"Supertalent"

Bieber, Blähbauch und die unvermeidliche Prise Sex

Nicht weniger als ein deutsches Pendant zu Justin Bieber will das "Supertalent" entdeckt haben. Den Peinlichkeitsmoment des Abends lieferte ein Blähbauch.

Man muss die Auftritte bei das „Supertalent“ nicht wirklich sehen, um zu wissen, wer die Lachnummer oder ganz okay ist, wo wirklich ein gewisses Talent schlummert. Es reicht, auf die Einspieler zu achten und die alles bestimmende Stimme aus dem Off.

Denn die Regie der Castingshow machte auch in der vierten Folge stets mit einer solchen Dampfhammer-Mentalität klar, was der Zuschauer von den Kandidaten zu halten hat, dass es an Kontrollwahn grenzte. Minutiös wurde in Zeitlupen und Wiederholungen herausgearbeitet, was peinlich, interessant oder ergreifend sein sollte.

Vor allem wurde schnell klar: Als Star des Abends kann nur einer gelten. Sowohl in der Vorberichterstattung als auch vor jeder Werbepause hieß es mit Nachdruck: „Über ihn spricht Morgen die ganze Nation.“

Buhrufe aus dem Publikum

Zunächst aber stand der obligatorische Peinlichkeitsauftritt auf dem Programm. Dafür ausgesucht wurde Heike (36), gelernte Erzieherin, aber nach eigenem Bekunden im Kindergarten chancenlos, „weil ich einen Blähbauch habe“. Kommentar aus dem Off: „Halten wir fest, Heike steckt voller Talente.“

Heike kam, um zu singen, ihre „größte Leidenschaft“. Beim Supertalent wolle sie den Grundstein für die Karriere nach der Karriere legen: „Ich hoffe, dass das Supertalent die richtige Sendung für mich ist“, sagte sie. Und die Regie senkte mit einem langgezogenen „bestimmt“ den Daumen.

Der Auftritt war entsprechend: Zwei und drei Sekunden kostete es die Jurorinnen Motsi Mabuse und Sylvie van der Vaart, bis der Buzzer tönte, Bohlen ließ noch eine ganze Weile laufen, das Publikum buhte derweil so laut es konnte. Minutenlang. Die konsternierte Heike in Nahaufnahme. „Jedes belegte Brötchen hat mehr Talent als du“, urteilte der Poptitan schließlich und die Zuschauer sangen: „Du kannst nach Hause fahren“.

Die Champions-League-Hymne auf „Tumm“

Man könnte das kommentieren und an die Sendeleitung gerichtet darauf verweisen, dass auch Heike ein Mensch ist, der ein Mindestmaß an Respekt verdient. Viel treffender aber war die selbstentlarvende Reaktion von Mabuse, die fragte: „Heike, warum um Gottes Willen? Da steht Supertalent!“ Mit dem gleichen Satz könnte man die Macher fragen, warum der Auftritt gezeigt wurde.

Das war der Start. Da der Star des Abends bis zum Ende der Sendung aufgehoben wurde, durften zunächst andere Talente ran, die diese Bezeichnung mal mehr und mal weniger verdienten. Ein Paradebeispiel für eher weniger war Patrick (22), der einen leicht verwirrten Eindruck machte und das „außergewöhnliche Talent“ mitbrachte, die Hymne der Fußball-Champions-League „auf Tumm“ zu singen. „Das ultimative Champions-League-Talent“, tönte es unverkennbar ironisch aus dem Off. Das konnte nichts werden.

Ein Highlight: Bevor Patrick in verschiedenen Tonlagen „tumm, tumm, tumm“ anstimmen konnte, tauschte Bohlen mit ihm die Schuhe („die sehen aber auch scheiße aus“) und erklärte dem Saal mehrfach, der Gestank von Patricks Tretern sei kaum auszuhalten. Mit dreimal Nein durfte der junge Mann von der Bühne.

