Rente ist sicher."

Ob sie mit diesem Satz heute noch Wahlkampf machen würde, fragte Jauch Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU). Die naheliegende Frage dürfte die Politikerin schon mehrfach gehört haben, jedenfalls wirkte ihre Antwort wohl überlegt.

So ungerecht ist die Rente heute

"Ich würde mit dem Satz 'Die Rente ist sicher' in den Wahlkampf gehen, wenn wir als Gesellschaft sagen, Arbeit, Familie und Vorsorge, diese drei Dinge müssen stimmen." Anders formuliert: Liebe Leute, arbeitet, bekommt Kinder und riestert , dann kommt ihr als Alte über die Runden.

Dass es aus den unterschiedlichsten Gründen im Leben vieler nicht so rund läuft, zeigte Jauchs Redaktion durch vorab gesammelte Stimmen. Da kamen um die Altersvorsorge ihrer Enkel besorgte Großeltern ebenso zu Wort wie eine alleinstehende Frau, die nach einem arbeitsreichen Leben nur etwas mehr als 700 Euro im Monat zur Verfügung hat.

Für die Bundesarbeitsministerin eine Steilvorlage: Denn sie arbeitet ja an einer ab dem Jahr 2013 geplanten Zuschussrente für Geringverdiener . Während Menschen, die ihr Leben lang nicht gearbeitet haben, nur die Grundsicherung durch Hartz IV bekommen, soll diese Zuschussrente höher ausfallen.

850 Euro im Monat sieht von der Leyen für ihre neue Rente vor. Von dieser sollen besonders Frauen profitieren, die wegen der Kindererziehung nicht arbeiten konnten und entsprechend geringe gesetzliche Rentenansprüche haben.

Heutige Rentenformel ein Skandal?

Unterstützung bekam die Ministerin von dem ihr politisch am fernsten stehenden Politiker. Oskar Lafontaine, Ex-Linken-Chef und nun Fraktionschef der Linken im saarländischen Landtag, sagte, "was Sie da alles vorschlagen: Machen Sie es, Sie kriegen meine Unterstützung." Aber wenn CDU und Linke bei der politischen Lösung von Rentenproblemen auf einer Wellenlänge liegen, gibt es da überhaupt noch Probleme?

Zumindest scheint es so, dass von der Leyen mit ihrer Zusatzrente den richtigen Nerv getroffen hat. Denn der immer wieder für seine Statements mit Applaus belohnte Lafontaine machte als einzigen Skandal die jetzige Rentenformel aus. Wer für tausend Euro im Monat gearbeitet habe, bekomme nur 400 Euro Rente: "Diese Rentenformel muss unbedingt wieder geändert werden." Aber weil von der Leyen mit ihrer Zuschussrente genau auf dieses Problem zielt, hatte der Linken-Politiker politisch kein Gegenmodell zur CDU-Politikerin.

In einem Kuddelmuddel aus vielen Einspielfilmen und vielen nur kurz angesprochenen Aspekten entstand in dem unkontroversen Talk so nur mühevoll ein zweiter Strang. Dieser hatte aber am ehesten mit dem Thema der Sendung zu tun. Denn dieses lautete "Alte an die Arbeit! Können wir uns Rentner überhaupt noch leisten?".

Rente mit 69 ist unausweichlich

Hier durfte der frühere McKinsey-Chef Herbert Henzler seine mit dem Ex- Ministerpräsident von Baden-Württemberg Lothar Späth (CDU) erarbeitete Idee eines neuen Generationenpakts vorstellen: Junge Menschen sollen ein soziales Pflichtjahr ableisten, das Renteneintrittsalter soll steigen und ältere Menschen sollen sich mit Zeitkonten ihre eigene Pflege sichern, lautet das Modell verkürzt.

Das soziale Pflichtjahr kassierte dabei allerdings von der Leyen als Idee im Handumdrehen ein: Ein Pflichtarbeitsdienst gehe schon aus Verfassungsgründen nicht. Das höhere Renteneintrittsalter – also die Rente mit 69 – wurde in der Runde so wenig diskutiert, das es wie unausweichlich im Raum stand. Zumal der frühere nordrhein-westfälische Ministerpräsident Norbert Rüttgers (CDU) gleich die komplette Abschaffung des gesetzlichen Rentenalters gefordert hat. Doch darauf wurde nicht eingegangen. Am spannendsten, weil allgemein bisher wenig diskutiert, erschien da noch die Idee der Zeitkonten.

Hier zeigte Jauch am Beispiel der schwäbischen Gemeinde Riedlingen, wie das Modell funktionieren könnte. In dem gezeigten Beispiel fuhr ein Mann jeden Tag zwei Stunden lang Essen auf Rädern aus – so, wie es in vielen Orten üblich ist. In Riedlingen bekommt er diese Zeit auf ein Konto gutgeschrieben.

Wenn er selbst einmal auf solch eine Hilfe angewiesen ist, wird er selbst mit Essen auf Rädern beliefert, ohne dafür zahlen zu müssen – er kann einfach zunächst seine angesammelten Stunden nutzen und aufbrauchen. "Ich finde den Gedanken Klasse", sagte von der Leyen.

Allerdings funktioniert die Idee ja in Riedlingen schon seit Jahren, ohne dass dafür der Bund hätte einspringen müssen. Oder wie es der in der Runde nur gelegentlich zu Wort gekommene Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen, Lasse Becker, sagte: "Bürgerliches Engagement sollte man auch vor Ort bürgerlich entscheiden lassen."

Doppelbelastung für die desillusionierten Jungen

Ansonsten setzte der mit Abstand Jüngste der Runde beim Lösen der Rentenprobleme vor allem auf das liberale Schlagwort der Eigenvorsorge. "Wir müssen den Schritt gehen hin zu einem Modell, das mehr auf das eigene Ansparen setzt."

Becker, der noch nicht geboren war, als Blüm Arbeitsminister wurde, zeigte sich beim Thema Rente vor allem desillusioniert. Er habe keine besonderen Erwartungen an seine eigene Rente, sagte der 28-jährige Nachwuchspolitiker. Damit dürfte er vielen seiner Generation und auch der Generation der Unter-40-Jährigen aus der Seele gesprochen haben.

Jauch hätte den Jüngeren womöglich eine Freude gemacht, wenn er sein Thema "Alte an die Arbeit!" konsequenter beackert hätte. So blieben vor allem Fragezeichen zurück. Das muss tatsächlich für jeden frustrierend sein, der zu Beginn der Sendung Jauchs vollmundige Ankündigung eines Renten-Talks für alle Altersklassen Ernst genommen hat.