Berliner Kultur

Warum Gorki-Intendant Petras nach Stuttgart geht

Intendant Armin Petras wird 2013 vom Berliner Maxim Gorki Theater an das Staatstheater Stuttgart in Baden-Württemberg wechseln. Warum er Kultursenator Klaus Wowereit für seinen vorzeitigen Abgang mitverantwortlich macht.

Foto: Amin Akhtar

Die Nachricht kam sehr überraschend: Armin Petras, erfolgreicher Intendant des Maxim Gorki Theaters, verlässt das Haus vorzeitig, um im Sommer 2013 die Intendanz des Staatsschauspiels Stuttgart zu übernehmen. sein Vertrag in Berlin lief eigentlich bis zum Jahr 2016. Petras ist enttäuscht von der Berliner Kulturpolitik, wartete monatelang auf einen Termin beim Regierenden Bürgermeister. Aus finanziellen Gründen muss der Theaterbetrieb im Studio fast komplett eingestellt werden. Über die Krise und Kleist, dessen 200. Todestag sich im November jährt, sprach Morgenpost Online mit dem Kleist-Spezialisten Petras.

Morgenpost Online: Herr Petras, fühlen Sie sich in Berlin gut behandelt?

Armin Petras: Ich liebe Berlin. Als Berliner weiß ich, dass hier ein raues Klima herrscht, und das ist gut so. Aber es gibt auch Zeiten, da muss man Berlin halt mal verlassen.

Morgenpost Online: Ihr kürzlich angekündigter Wechsel nach Stuttgart hat viele überrascht.

Armin Petras: Wenn es hier andere Konstellationen gegeben hätte, dann wäre ich geblieben. Auch aus privaten Gründen.

Morgenpost Online: Sie wollten schon im Sommer mit Kultursenator Klaus Wowereit über Ihre Zukunft und die Situation am Gorki sprechen?

Armin Petras: Telefonisch hatten wir bereits im Mai angefragt.

Morgenpost Online: Ende Oktober fand das Gespräch dann erst statt. Haben Sie eine Erklärung, warum Sie so lange warten mussten?

Armin Petras: Es waren Wahlen und Herr Wowereit hat sicherlich sehr viel zu tun. Aber ich musste natürlich schon mit ihm reden, wenn ich den Laden aus meiner Sicht nicht mehr führen kann. Ich bin ja ein Angestellter der Stadt. So, wie das jetzt hier am Gorki läuft, geht es nicht weiter. Nicht mit mir.

Morgenpost Online: Aber Sie haben doch gelegentlich mit der Kulturverwaltung geredet.

Armin Petras: Ja, natürlich. Es gibt auch Quartalsberichte, da steht alles drin.

Morgenpost Online: Offenbar wurden die Probleme seitens der Politik aber nicht wirklich wahrgenommen.

Armin Petras: Monatlich unsere Auslastung lautstark zu verkünden und mehr Geld zu fordern, diese Art von Kulturmanagement ist mir fremd. Ich versuche, ein Haus von innen leuchten zu lassen. Ich dachte, dass hätten wir geschafft und deshalb wundere ich mich, dass das von den politisch Verantwortlichen nicht gewürdigt wird. Wir haben eine Auslastung von 90 Prozent mit einem künstlerisch anspruchsvollen Programm.

Morgenpost Online: Liegt es nur an der mangelnden Lautstärke?

Armin Petras: Wir haben zu viele Drittmittel eingeworben. Das hat uns die ersten fünf Jahre gerettet und ist jetzt ein Problem: Berlin hat sich daran gewöhnt, deshalb haben wir keine zusätzlichen Mittel bekommen, weder über den Haushalt noch von anderen Stiftungen.

Morgenpost Online: In denen Klaus Wowereit die Entscheidungen fällt. Mag er Sie nicht?

Armin Petras: Glaube ich nicht. Wir hatten Ende Oktober ein gutes Gespräch. Der Regierende Bürgermeister hat die Nöte des Gorki-Theaters wohlwollend zur Kenntnis genommen. Es ist eine politische Entscheidung: Will man das kleinste der fünf Berliner Stadttheater upgraden oder will man das nicht. Wir sind durch eine große finanzielle Lücke von den anderen vier Sprechtheatern getrennt. Ein Geschäftsmodell kann man nicht dauerhaft auf einer unsicheren finanziellen Basis aufbauen. Alles, was jetzt beispielsweise im Rahmen des Kleistfestivals stattfindet, finanzieren nicht wir, also die Stadt Berlin, sondern die Bundeskulturstiftung.

