Staatsballett Berlin

Wenn ein Star-Tänzer das Tanzen aufgibt

Das Staatsballett Berlin ist endgültig nach Charlottenburg umgezogen. Sein Star Vladimir Malakhov kommt mit, aber tanzen wird er vorerst nicht mehr. Er wechselt die Position.

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Das Staatsballett Berlin steht vor einem Neuanfang, und das sogar im zweifachen Sinne. Zunächst einmal nimmt das Ensemble dieser Tage seinen neuen Hauptsitz in der Deutschen Oper in Besitz. Ähnlich wie die Opernleute mussten die Tänzer das marode Gebäude Unter den Linden verlassen, allerdings mit einem Unterschied: Die Tänzer kehren nach der Sanierung nicht mehr nach Mitte zurück. Das Staatsballett mit seinen 88 Tänzern aus 25 Nationen gehört von nun an zu Charlottenburg.

Die ersten Tänzer, heißt es, sind bereits auch privat von Mitte nach Charlottenburg umgezogen. Den zweiten, beinahe überraschenden Neuanfang vollzieht der Russe Vladimir Malakhov, der zu den begnadetsten Tänzern unserer Zeit gehört – oder gehörte, denn irgendwann nähert sich jede Karriere ihrem Ende. Malakhov (43) will jetzt offenbar in sein Amt als Intendant hineinwachsen.

Rücksprache mit den eigenen Knien

Die Jahresvorschau war sein erster gewichtiger Auftritt als Intendant: In brüchigem Deutsch erklärt er die Pläne, beantwortet Fragen oder weicht ihnen vielsagend lächelnd aus. Denn natürlich kam die Frage, ob er denn selber weiter tanzen werde? Malakhov legt den Kopf zur Seite und sagt nur „Haah!?“ Dann fügt er zögernd hinzu: „Ja, ich tanze.“ Das klang weniger selbstbewusst, sondern eher danach, als wolle er vorher noch einmal ernsthaft Rücksprache mit seinen ausgedienten Knien nehmen.

Der Weg vom gefeierten Künstler zum gesetzten Intendanten ist nicht immer leicht. Ein Künstler ringt immer mit der Wahrhaftigkeit, ein Intendant dagegen muss ein Diplomat sein und Schwachpunkte verschweigen können. So weit ist Intendant Malakhov aber noch nicht. „Tut mir leid“, sagt er etwa unaufgefordert, „in der nächsten Saison wird es keinen ,Nussknacker' geben“. Dann erklärt er, dass die überaus beliebte Inszenierung renoviert werden müsse oder aber vielleicht gleich ganz neu gemacht werde. Und zwischendurch springt er ins Künstlerdasein zurück. Dann hat man das Gefühl, der große Malakhov klatscht gleich in die Hände, während er im Ballettsaal-Sprech von „eine große große Premiere“ spricht oder davon, dass man „braucht große große Sponsor“ für ein Projekt. Natürlich „haben wir so viel fun“, schwärmt Malakhov, als es darum geht, weiterhin die drei Opernhäuser in der Stadt zu bespielen. Er würde am liebsten viel mehr bespielen, denn wegen der ganzen Neuaufstellung sind für die Saison 2011/12 insgesamt nur 94 statt der üblichen 110 bis 120 Vorstellungen geplant.

