Neu auf CD

Peter Licht – der singende Kapitalismuskritiker

| Lesedauer: 10 Minuten
Richard Kämmerlings

Foto: Christian Knieps/Motor

Vor fünf Jahren sang der Musiker und Autor Peter Licht vom Ende des Kapitalismus. Jetzt bringt er sein neues Album auf den Markt. Eine Begegnung.

"Hast du schon, hast du schon gehört? Das ist das Ende vom Kapitalismus, jetzt ist er endlich vorbei", singt Peter Licht. Ist es so weit, keine Chance mehr? Alle Rettungspakete ausgepackt und verzehrt, jede Schuldenbremse verschlissen, und keine Hand mehr am Hebel? Doch wir stehen nicht an einem Zeltlagerfeuer feiernder Occupy-Aktivisten , wir hören ein Pop-Album von 2006.

Nachdem man dem Weltfinanzsystem seit drei Jahren halb panisch, halb schadenfroh bei seiner Selbstabschaffung zugesehen hat, kommt diese Botschaft ganz glaubhaft und realistisch daher. Was vor fünf Jahren ein typisches, peterlichthaftes Gedankenspiel war oder Thema von Sektiererkongressen in der Berliner Volksbühne, könnte auf einmal Schlagzeile sein.

Von Stolz keine Spur

"Sehr interessant" findet Peter Licht diese Synchronisierung des eigenen Liedguts mit der Wirklichkeit, mit dem weitverbreiteten Gefühl, trotz aller Durchhalteparolen in einer Endzeit zu leben. Doch Peter Licht, ein nachdenklich-höflicher, vollbärtiger, kurz: normal nerdig wirkender Indie-Musiker, macht im Gespräch nicht den Eindruck, als sei er irre stolz darauf, den übermächtigen Gegner Kapitalismus schon mal virtuell in die Knie gezwungen zu haben.

"Wir werden siegen", hieß ein anderer trotziger Song der Platte, die Zweifel an der Richtung der Weltgeschichte gar nicht erst aufkommen ließ, aber genau betrachtet, gar nicht genau sagte, wer dieses "Wir" eigentlich sein soll.

Sein erster Hit hieß "Sonnendeck"

Das eigentliche Rätsel liegt nicht in den hellseherischen Fähigkeiten des Komponisten. Wenn man dem Phänomen näherkommen will, muss man die Frage herumdrehen: Warum hatte der Song 2006 diese mitreißende Kraft? Warum konnte das auch jemand mitsingen, der zuallerletzt an ein Weltenende glaubte und sich eher gerade einen Immobilienkredit oder ein neues Auto mit fettem Soundsystem besorgte?

"Popmusik hat die Möglichkeit, für drei Minuten zwanzig ein Fass aufzumachen. Und in dieser ganz eigenen Welt ist ein Blitz möglich. So wie etwa die Vorstellung, dass der Kapitalismus vorbei wäre. Das ist einfach eine schöne Vorstellung, wobei ich gar nicht weiß, was die Alternative wäre." Auf dieses emphatische Verständnis von Popmusik hat Licht schon bei seinem ersten Hit "Sonnendeck" (2001) gesetzt, daher die mitunter bis zum Klischee gesteigerte Eingängigkeit vieler Stücke.

Licht besingt den Untergang des Systems

Im jubelnden Tralala den Untergang des Systems zu besingen – statt ihn mit wütenden Indie-Tiraden herbeizubrüllen –, ist ein grandioser Trick. Denn das Resultat, im Extremfall ein Hit, sieht dem verabschiedeten Markt bis zum Verwechseln ähnlich. So soll jeder Song eine Mikro-Utopie mitten im Alltag sein: "Ein Raum geht auf, und geht auch wieder zu. Und dann fahr ich zur Arbeit und geh’ tanken und vernichte die Ozonschicht und verschlechtere meine CO2-Bilanz."

Auf dem neuen Album "Das Ende der Beschwerde" gibt es viele solcher Momente der Wirklichkeitsüberwindung, die man als Flucht verstehen kann oder auch als Kampf gegen die pure Diesseitigkeit des Daseins. "Begrabt mein iPhone an der Biegung des Flusses", singt Peter Licht, oder auch ganz nervtötend Kryptisches: "Zieht Kornkreise in die stehenden Felder meiner Biografie".

"Verbrennt das ganze Geld"

Er ruft nach einer "Neuen Idee", nach Selbstabschaffung, nach einer ekstatischen "Nacht in Koma-Land". Diese Texte sind keine Rätsel, die man knacken müsste (oder könnte), sondern Assoziationskristalle, an die jeder seine eigenen Tagträume hängen kann. Auch der Bankerhasser findet etwas zum Mitgröhlen: "Hier wo die Träume enden/seh ich die große Sonne/und die große Sonne/verbrennt das ganze Geld".

Zugleich hat Licht kein Problem damit, als Protestsänger verstanden zu werden, auch wenn der Protest kein direkt politischer ist, sondern eher die Verteidigung des Subjekts gegen die Zudringlichkeiten eines, irgendeines Kollektivs. Das muss nicht unbedingt die kapitalistische Konsum- und Kontrollgesellschaft sein. Wenn er vor dreißig Jahren in der DDR gelebt hätte, hätte er dann auch "Lieder vom Ende des Sozialismus" gesungen? "Das wäre wahrscheinlich das adäquate Lied gewesen."

Melancholie kann eine Waffe sein

Wenn man in den 80ern popmusikalisch sozialisiert wurde, dann müsste man ja eigentlich unter einem heftigen Protestsong-Trauma leiden, so sehr wurde der Habitus des klampfenden Barden heute hier und morgen dort überstrapaziert. Peter Licht geht das nicht so: "‚Sind so kleine Hände‘ von Bettina Wegner zum Beispiel, das hat einfach eine Kraft. Ich kann da auch nichts Lächerliches dran finden. Da steckt eine Notwendigkeit drin. Das schätze ich viel mehr als ein dreimal gebrochenes, dekadentes Popverständnis. Ganz gerade heraus – finde ich gut."

