Late Night "Illner"

"Helden sind die mit den meisten Überstunden"

Enke, Rangnick und Hannawald – Maybrit Illner wollte wissen, warum Leistungsträger immer öfter psychisch ausbrennen. Reden sich manche den Burn-out vielleicht bloß ein?

Ob vor dem 22. September jenseits der Fußballwelt viele Menschen den Namen Ralf Rangnick kannten? Wohl eher nicht. Doch seit seinem öffentlichen Burn-out-Bekenntnis ist der ehemalige Schalke-Trainer von der Titelseite des "Kicker" auf die Cover von "Bunte", "Stern" und anderer Blätter gewandert.

Rangnicks Krankheit hat Gesprächsbedarf ausgelöst. Und so griff nach Anne Will in der ARD auch Maybrit Illner im ZDF das Thema auf und fragte: "Muss bald ganz Deutschland auf die Couch?", wobei sie gleich hinterher schob: "Oder reden wir uns ein Problem ein?".

Für die Antwortsuche schlug sie einen weiten Bogen vom IG-Metall-Gewerkschafter Sieghard Bender, der in psychischen Erkrankungen eine Zeitbombe sieht, zu dem Unternehmer Stefan M. Knoll, der Burn-out eher für eine Modeerscheinung hält.

Dazwischen platzierte sie Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU), den früheren Arzt und jetzigen Kabarettisten Ludger Stratmann und Skisprung-Legende Sven Hannawald als Betroffene – sowie Jörg Neblung, der Freund und Berater des vor knapp zwei Jahren durch einen Suizid verstorbene Fußball-Nationaltorhüter Robert Enke.

Wird Burn-out überdramatisiert?

Enke und Rangnick kommen aus dem Fußball – diese Parallele klingt zunächst logisch. Aber sind die Fälle des vor seinem Suizid schon seit Jahren depressiven Enke und des ausgebrannten Rangnick ansonsten vergleichbar? Wird Rangnicks Fall und das häufig berichtete Ausgebranntsein der Leistungsträger damit nicht überdramatisiert und gerät das eigentliche Problem aus dem Blick?

Im Prinzip schon. Neblung befand, dass Rangnick "sehr weit weg von einer klinischen Depression" wie im Fall seines toten Freundes Enke sei. Aber der bis heute als Berater von Sportlern tätige Kölner gab eine ganz schlüssige Rechtfertigung für seine Auswahl als Gast bei Illner.

Der Fall Enke habe nämlich dazu geführt, dass in Deutschland jetzt viel offener über psychische Probleme gesprochen werde. Früher seien die Niederlande oder die USA weiter gewesen. "Inzwischen glaube ich, dass wir die Nation sind, die den größten Wissensstand hat."

Die Akzeptanz psychischer Erkrankungen sei gewachsen und ihre Entstigmatisierung fortgeschritten, sagte Neblung. Ob in Deutschland wirklich das Wissen schon so groß ist und die früher als "Psychos" verschrieenen Erkrankten heute gesellschaftlich adäquat behandelt werden, sei dahin gestellt. Als Beleg für Neblungs These eines durch den Fall Enke reifer gewordenen Umgangs mit psychischen Erkrankungen könnte aber doch das Gespräch bei Illner gelten.

Hannawalds Burn-out und das Ende der Karriere

Denn trotz durchaus unterschiedlicher Meinungen gab es wenige klischeehafte Aussagen, sondern eher nachdenkliche Reaktionen auf die Aussagen des jeweils anderen. Alleine Illner fiel da ein bisschen aus der Rolle, da sie eine Spur zu fröhlich mit Neblung über den dramatischen Tod Enkes im November 2009 sprach.

Aber wie einschneidend ist nun ein Burn-out? Für Sven Hannawald, der spätestens mit seinem Gewinn der Vierschanzentournee im Jahr 2002 ein Superstar wurde und danach zusammenbrach, war es sehr einschneidend. Er musste seine Karriere beenden.

"Die Leute, die wirklich Burn-out haben, machen da keine Scherze drüber", sagte der nach erfolgreicher Therapie nun Autorennen fahrende Sportler. Er selbst habe immer eine "gewisse Unruhe" verspürt, beschrieb er seine Symptome. Dem Kabarettisten Stratmann ging es ähnlich, als er seine Praxis als Arzt mit 150 Patienten am Tag aufgab.

Von einem Burn-out spricht er aber nicht. Solche Leute könnten anders als er damals überhaupt nichts mehr mit sich anfangen. Eine von vielen Menschen immer mal wieder gespürte Erschöpfung sei noch harmloser. "Wer keine Lust hat zu arbeiten, der hat keinen Burn-out, der braucht eine Woche Schwarzwald", sagte Stratmann lapidar.

Ist also doch bei vielen alles nur eingeredet? Oder hat wiederum der in einem Einspielfilm zitierte Arzt Recht, wonach 20 bis 25 Prozent aller Beschäftigten mit Blick auf psychische Erkrankungen gefährdet seien?

Wer eine Antwort dazu erwartet hat, wurde enttäuscht. Auf ein wachsendes Massenphänomen hindeutenden Statistiken stand im Gespräch die Erkenntnis gegenüber, dass die Probleme sehr individuell und verschiedenartig sind. Wer in dem sich nur langsam entfaltenden Gespräch aber zuhörte, konnte durchaus Nützliches heraus filtern.

Der als besorgter Arbeitgeber auftretende Versicherungsunternehmer Stefan M. Knoll etwa riet gestressten Angestellten zu Selbstbewusstsein. Sollte der Arbeitsplatz ein auslösender Faktor für psychische Probleme sein, könne er nur sagen: "Dann muss man kündigen und sagen, ich suche mir eine andere Firma." Heutzutage seien die Firmen viel mehr auf gute Arbeitskräfte angewiesen – und gerade die Burn-out-Patienten seien ja als Leistungsträger bekannt.

Helden sind die mit den meisten Überstunden

Eine andere Unternehmenskultur forderte dagegen Ministerin Haderthauer. Sie habe in ihrem Ministerium die Maxime ausgegeben, dass die Abteilungen mit den meisten Überstunden die am schlechtesten organisierten Abteilungen sind. Als sie dies ihren Leuten das erste Mal gesagt habe, hätten diese verwundert geschaut. Aber es dürfe nicht mehr gelten, nur "der ist der Held, der die meisten Termine und die meisten Überstunden hat."

Offenbar gab es auch schon vor dem Fall Rangnick bei einigen die Erkenntnis, dass es so wie bisher nicht weiter gehen kann mit dem Druck am Arbeitsplatz. Denn laut Gewerkschafter Bender will die IG Metall psychische Erkrankungen nun mit Nachdruck problematisieren. "Wir sind dabei, das Thema überall in den Mittelpunkt zu stellen."

Ein Patentrezept habe aber auch die Gewerkschaft nicht, räumte der Baden-Württemberger ein. In Deutschland herrsche trotz des Falls Enke und jetzt des Falls Rangnick auch noch immer eine fatale Mentalität, die Schwächen nicht verzeihe: "Wenn du mal ausfällst, bist du kein Leistungsträger mehr, dann bist du leistungsträge."