Ungeachtet dessen zeigt der Tänzer-Intendant stolz sein neues Hauptquartier. Es ist ein Staat im Staate – die früheren Werkstätten in der Deutschen Oper wurden dazu umgebaut. Das Staatsballett residiert quasi unterm Dach des Opernhauses mit Panoramablick über die Stadt. Das ganze Projekt hat 4,6 Millionen Euro gekostet, 820.000 Euro steuerte das Staatsballett aus seinem Etat bei. Jetzt gibt es drei große Ballettsäle, der größte ist 440 Quadratmeter groß und entspricht damit den Bühnenmaßen der Deutschen Oper. Es ist der Tatjana-Gsovsky-Saal – die Ballettdirektorin und Choreographin wirkte einst an Staatsoper und Deutscher Oper. Das zweite Studio ist Gert Reinholm gewidmet, der die Compagnie der Deutschen Oper prägte. Das dritte Studio trägt den Name von Tom Schilling, der das Tanztheater an der Komischen Oper gegründet hatte. Herzstück des neuen Ballett-Imperiums ist das Foyer de la danse, ein holzheller Veranstaltungssaal, von dem die Studios, die Büros, der Konferenzsaal, die Bibliothek, die Zugänge zur Physiotherapie, zur Sauna und den Ruheraum abgehen.

Die Ballett-Gala am 28. September ist der Auftakt zur ersten Spielzeit, die Malakhov und seine Leute vom neuen Hauptsitz aus lenken. Die Gala hat bereits Tradition, dabei werden alljährlich neue Mitglieder und besonders die alten und neuen Stars des Staatsballetts vorgeführt. Noch will Malakhov die Namen der Neuen nicht nennen. Erst gegen Ende dieser Saison, sagt er lächelnd. Wenn er ein kluger Intendant ist, dann wird er einen neuen Malakhov, einen neuen jungen Ausnahmetänzer aus dem großen, unüberschaubaren, russischen Ballettreich bei sich in Berlin präsentieren und auch seiner Compagnie als Maßstab voran stellen. Aber noch ist nicht absehbar, wann Malakhov vollständig im Intendantenamt ankommen wird.

Liebhaber des Handlungsballetts

In der Deutschen Oper findet am 18. November die erste Premiere statt: „Peer Gynt“ von Heinz Spoerli. Der Choreograf wird sein Ballett selbst neu einstudieren – und Malakhov will wieder mittanzen. Am 9. Februar folgt „Romeo und Julia“ von John Cranko für alle Liebhaber des Handlungsballetts. Im Schiller-Theater zeigt das Staatsballett am 27. April einen mehrteiligen Ballettabend „Duato/Forsythe/Goecke“, wobei Marco Goecke erstmals hier eine Uraufführung vorbereitet.

Eine Uraufführung folgt auch am 1. Juni 2012 an der Komischen Oper: Itzik Galili zeigt die abendfüllende Choreografie „Familiar Stranger“. Darüber hinaus geht das Staatsballett erstmals mit zehn Vorstellungen von „Märchenballett ab 4“ ins Theater an der Parkaue. In dem Kinder- und Jugendtheater traf man sich bei der letzten „Langen Nacht der Opern und Theater“, war sich sofort sympathisch und arbeitet jetzt zusammen. Überhaupt spielt das Thema Vernetzung beim Staatsballett eine Rolle: Die Charité ist ein Partner in Gesundheitsfragen, das Institut für Tanzwissenschaft der Freien Universität in Forschungsfragen. Eine Absage erteilt Malakhov der Staatlichen Ballettschule, wo früher die kleinen Schwäne nachwuchsen. „Eine Frage der Qualität“, wiegelt Malakhov undiplomatisch ab. Nichts für seine Compagnie. Das sagt zweifellos der Künstler in ihm, weniger der Intendant.

Das Staatsballett gibt in der Saison 2011/12 insgesamt 94 Ballettvorstellungen in den drei Opernhäusern. Hauptsitz ist die Deutsche Oper. Die Ballett-Gala zum Spielzeitauftakt findet am 28. September 2011 statt. Vier Premieren „Peer Gynt“ (Choreografie: Spoerli) spielt ab 18. Oktober in der Deutschen Oper, gefolgt von „Romeo und Julia“ (Cranko) am 9. Februar 2012. Im Schiller-Theater läuft ab 27. April 2012 „Duato/Forsythe/Goecke“; in der Komischen Oper Galilis „Familiar Stranger“ ab 1. Juni 2012.