Auch wenn er selbst so ziemlich das Gegenteil davon macht. Peter Licht beschwört die Melancholie als eine urmenschliche Reaktionsmöglichkeit auf das Andrängen der Welt, als Waffe und Widerstandskraft. Wogegen genau? "Vielleicht ist ja auch der Neandertaler schon Melancholiker gewesen?"

Popmusik dekoriert das Sinnlose

Der Kapitalismus sei eben auch ein "gern genommenes Ziel", weil seine strahlenden Bilder vom Glück, die "shiny happy people" der faktischen Sinnleere so plakativ gegenüberstünden. "Dass man versucht, seine Welt schön zu machen, ist ein menschlicher Wesenszug, der auch gut ist. Konsumismus ist ein Weg, sich eine schöne Welt zu erstellen." Und mittendrin steht der Sänger, denn die Popmusik ist ja am Ende auch nichts anderes als ein großer Apparat zur Ästhetisierung der Lebenswelt, zur Dekoration des Sinnlosen.

Wer sich mit Licht beschäftigt, kommt nicht an dieser permanenten Selbstreflexion vorbei, die fast schon zu seinem Markenkern geworden ist: Die größte Angst ist, in der Öffentlichkeit auf eine Rolle festgelegt zu werden, mit sich selbst identisch sein zu müssen. Zu Beginn zeigte sich das vor allem in einem – seinerseits paradoxerweise sehr werbewirksamen – Bilderverbot.

Licht verbirgt sein Gesicht

Weder in der Harald-Schmidt-Show noch als er ein Jahr später beim Klagenfurter Literaturwettbewerb seine "Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends" vortrug war sein Gesicht im Fernsehen zu sehen. Geboren sei er "im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts in Deutschland", immerhin, dass er aus dem Rheinland stammt und in Köln lebt, ist inzwischen durchgesickert. Und Licht hat ja recht, das Private ist tatsächlich viel unwichtiger, als man in der Medienbranche so meint.

Eine "Verweigerung" sieht er in all dem nicht, man müsse eben einfach immer wieder neue Entscheidungen treffen. "Freiheit ist wichtig." Davon handele eigentlich seine ganze Arbeit: "Sich darüber klar zu werden, was man gerade macht und wer man gerade ist." Dieses Pop-Phänomen sei "okay, aber sonderbar. Dass ich Lieder mache, die aus einer Intimität entstehen und dann immer professioneller aufgezäumt, immer größer gemacht, immer mehr angefüttert werden. Und am Ende steht dann so ein Block, und der wird dann so rausgedrückt. Es entsteht eine Kultur drum herum, so wie dieses Gespräch jetzt."

"Mit Ironie möchte ich nichts zu tun haben"

So wirkt Licht immer noch ein bisschen wie ein staunender Indie-Boy im Wunderland: "Mit jedem Satz, /den ich hier verlier,/ werde ich weniger wahr./ Mit jedem Wort,/ das mich verlässt,/ werd ich weniger", so beobachtet er sich selbst beim Singen als ein Künstler zweiter Ordnung. Dieses ganze Agieren im Popsystem sei eine "soziologische Skulptur", sagt er, "es ist ein Spiel, aber zugleich ernst und existenziell". Ganz ernst wird Licht seinerseits nur, wenn es um den eigenen Kunstanspruch geht: "An keiner Stelle irgendeiner Platte ist irgendwas ironisch gemeint. Mit dem Stilmittel der Ironie möchte ich nichts zu tun haben."

Und was ist jetzt mit der Prophetie? Wenn der Kapitalismus vor fünf Jahren schon vorbei war, was hat dann Peter Licht dem Wutbürger der Gegenwart mitzuteilen, der seine Aktiendepots und Zukunftschancen unter der "großen Sonne" schmelzen sieht? Das Titelstück der neuen Platte scheint nur beim ersten Hinhören ein Kommentar zur Zeit sein: "Du blickst in die Herde/ und wartest /auf das Ende der Beschwerde/ und denkst Dir:/ Gesellschaft ist toll,/ wenn nur all die Leute nicht wärn!"

Licht hat eine fast schon religiöse Botschaft

Was ist denn das für eine Message? "Du weißt, es könnte alles anders sein", folgt dann im Refrain und das ist dann wieder die Drei-Minuten-zwanzig-Utopie, musikalisch untermalt von einem Neue-Deutsche-Welle-Sound, der fast bei Nena oder Hubert Kah abgeschaut sein könnte. Je leichter und poppiger der Sound, desto sogkräftiger die Ahnung eines schlagartig eintretenden "anderen Zustands", in dem sich nicht die Gesellschaft oder das "System", sondern der Einzelne verwandelt findet. Das ist dann fast schon eine religiöse Botschaft.

"Du musst dein Leben ändern", singt er, und das klingt mehr nach Rilke als nach Brecht. Kommende Aufstände? Ach was, der Mythos von der Revolution sei doch auch nur systemstabilisierend, so Licht. Beschwerde und Protest waren gestern, jetzt ist was Neues angesagt, andere Menschen, neue Ideen, "Koma-Pläne", "Koma-Bauten". Peter Licht ist schon wieder ein paar Schritte weiter, auf seiner Flucht vor der Welt, vor der Festlegung, vor der Identität. Warten wir mal ab, wie zeitgemäß das erst in ein paar Jahren wirken wird.

Peter Licht: "Das Ende der Beschwerde" (Motor Music) .