Konzert im Huxley’s

Elbow besingt in Berlin das Glück der Heimkehr

Die Band Elbow ist mit ihrem entschleunigten Gefühlsrock im ausverkauften Huxley’s in Berlin-Neukölln aufgetreten. Dort sind die Briten der Frage nachgegangen, warum die Welt eigentlich ein Dorf bleibt.

Auch Musiker und ihre Stammgäste werden sich mit den Jahren ähnlicher. Guy Garvey trägt sein Haar gescheitelt, einen prächtigen Bart und sieht um einiges älter aus als 37. Vor der Bühne stehen bärtige Kreative und schauen mit strengen Scheiteln zu ihm hoch. „Mehr Licht!“, ruft Garvey: „Damit ich euch sehen kann!“ Zufrieden singt er „Mirrorball“, eines der Lieder von 2008, mit denen Elbow, seine kleine Band, berühmt und groß wurde. Man sagt, dass Engländer ihr Wort für Ellenbogen für besonders sinnlich halten, rein phonetisch. Elbow pflegen die entsprechende Musik. Einen entschleunigten Gefühlsrock ohne übertriebene Ambitionen, der von 1990 bis 2000 unbemerkt in winzigen Clubs stattfand. Danach nahmen sie zaghaft Alben auf und wurden vor drei Jahren selbst am meisten überrascht, als alle Welt „The Seldom Seen Kid“, das vierte Album, mochte. Nun sind sie bereits mit ihrer fünften Platte unterwegs. Das Huxley’s in Neukölln ist ausverkauft. Die Platte trägt den Titel „Build A Rocket Boys!“ und handelt von einem brisanten Thema, das nicht nur Guy Garvey umtreibt: Warum wird man die Provinz nicht los, wenn man, der kleinen Herkunft überdrüssig, in die Großstadt flieht, um sich neu zu erfinden?

In Berlin hört man in diesem Herbst an jeder Ecke das Lied „Zum Laichen und zum Sterben ziehen die Lachse den Fluss“ hinauf, Thees Uhlmanns reumütige Ode an sein Heimatdorf. Guy Garvey singt in „Neat Little Rows“ von Bury, einem Arbeiterbezirk vor Manchester. Mit 17 lief er fort vor den geduckten Backsteinhäusern und den engen Gassen in die Stadt hinein, um eine Band zu gründen. 20 Jahre später kehrte er zurück, erwarb ein unauffälliges Eigenheim und nahm mit Elbow ein zerknirschtes Album auf, um die Gefühle zu verarbeiten. Er klammert sich ans Mikrophon und bittet seine Eltern um Entschuldigung für sein Bemühen, etwas Besseres sein zu wollen. Auf der Bühne ist nicht nur die Band beschäftigt. Elbow haben ihren lauten Schlagzeuger mit einer Glaswand eingefriedet, und daneben wiegen sich die Frauen eines Streichquartetts vor der geheimnisvollen Covermalerei des Albums über ihnen. Plattenkäufer und Konzertbesucher sind sich uneins: Hat die Band sich einen himmelblauen Bettvorleger auf die Hülle tuschen lassen? Oder einen Mann mit kurzen Beinen, der die Arme in Luft wirft? Zeigt es seine Kapitulation oder das schiere Glück? Man weiß es nicht.

Aber man ahnt: Auch der mobile und moderne Mensch sehnt sich nach Heimat und den Orten seiner Kindheit. Garvey stimmt ein Lied an, und die Leute fallen leise ein in seinen warmen Peter-Gabriel-Gesang. In „Open Arms“ heißt es, aus Sicht der Dörfler: „We got open arms for broken hearts/ Like yours my boy/ Come home again.“ Es hallt wie in der Kathedrale, eine Orgel spielt. Das ist schon kein Konzert mehr, sondern eine Messe. Garvey hat in Interviews erklärt, dass ihn der örtliche Gemeindesaal zum diesem Lied bewegt hat. Die Erinnerungen an den kleinen Katholiken, der er war, und an die Hochzeiten der Schwestern. Dass er wieder Teil seiner Familie sein und eine eigene gründen wolle. „Es ist Vollmond“, ruft der Sänger plötzlich auf der Bühne und lässt seine eigene Gemeinde beten. „Mantra Luna“, murmeln die Berliner, und dann lachen alle über sich. Guy Garvey sagt: „Ich bin kein Hippie.“ Er ist nur sentimental.

Dass er die Wirkung auf sein deutsches Publikum erkannt hat, zeigt ein kleines gelbes Buch, das sein Programm begleitet und inzwischen unter Elbow-Anhängern kursiert wie eine heilige Schrift. „Elbow: Kommentierte Songtexte“ erinnert an die Reclam-Hefte in der Schule, an die Klassiker, die man früher bekritzelt hat. Es ist ein Ratgeber. „Du kannst an den Ort deiner Kindheit zurückkehren, um dich mit ganz simplen Mitteln auf den Boden der Tatsachen zu holen“, schreibt Guy Garvey. Schließlich singen alle noch „One Day Like This“. Das Stück begleitete zuletzt die Fußballer von England zu ihrer misslungen WM. Zu keinem Lied wird auf der Insel heute häufiger geheiratet. Das Leben ist doch kleiner als gedacht.