Seefestspiele am Wannsee

Schlöndorff verlegt "Carmen" ins heutige Berlin

Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff inszeniert "Carmen" am Wannsee und wird die Handlung des Musiktheaters an die Spree verlegen.

Foto: Marion Hunger

Es gibt Großkünstler, die sich mit der Limousine vorfahren lassen, andere pflegen das Understatement und kommen per Fahrrad. Volker Schlöndorff meint, er könne mit „dem Paddelboot an den Ort des Geschehens kommen“. Nein, der immer so freundlich lächelnde Oscar-Preisträger („Die Blechtrommel“) ist nicht verrückt geworden: Aber der in Potsdam lebende Filmregisseur wird im kommenden Sommer am Wannsee bei den Seefestspielen Bizets Oper „Carmen“ inszenieren. Er nennt das Ganze ein Heimspiel.

Gerade mal vor drei Wochen ist er gefragt worden, und deshalb wollte er bei der gestrigen Verkündung im Cinema Paris am Kurfürstendamm eigentlich noch gar nichts sagen. Weil es doch noch viel zu früh sei, wie er meint. Was stimmt: Die Premiere ist am 16. August 2012. Andererseits habe er sofort eine schlaflose Nacht gehabt – und damit viele Ideen. „Wie immer zu viele Ideen“, sagt Schlöndorff: „Die meisten werden aber bei der Arbeit wieder eliminiert.“

Auch ein Stück Kino

Davon kann Katharina Thalbach, die in diesem, im ersten Festivaljahr eine Mozartsche „Zauberflöte“ als übermütiges Spektakel hinlegte, ein Lied singen. Denn die Seefestspiele waren zunächst einmal Wanderfestspiele, die aus bürokratischen Gründen von Potsdam über den Wannsee hinauf ins Strandbad wackelten. Dort im Trocknen soll auch die „Carmen“ stattfinden. Aber wer sagt, dass der Wannsee in seiner Inszenierung keine Rolle spiele? Fragt Schlöndorff und grinst verschmitzt in die Runde, bis auch der Letzte begriffen hat, dass seine Oper auch eine Stück Kino auf großer Leinwand sein wird.

Als Filmemacher wird Schlöndorff vor allem für seine Literaturadaptionen verehrt, dazu gehören „Die Fälschung“ von 1981 nach Nicolas Borns Roman oder seine Verfilmung von Max Frischs „Homo Faber“ 1991. Für seine „Blechtrommel“ nach Günter Grass erhielt er bereits 1980 den Oscar. Derzeit ist der 72-Jährige in Babelsberg mit der Synchronisation seines Films „Das Meer am Morgen“ beschäftigt. Der soll bei der kommenden Berlinale in der Panorama-Reihe gezeigt werden. Aber auch das will Schlöndorff eigentlich noch gar nicht verraten.

Zwischendurch murmelt der Filmemacher etwas, was wie sein offizielles Statement klingen soll. „Stierkampf am Wannseestrand, ein sexy Sportler, ein eifersüchtiger Polizist und eine langhaarige Sinti/Roma, die versucht ihre Freiheit zu verteidigen: das dürften wohl genug Elemente für ein Schauspiel sein. Als Zugabe noch ein großes Orchester und eine laue Sommernacht. Nein, mal im Ernst, diese Carmen ist auch nach über hundert Jahren Messerstecherei nicht umzubringen, zu realistisch ist die Story, zu stark die Emotionen. Da kann man doch nicht Nein sagen.“ Seine schlaflose Nacht in Potsdam hat doch schon ein Konzept hervorgebracht. Demnach wird seine „Carmen“ im heutigen Berlin spielen, ein Sozialstück um den Kudamm herum. Ursprünglich spielt die Oper in Sevilla um 1820. Aber das Spanische interessiere ihn nicht, sagt Schlöndorff und fügt später zur Beruhigung hinzu: „Es wird auch Fächer geben“. Natürlich muss er liebgewordene Klischees bedienen, gerade bei Freiluftveranstaltungen, zu denen sich Zehntausende einfinden sollen. Er sei der „perfekte Regisseur für diese Oper“, versichert Peter Schwenkow, Gründer der Seefestspiele.

Mit dem Berliner Milieu hat Schlöndorffs Vorgängerin Katharina Thalbach schon gespielt. Die ist aber auch ein durch und durch Berliner Pflänzchen. Schlöndorff, der gebürtige Wiesbadener, hat ihre „Zauberflöte“ allerdings nicht gesehen. Wenn er freundlich sagt, dass die Latte für ihn hoch liege, dann steckt dahinter wohl die Lebensweisheit, dass es einen auch selber erhebt, wenn man die Konkurrenz lobt. Befreundet ist man außerdem. Wobei Volker Schlöndorff deutlich konservativer ist, was die Oper angeht.

Als Geschichtenerzähler getrimmt

Dass sich die Opernhäuser zeitweilig stark für Filmregisseure interessierten, erklärte er einmal damit, dass sie darauf getrimmt seien, Geschichten zu erzählen. Schlöndorff steht auch dazu, dass Schönheit nichts Reaktionäres ist. Da die Carmen – auch musikalisch – von der Schönheit lebt, fällt ihm das Stück möglicherweise zu. In Berlin ist längst bekannt, dass er ein Opernliebhaber ist.

Genau genommen war Schlöndorff einer der ersten Filmregisseure in Deutschland, der auch Opern machte. Bereits 1966 war er für seinen ersten Film „Der junge Törless“ zu einem jungen Opernkomponisten gegangen. Der schrieb ihm die Musik und verlangte im Gegenzug, dass Schlöndorff ihn einmal inszeniere. Auf die Weise kam es 1976 zur Premiere von Hans Werner Henzes „Der junge Lord“ an der Deutschen Oper. Zuletzt hat Schlöndorff dort vor sechs Jahren Janaceks „Aus einem Totenhaus“ inszeniert. Die Kritik war seinerzeit verhalten, das Publikum angetan. Er selbst wollte nach „der schlechten Erfahrung“ keine Oper mehr machen. Und sich lieber auf „sein Kerngeschäft, den Film besinnen“, wie er heute sagt.

Natürlich möchte Schlöndorff nicht erklären, was damals alles in Charlottenburg vorgefallen ist. Dann gibt es zumindest einige Andeutungen. Geholt habe ihn Dirigent Christian Thielemann, der kurz darauf als Generalmusikdirektor hinwarf. Den Vertrag unterzeichnete ein Intendant, wohingegen er von dessen Nachfolgerin Kirsten Harms betreut wurde. Die Deutsche Oper habe er „eher als große Verwaltung denn als künstlerischen Apparat wahrgenommen“. Seine mehrjährige Abstinenz will er aber – und das ist seine Seriosität – hauptsächlich mit den unterschiedlichen Planungsrhythmen erklärt wissen. Ein Opernspielplan werde zwei bis drei Jahre im Voraus geplant, wohingegen Filmdrehpläne von heute auf morgen entstehen. Normalerweise kollidieren also Opern- und Filmprojekte, aber – so Schlöndorff – die Seefestspiele mitten im August würden genau in seinen Terminkalender passen. Seine Freude über das Opernprojekt klingt rundum echt an diesem Vormittag. Er schwärmt von der Magie der Probenarbeit. Und denkt heute schon über den Wetterbericht vom kommenden August nach. Ihm stehen noch einige schlaflose Nächte bevor.

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