Tragödie

Reinhard Meys Suche nach Normalität

Der große Geschichtenerzähler Reinhard Mey steht mit "Mairegen" wieder auf der Bühne. Es ist die erste Tournee, seit sein Sohn ins Wachkoma fiel.

Es könnte eine Tournee wie jede andere sein. Dann würde er seine Klampfe einpacken und mit neuen Melodien als Gaukler durch die Lande ziehen. Er würde den freundlichen Gesichtern, die ihn alle drei Jahre in ihren Stätten empfangen, aus seinem Leben vortragen. Würde erzählen von den kleinen alltäglichen Freuden. Und von dem Maulwurfshügel, den wir unser ganzes Leben lang vor uns herschieben.

Doch dieses Mal ist alles anders. Ein dunkler Schatten begleitet Reinhard Mey auf dessen aktueller Tournee. Vor knapp zwei Jahren fiel Sohn Max bewusstlos in seiner Wohnung um. Grund: eine verschleppte Lungenentzündung. Seither liegt er im Wachkoma. Nur durch einen Geistesblitz seiner Freundin vor dem Tod bewahrt.

Mey verbrachte viele Tage am Bett seines Sohnes

Ein Bruch im Leben des Liedermachers, der sich im 25. Studioalbum „Mairegen“ manifestiert hat. Es ist ruhiger, stiller, ernster ausgefallen als seine Vorgänger. Mit „Drachenblut“ widmete der Liedermacher Mey seinem Sohn ein Stück.

Darin singt er von dem schweren Schicksalsschlag, der seine Familie so plötzlich ereilte: „Ein Lidschlag nur, ein Augenblick, ein Zeichen ist geblieben, und die Entschlossenheit, dich in die Welt zurückzulieben.“ Reinhard Mey verbrachte unzählige Tage und Nächte am Bett seines Sohnes, spielte Lieder für ihn, erzählte Geschichten.

Jedes Konzert ist ein Meditationskurs

Und begab sich schließlich in seine Schreibstube, um wieder in die Normalität zurückzufinden. Nach der Devise, Arbeit ist die beste Medizin. Herausgekommen ist ein kräftiges, ein gefühlvolles, ein melancholisches Kapitel im Leben des Chansoniers. Denn mit jedem Lied, mit jeder Strophe, so Mey, schreibe er an seiner Autobiografie.

Das hört man, das spürt man. Vor allem live. Jedes Konzert ist nicht nur Liederabend, sondern Lesung, Märchenstunde und Meditationskurs in einem. Nicht dass der Sänger aus den Gebrüdern Grimm vortragen oder den yogischen Sonnengruß vorturnen würde (lieber zitiert er Hanns Dieter Hüsch und Tom Bombadil aus „Der Herr der Ringe“).

Lieder über Außenseiter, Politiker und das Leben

Jeder Vortrag wirkt kathartisch auf den Besucher. Man erfährt das Gute, Wahre und Schöne. Man fühlt sich „mit dem Weltengetriebe verzahnt“, wie Mey das in seinem Lied „Ich bin“ nennt, wo es um nicht weniger als den Sinn des Seins geht.

Reinhard Mey besitzt die seltene Gabe, Geschichten zu erzählen. Geschichten, die für jeden Zuhörer Anknüpfungspunkte bereit halten. Etwa wenn er von Außenseiterum („Selig sind die Verrückten“, „Bunter Hund“) verlogenen Politikern („Sei wachsam“) oder über die kleinen, aber nicht unwichtigen Themen des Lebens singt („Männer im Baumarkt“, „Ficus Benjamini“).

Der private Schicksalsschlag ist sichtbar

Da wird geschmunzelt und laut aufgelacht. Aber auch geweint. Nämlich dann, wenn Mey mit Würde und Größe „Drachenblut“ anstimmt und für jeden die Bürde des privaten Schicksalsschlages ersichtlich wird. Auf der Bühne streicht Reinhard Mey nach wie vor auf allerhöchstem Niveau über die Saiten.

Reinhard Mey tourt mit "Mairegen" bis zum 17. November durch Deutschland. Er tritt unter anderem auf in: Köln (27.10), München (5.11) Wuppertal (15.11) und Karlsruhe (16.11). Es sind nur noch wenige Karten erhältlich.