Bombast-Pop

Florence Welch – Nonnenchor im Todesfahrstuhl

Kleine Feste gegen den Untergang: Florence and the Machine ergründen auf "Ceremonials" die faszinierenden Mächte der Finsternis und des Schmerzes.

Unter denjenigen weiblichen Popstars, die in letzter Zeit für ihre voluminösen Stimmen gerühmt wurden, ist Florence Welch die aufregendste. Die 25-jährige Londonerin ist musikalisch vielschichtiger als die mit Retro-Soul supererfolgreiche Adele, sie wirkt weit weniger angestrengt als die gehypte Lana del Rey, die über aufgespritzten Lippen auf Femme fatale mit 50er-Jahre-Hollywood-Glamour macht, und sie ist um einiges lebendiger als die arme Amy Winehouse.

Mit der verbindet Florence jedoch ein gewisser Hang zur alkoholbefeuerten Selbstzerstörung: „Ich bin ein Kontrollfreak und will immer, dass alles perfekt ist“, erzählt sie unbeschwert, im Schneidersitz im Plüschsessel eines Berliner Hotels sitzend: „Wenn mir alles zu viel wird, antworte ich nicht mehr auf Anrufe, ziehe um die Häuser und tauche erst nach drei Tagen wieder auf.“ Ihre Augenringe, die zu überschminken sie sich an diesem Tag keine Mühe gegeben hat, sind aber wohl eher ein Resultat ihrer aktuellen Promotion-Tour als eines von durchfeierten Nächten.

Der Nebenbuhlerin ein Auge ausstechen

Von denen allerdings wird sie seit dem Erscheinen des Debütalbums ihrer Band Florence and the Machine 2009 einige gehabt haben: „Lungs“ verkaufte sich weltweit mehr als zwei Millionen Mal. Sie sang davon, wie sie einer anderen Frau aus Eifersucht ein Auge ausstach, von einem allzu geschwätzigen Vogel, dem sie nach dem Leben trachtete, und von Prügeleien mit ihrer Intimbeziehung (er zieht ihr einen Teller über den Kopf, sie verpasst ihm eine Ohrfeige und zündet das gemeinsame Bett an).

Übersetzt in bewegte Bilder, entsprächen ihre Songs einem leicht angegruselten Fantasy-Film, weshalb es nur sinnfällig war, dass Florence 2010 ein Lied für die „Twilight“-Saga schrieb. Ein anderer tauchte in Julia Roberts’ Selbstfindungsstreifen „Eat Pray Love“ auf, machte das breite Publikum mit der Musikerin bekannt.

Bei Designern und Mode-Bloggern gilt Florence mit ihrer statuesken Figur und dem herben Renaissance-Gesicht inzwischen als Stil-Ikone. Ihr offenkundiges Vorbild ist Elizabeth Siddal, das Lieblingsmodell jener Londoner Malergruppe, die im England des mittleren 19. Jahrhunderts unter dem Namen Präraffaeliten bekannt wurde. Mit ihren kupferfarbenen Haaren, dem aristokratisch blassen Teint und der bisweilen ätherischen Anmutung, die sie durch das Tragen von hochgeschlossenen, bodenlang wallenden Vintage-Kleidern noch betont, gleicht Florence der viktorianischen Muse frappierend.

Diese lag dem Maler John Millais im eiskalten Badewannenwasser so lange Modell für seine „Ophelia“, dass sie anschließend an einer Lungenentzündung erkrankte. 1862, mit 32 Jahren, brachte sich Siddal aus Kummer über den Tod ihres ungeborenen Kindes mithilfe einer Überdosis Opium um.

So wie die äußere Gestalt Elizabeth Siddals in Florence Welchs Bühnenpersona widerhallt, spiegeln sich auf dem neuen Album „Ceremonials“ die Motive des kurzen Lebens ihres Idols. Es ist nicht länger das wütend um sich schlagende Ich, das dem Album seine gewalttätige Dimension verleiht, sondern das Zusammenspiel anderer, größerer Mächte: die Natur, Depressionen und der Tod.

