Konzert in der Columbiahalle

Alice Cooper stirbt auch in Berlin

Zuletzt starb Schockrocker Alice Cooper unentwegt bei seinen Auftritten. Dieses Ritual führt der US-Sänger auch auf seiner "No More Mister Nice Guy"-Tour fort. Und doch ist Cooper nicht totzukriegen.

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Der Mensch gewöhnt sich an das Grauen, er braucht immer mehr davon. Zuletzt starb Alice Cooper unentwegt bei seinen Auftritten. Durch Strom und Strick, die Eiserne Jungfrau perforierte ihn, die Giftspritze erlöste ihn von seinen Sünden. Er entwertete den Tod durch Inflation auf offener Bühne. Auch die Wiederauferstehungen verloren in der Serie ihren Reiz.

An diesem Abend klettert er auf seinen Sprungturm und steigt vorsichtig wieder herunter. Wohlbehalten singt er sich durch Klassiker wie „The Black Widow“, „Brutal Planet“ und „Under My Wheels“. In „I’m Eighteen“ wirft der 63-jährige den Krückstock im Triumph über das Alter. Ungeduld ergreift das Publikum in der Columbiahalle. Eine Ewigkeit verstreicht, bis er sich von einer lebendigen Riesenschlange würgen lässt. Aber auch diese Prüfung übersteht er ungerührt, singt ohne Atemnot „It Is My Body“, und am Galgen hinter ihm hängen nur schlaffe Puppen.

Alice Cooper ist, wie man so sagt, nicht tot zu kriegen. Was für ihn als Mensch und Sänger gilt wie für den Schockrock, den er 1968 in die Welt gesetzt hat. Er hatte als Kunststudent etwas erfunden, das die Menschheit langfristig beschäftigt. Anhaltender als die Hüfte Elvis Presleys und John Lennons Gotteslästerung. Als erster hatte er ein Tier geopfert, bei einem Konzert in Kanada, ihm war versehentlich ein Huhn verstorben. Kürzlich sagte Cooper, es sei an der Zeit, ein Denkmal zu errichten: „Monument für ein Huhn, den edlen Vogel der im Dienst des Rock’n’Roll sein Leben und Alice Cooper eine Karriere gab.“ Ihm folgten Ozzy Osbourne, Kiss und später Marilyn Manson, ohne ihn gäbe es Rammstein und ihr Rocktheater nicht. Wenn jugendliche Psychopathen Amok laufen, bietet sich seit Alice Cooper immer jemand an, der Schuld sein könnte. Aber was Katharsis heißt, was Ironie bedeutet, weiß die Popkultur von ihm.

Von Vincent Damon Furnier, dem Mann hinter der Kunstfigur, weiß man aus seinen Memoiren „Golf Monster“: Er lebt als wertkonservativer Christ in Arizona. Er erzieht die Kinder streng. Er unterhält ein Jugendzentrum namens „Solid Rock“. Als Alice Cooper krächzt er „No More Mr. Nice Guy“ durch die Halle, und das ist der eigentliche Witz des Abends. Es gibt keinen netteren Unterhaltungskünstler, niemanden, zu dem man freiwilliger auf die Bühne steigen würde, um sich fantasievoll umbringen zu lassen. Ein geschminkter Großvater in schwarzen Strumpfhosen. Er schüttelt Banknoten vom Spieß. In einer Ecke werden Teddybären angeboten, liebenswerte Horrorpandas, die so aussehen wie er. Sein jüngstes Album ist das 26., und es heißt „Welcome 2 My Nightmare“ wie schon eine Platte aus den Siebzigern. Aber weil seine Gäste lieber alte Lieder hören, spielt er nur ein einziges neues. Dazu trägt er eine Jacke mit der Aufschrift „New Song“ und darunter auf dem Hemd zum Mitsingen in Blut gesetzt den Text des Kehrreims.

Es geht wieder gut aus: Nachdem Alice Cooper „Poison“ vorgetragen hat, ergreifen ihn zwei Schergen, führen ihn zum Fallbeil, und sein Kopf singt ohne Leib „I Love The Dead“. Im Glitzerfrack kehrt Alice Cooper feierlich zurück. Es ist das, was er selbst ein „Classic Morality Play“ nennt, der Sieg des Guten über alles Böse. Es geht darum, dass die Dinge bleiben sollen, wie sie sein sollten und schon vor 40 Jahren nicht mehr waren. Auch im Tode und danach. Zwar singt er „School Is Out“ und alle stimmen ein, dazu zitieren Kinderstimmen aus einem Pink-Floyd-Lied, dass sie keine Bildung bräuchten. Aber das ist auch nur wieder so ein Witz von Alice Cooper, der von seinen Auftritten verlangt, dass man daraus fürs Leben lernt. Er schwenkt die deutsche Flagge. Und das Publikum entbietet ihm den Teufelsgruß, der nur noch „Pommesgabel“ heißt, im aufgeklärten Volksmund. So geht die Lektion zu Ende. Man tritt nicht nur klüger in die Nacht hinaus, auch heiterer und furchtloser. Es wird Advent.