Morgenpost Online: Wie würden Sie Ihre momentane Stimmung beschreiben?

Armin Petras: Stolz, Wehmut, Angriffslust.

Morgenpost Online: Hätte Wowereit Sie halten können, wenn dieses Gespräch bereits im Sommer stattgefunden hätte?

Armin Petras: Natürlich. Ich hatte schon früher Angebote von anderen großen Häusern. Ich habe immer abgesagt, auch in der Hoffnung, dass sich unsere finanzielle Ausstattung hier verbessert.

Morgenpost Online: Die Wertschätzung Ihrer Arbeit scheint in Stuttgart höher zu sein.

Armin Petras: Allerdings und zwar von den Kollegen, wie dem großartigen Operndirektor und Regisseur Jossi Wieler, sowie den politisch Verantwortlichen.

Morgenpost Online: Von Wowereit zu Kleist ist ein langer Weg – und eine schwierige Überleitung. Was fasziniert Sie an dem Dramatiker?

Armin Petras: Ich kenne keinen deutschen Autor, der aktueller ist. Krise, Preußen, Brandenburg, radikales Schreiben – alles Sachen, die mich interessieren.

Morgenpost Online: Was macht Kleist besonders?

Armin Petras: Ich freue mich über jeden Satz. Das ist einfach das Beste, was auf Deutsch geschrieben wurde. Zumindest im Bereich der Dramatik. Jeder einzelne Satz bei Kleist hat zwei Kraftvektoren. Erst in eine Richtung, dann in die entgegengesetzte. Beim Sprechen findet ein dramatischer Vorgang statt. Also nicht wie bei fast allen anderen Autoren, dass Figur A sagt etwas und Figur B sagt das Gegenteil. Bei Kleist sagt schon Figur A zwei Dinge, die sich miteinander streiten. Dadurch entsteht eine ganz andere Tiefe.

Morgenpost Online: Was bedeutet das für einen Regisseur?

Armin Petras: Aufregung. Freude. Bei mir auch schlichtweg Vertrauen, das hat allerdings 15 Jahre gedauert, bis es einsetzt, bis ich sagen konnte: Ich muss nur dem folgen, was da geschrieben steht. Das gibt es nur bei wenigen Autoren. Also bei Brecht zum Beispiel geht es um eine politische Meinung und drumherum baut er sich ein Konstrukt, damit das auch hinhaut. Oft sehr witzig und poetisch, aber immer konstruiert.

Morgenpost Online: Kleist scheint zeitloser zu sein als Brecht.

Armin Petras: Absolut. Es gibt ja keine ideologische Grundidee bei Kleist. Und selbst, wenn es eine gibt wie bei der „Hermannsschlacht“, wo man sagt, dass ist schlichtweg als Propagandastück geschrieben worden…

Morgenpost Online: …eine Aufforderung zum Partisanenkrieg gegen Napoleon…

Armin Petras: …, es gibt auch innerhalb dieses Textes Tiefen, Höhen, Dramatik, wo man sofort wieder sagt: Das ist alles völliger Quatsch, du musst nicht alle Leute totschlagen, so funktioniert Leben nicht. Heiner Müller hat gesagt, der Text weiß mehr als der Autor. Und wirklich, das Geschriebene selbst steht oft diametral gegen die Absicht des Schreibers. Bei Kleist ganz genau so. Den „Homburg“ wollte er dem Kurfürsten widmen, um endlich ein angesehener Autor zu werden. Aber der Kurfürst sagt, das wird hier niemals gespielt – wie kommen wir dazu, ein preußischer Offizier heult doch nicht – und schon gar nicht vor seiner Stieftante. Kleist hat es nie geschafft, die Wirkung zu erzielen, die er erzielen wollte.

Morgenpost Online: Was auch ein bisschen an Goethe lag, dem Kleistverhinderer.

Armin Petras: Das wird überschätzt. So ein kleiner Goethe…

Morgenpost Online: Der war schon sehr einflussreich zu seiner Zeit.

Armin Petras: Goethe hat in Weimar den „Krug“ spielen lassen und dann zwei Balletts mit Mädels eingebaut, das dauerte dann viereinhalb Stunden und fiel natürlich durch. Aber wenn es Zeitgeist gewesen wäre, dann hätte man das Stück schon woanders gespielt. Aber es war zu radikal. Kleists Versuche, kompatibel zu werden, haben alle nicht funktioniert.

Morgenpost Online: Auch als Mensch ist er eigentlich eine tragische Figur.

Armin Petras: Kleist hat in seinem Leben viele Projekte gemacht und alle sind gescheitert – außer das letzte: sein Selbstmord.