Das unterscheidet Florence von ihren Kolleginnen Feist und Björk, die im Plattenladen unter dem Buchstaben P wie „Pop-Elfen“ zu finden sind und auf deren aktuellen Alben die Natur als Ort des Friedens und des Heils gefeiert wird. In Florence Welchs Welt sind Bäume nicht dazu da, um unter ihnen klampfend herumzutänzeln, sondern um sich aus ihren Kronen zu stürzen.

Die Kraft, mit der der Ozean Menschen verschlingt

Das Meer schätzt sie nicht wegen des sanft einlullenden Plätscherns, mit dem die Wellen an den Strand schlagen; sie ist fasziniert von der unbezwingbaren Kraft, mir der der Ozean Menschen verschlingt und unrettbar in die Tiefe zieht. In „What the Water Gave Me“, der ersten Single des neuen Albums, zitiert die ehemalige Kunststudentin den Titel eines Gemäldes von Frida Kahlo; im gleichen Song verweist sie auf den Selbstmord der Schriftstellerin Virginia Woolf, die 1941 ihre Taschen mit Steinen füllte und sich im Fluss ertränkte.

Ihre ganz offensichtliche Faszination für Seelenpein und Tod führt die Musikerin auf ein einschneidendes Erlebnis zurück: Ihre manisch-depressive Großmutter nahm sich durch einen Sturz aus dem Fenster das Leben, da war Florence gerade 14 Jahre alt. „Auf ihrer Beerdigung veranstaltete ich meine eigene kleine Feier, schlug ihr zu Ehren Räder und flocht kleine Blumenkränze. Ich mag Friedhöfe bis heute, weil sie einen so lebendig fühlen lassen.“

Songs von erhebender Wirkung

Womit sie das paradoxe Grundprinzip von „Ceremonials“ beschrieben hätte: Denn trotz ihrer textlichen Düsternis haben ihre Songs eine erhebende Wirkung: So empfängt Florence Welch etwa in „Breaking Down“ den sowieso unausweichlichen Zusammenbruch gleich mit Streichern und einem hymnischen Refrain. Sie selbst hat für den Klang ihre Musik einmal das allerbeste Bild geliefert: Ein Chor von Nonnen, eingeschlossen in einem sich im freien Fall befindlichen Fahrstuhl. Die Songs auf „Ceremonials“ sind viereinhalb Minuten lange Feste, die sie dem Wahnsinn und dem Tod entgegensetzt.

Während es beimDebüt noch darum ging, es mit bescheidenen Mitteln groß und teuer klingen zu lassen, stand nun alles zur Verfügung, um ihren Geschichten den Raum und die Begleitung zu geben, die sie verlangen: Die Abbey Road Studios zum Beispiel, jede Menge Streicher und Gospelchöre, für die nicht lediglich Florence’ eigener Gesang mehrfach übereinandergeschichtet wurde.

Der Wille zur Wucht spricht aus jedem einzelnen Stück: „Heartlines“ ist mit Trommeln, Handclaps und Vogel-Geschrei wild tribalistisch, in „Lover to Lover“ demonstriert sie zu den Klängen eines Saloon-Pianos, warum ihre Stimme in manchen Momenten zu Recht mit der Aretha Franklins verglichen wird, um dann bei „Seven Devils“ zu Klimperklavier, Gespensterrufen und Gänsehaut erregenden Geigen den Soundtrack für einen Ritt in der Geisterbahn zu singen.

Schutzlack gegen die Zumutungen des Alltags

Träger eines Herzschrittmachers und Verfechter musikalischer Minimalismen mögen dem Produzenten des Albums Paul Epworth vorwerfen, er habe hier ein wenig zu tief in die Effektkiste gegriffen und dort ein bisschen überproduziert, während sich einige Mitbewerberinnen ganz sicher die Extensions raufen, so aufwühlend ist noch das ödeste Stück (es heißt „Spectrum“) des durchgängig auf höchster Erregungsstufe rotierenden Albums.

Mit all seinem Drama und seiner Intensität ist „Ceremonials“ in der Lage, jeden trüben Dienstagvormittag mit einen aggressiv funkelnden Schutzlack gegen die Zumutungen des Alltags zu versehen. Und das ist ja das Tollste, zu dem Pop imstande ist.

Florence and the Machine: Ceremonials (Island/Universal)