Hanns Dieter Hüsch

Gott soll ein hervorragender Akkordeonspieler sein

Erfinder der Kleinkunst: Hanns Dieter Hüsch pendelte zwischen Rebellion und Resignation, oft genial, oft auch unerträglich. Nun gibt es ihn endlich auf DVD.

Wenn man Hanns Dieter Hüsch fragte, wie er an sein "Material" kommt, antwortete er mit vier Worten: "zugucken, zuhören, aufschreiben, vortragen". Auf der Bühne saß er an einer kleinen Orgel, auf der seine Manuskriptblätter lagen. "Ich spreche und haue ein paar Harmonien drunter." Das sei alles. Aber es war eben mehr, sehr viel mehr, auch wenn Hüsch, der Ende 2005 im Alter von 80 Jahren starb, Zeit seines Lebens als Vertreter der sogenannten Kleinkunst galt.

Der Begriff ist mittlerweile aus der Mode gekommen beziehungsweise durch "Comedy" und "Comedians" ersetzt worden. Einige der "Comedians" sind so erfolgreich, dass sie Hallen füllen, in denen sonst Shows wie "Holiday On Ice" gastieren. Der Berliner Mario Barth tritt vor 70.000 Zuschauern im Olympia-Stadion auf. So betrachtet war Hüsch in der Tat ein "Kleinkünstler", aber unter diesen der größte, ein Philosoph und ein Poet, der sich selbst als Verstärker verstand: "Wir brauchen das Leben nicht zu parodieren. Es ist längst schon eine Parodie an sich geworden, ohne dass wir es gemerkt haben."

1925 am Niederrhein geboren, brachte Hüsch zwei Voraussetzungen für einen "Kleinkünstler" mit: eine genaue Beobachtungsgabe und eine Gehbehinderung, die ihn dazu zwang, daheim zu sitzen und Gedichte zu lesen, während Gleichaltrige im Freien ihre Kräfte maßen. In seinen eigenen Worten hörte sich das so an: "Gemacht aus Bauern- und Beamtenschwäche kam ich in diese Welt hinein, mal dunkler Kern, mal reine Oberfläche, ich habe Angst und muss doch mutig sein …"

Hüsch war immer sein eigener Doppelgänger. Ein Gutmensch, der die Welt verändern wollte und sich über Gutmenschen lustig machte, die die Welt verändern wollten. Ein Romantiker, der "Hoffnung und Zärtlichkeit" für das Wichtigste im Leben hielt, und ein Ironiker, der die "Schöpfung abbrechen" und die "Zukunft absagen" wollte. Er war ein fröhlicher Flaneur, der am liebsten "stundenlang spazieren" ging, statt an einem neuen Programm zu arbeiten, denn: "Ich habe die Tiefe der Oberfläche entdeckt". Und außerdem sei "jeder dritte Deutsche schon ein Satiriker".

Hanswurst, Narr, dummer August

Hüsch trat auf Kirchentagen auf und machte sich zugleich über den Großkünstler, der die Welt erschaffen haben soll, lustig: "Der liebe Gott soll ein hervorragender Akkordeonspieler sein." Was ihn von den anderen "Kleinkünstlern" der Sechziger und Siebziger wie Franz-Josef Degenhardt oder Dieter Süverkrüp unterschied, war der Umstand, dass er auf Distanz zu sich selber gehen konnte.

Er wollte kein "Missständebeseitiger" sein, sondern nur "der Hanswurst, der Narr, der dumme August", der "zu viel getrinkt" hatte und danach einfach "umgesinkt" ist. Er kalauerte um die Wette ("Christine hat sich in allerletzter Minute selbst verwirklicht!") und er reimte sich um Kopf und Kragen: "Nur wenn wir eins sind überall/ dann gibt es keinen neuen Fall/ von Auschwitz bis nach Buchenwald/ Nur wenn wir in uns alle sind/fliegt keine Asche mehr im Wind."

Hüsch war genial und grandios. Und zwischendurch auch unsäglich und unerträglich. Kritiker attestierten ihm "Menschlichkeit" und "Menschenfreundlichkeit", aber was Hüsch antrieb und umtrieb, war tatsächlich die alberne Frage nach dem Sinn des Lebens. "Die einen spielen Tennis, die anderen Aufklärung, die meisten aber sitzen an der Bettkante und wissen nicht weiter."

"Du sollst nicht langweilen"

Das war mehr als ein Spiel mit Worten, es war Verzweiflung, die Hüsch unterhaltsam verpackte. Denn der Poet und der Philosoph war auch ein Unterhalter, der das elfte Gebot ernst nahm: "Du sollst nicht langweilen!"

Er grämte sich, wenn die Leute nicht an den Stellen lachten, an denen sie lachen sollten, und damit sie es taten, kam er ihnen entgegen, indem er seine Pointen quasi anmoderierte: "Wir kritischen Entertainer …" Hüsch pendelte zwischen Rebellion und Resignation. Er haute in die Tasten und schrie dabei "Drum verändert das System!" Dann bevorzugte er die leisen Töne. "Ein harmloser Spaziergang, eine wohl temperierte Stille und ab und zu eine Götterspeise, das ist das abendländische Endergebnis."

Als er 1968 bei einem Liedermacher-Festival auf der Burg Waldeck von der Bühne gebuht wurde, weil er über seine Texte nicht mit dem Publikum diskutieren wollte, nahm er sich die Kränkung dermaßen zu Herzen, dass er jahrelang auf Live-Auftritte verzichtete, eine Entscheidung, die vor allem den Hüsch-Fans unter den Radiohörern zugute kam.

Das schwarze Schaf vom Niederrhein

Hüsch war auch ein Kind der Bonner Republik, die aus dem Abstand von heute betrachtet eine idyllische Veranstaltung war. Und so war auch das Kabarett jener Jahre exzessiv harmlos, auch wenn es sich manchmal wild gebärdete. Die meisten Kabarettisten verstanden sich als die Speerspitze des Fortschritts, die Avantgarde der Revolution. Sie wussten genau, wen sie erreichen und was sie bewirken wollten. Hüsch, das "schwarze Schaf vom Niederrhein", war dagegen einer, der sich im Labyrinth des Lebens verlaufen hatte.

Fragte man ihn, für wen er singen würde, bekam man von ihm dies als Antwort: "Ich sing für die Verrückten, die seitlich Umgeknickten". So heißt sein wohl berühmtester Liedtext, in dem er sein Ansinnen beschreibt. Und wenn er nur dieses eine Lied geschrieben hätte, es wäre genug, um ihn unsterblich zu machen.

"Hanns Dieter Hüsch – sieben Kabarettprogramme aus drei Jahrzehnten", drei DVDs mit Fernsehaufzeichnungen seiner Theatervorstellungen von 1973 bis 1999, Tackerfilm