Auftritt einer „German Diva“

Dreimal Ja bekam dagegen Okan (18), der nicht nur mit einem Ego ausgestattet war, das an Bohlens heranreichte, sondern auch den amerikanischen Rapper „Pitbull“ imitierend eine Show aufs Parkett legte, die beeindruckte. „Coole Sau“, befand Bohlen. Und weiter.

Auf verdiente Anerkennung stieß auch Carmen-Madeleine (44). Das war jedem Zuschauer schon bei ihrer Vorstellung klar: Zu ruhigen Klängen erzählte die beleibte Sängerin von Essstörungen, dem frühen Tod der Mutter und einem Selbstmordversuch im vergangenen Jahr. Musik sei ihr einziger Halt, sagte sie, „das Supertalent ist meine letzte Chance“. Wer so eingeführt wird, der kann was.

Die Stimme war denn auch wirklich toll, Großaufnahmen zeigten Gesichter, deren Augen sich mit Tränen füllten. „German Diva“ adelte Motsi Mabuse, und Dieter Bohlen stellte fest, in Deutschland selten so eine gute Soul-Stimme gehört zu haben.

Eine Prise Sex durfte natürlich auch nicht fehlen, bevor das große Finale nahte. Shari (24) und Sarah (22) kamen da gerade recht: In Bikinis räkelten sich die beiden Grazien auf einem schicken Oldtimer, übergossen sich mit Seifenwasser und tanzten lasziv. Das männliche Publikum tobte, die Damen hielten sich die Augen zu. Bohlen („Jawoll!“) gefiel es.

Ein Außenseiter als neuer Justin Bieber

Und dann kam Lukas. „Mädchen lieben den deutschen Justin Bieber “, stellte die Stimme aus dem Off klar, der 13-Jährige erzählte derweil, dass er in der Schule ein Außenseiter sei, oft beleidigt werde und sich nicht wohl fühle in seiner Haut. „Jetzt wird es sich entscheiden: Sieger oder Loser“, ließ die Regie kommentieren. „Über ihn spricht morgen die ganze Nation.“

Die glockenhelle Darbietung von James Blunts Hit „Goodbey My Lover“ war zwar dramaturgisch keine Überraschung, überraschte aber trotzdem. Bereits nach wenigen Sekunden gab es im Saal spontanen Applaus. Wieder kullerten Tränen, noch mehr dieses Mal. „Krass, was du hier gemacht hast“, kommentierte eine sichtlich gerührte Sylvie van der Vaart, „Wahnsinn“, fand Motsi Mabuse und Poptitan Bohlen urteilte, „der Junge hat echt was drauf.“

Ersatz für Mark Medlock?

Lukas dürfte einer der Favoriten der Show sein, das haben die Macher der Sendung mit Nachdruck klargestellt. Bohlen wird um das Potenzial eines Teenie-Stars à la Bieber wissen. Denkbar, dass der Oberjuror sich seiner annimmt, selbst wenn die Zuschauer in den Finalshows für ein anderes Talent votieren sollten.

Auch weil sein bisheriger Schützling gerade flügge wurde. Denn schließlich war Mark Medlock einer der wenigen Sprosse der Bohlen-Castings, dem es nach " Deutschland sucht den Superstar " gelang, sich dauerhaft im deutschen Musikgeschäft zu etablieren. Nach fünf Alben und sieben Top-5-Singles soll jetzt aber Schluss sein, vergangene Woche wurde die Trennung verkündet : „Er wollte sich musikalisch verändern, ich habe ihn dazu ermutigt. Mark wird mir immer sehr am Herzen liegen", zitierte die „Bild“-Zeitung Dieter Bohlen.

Auffällig war, dass RTL es nur mühsam zu schaffen scheint, die Werbeblöcke zu füllen. Keine Hand voll Spots fand in den Pausen des Quotenhits Platz, die trotzig mit diverser Eigenwerbung bestückt wurden. Alles haben die Macher der Sendung dann halt doch nicht im Griff.