Maxim Gorki Theater

Armin Petras überhebt sich mit "Wohlgesinnten"

In dem Roman "Die Wohlgesinnten" beschäftigt sich Jonathan Littell mit dem Zweitem Weltkrieg und mit dem Holocaust - allerdings aus Sicht eines intellektuellen und überzeugten Nazis. Armin Petras hat den Stoff für das Maxim Gorki Theater bearbeitet. Fazit: Viel Schuld, wenig Sühne, keine Idee.

Foto: Amin Akhtar

Sie winden und beschmieren sich im farbigen Schlamm, die fünf Menschlein, und in der Reflektion des großen Spiegels über ihnen wirken sie in den besten Momenten, als wären sie ein zum Leben erweckter griechischer Fries. Neben dem Farbschlachtfeld ist auch die auf drei Ebenen ansteigende Sperrholzbühne ein Zitat: Schon für Michael Thalheimers blutige „Orestie“-Inszenierung 2006 hatte Olaf Altmann die Bühne gebaut.

Um die Geschichte von Orests Muttermord geht es auch in Jonathan Littells Bestseller-Roman „Die Wohlgesinnten“, wo der SS-Offizier Max Aue – hochgebildet, schwul, skrupellos – seine verhasste französische Mutter und den Stiefvater umlegt, die Tat aber konsequent verdrängt. Daneben eilt er zwischen Stalingrad, Berlin und Auschwitz , lässt sich eher unfreiwillig in die Organisation der „Endlösung“ einbinden – und kommt am Ende mit einem falschen Pass davon, nun verfolgt von den Rachegöttinnen, den Erinyen, die Euripides in seiner Dramentrilogie als die Wohlgesinnten umdeutet.

Um viel Schuld und wenig Sühne also geht es, da ist der Farbensplatter, mit dem Hausherr Armin Petras am Maxim Gorki die aus 1400 Romanseiten kondensierte Fassung inszeniert, gar keine so schlechte Idee – irgendwelche Bilder muss man ja finden für die Leichenberge, die Blut-, Kot- und Spermaorgien des Buches. Doch mit dem Durchbuchstabieren von Schwarz, Braun, Rot und Weiß (wo Littell die Romankapitel mit den Sätzen einer barocken Suite überschreibt, ordnet Petras Farben zu) ist wenig erzählt: Vor allem die erste Hälfte leidet einschläfernd daran, dass es mit dem Abwechseln von Einzel- und (schlecht einstudierten) Chorpassagen noch nicht getan ist, wenn man vom Unsagbaren erzählt.

Kontur hat nur Max Aue. Nicht der junge, den Max Simonischek etwas ratlos hinstolpert. Sondern der alte, den Peter Kurth angenehm distanziert durch die eigene Horror-Biographie spazieren lässt. Anfangs sitzt er im Zuschauerrang, und weil der große schräge Spiegel im Bühnenzentrum ihn wie uns reflektiert, thront der Mörder mitten unter uns. Ja, wir alle sind gemeint, sagt dieser immer wieder funktionierende Coup. Noch eindrucksvoller wäre es allerdings, wenn auch das eigentliche Bühnengeschehen davon erzählen würde. Doch verweigert Petras Bilder, wenn er ganze Romanpassagen nur Aufsagen lässt.

Im prägnanteste Bild nach der Pause verbergen sich Mutter, Stiefvater und die Zwillinge (die sich als Max' Kinder erweisen) hinter an die Antike erinnernden Masken. Sie sind an- und abwesend zugleich, verwirren mit Gefasel und Gekicher und vermitteln endlich mal etwas von der ambivalent psychotischen Stimmung, die im Roman zwischen den Zeilen hervorlugt. Neben diesem Einfall wirkt der restliche Abend, als hätte Petras mal dies versucht und mal jenes, um dem monströsen Text auf die Spur zu kommen, hätte oft und tief in die Theaterkiste gegriffen und Budenzauber gefunden. Da bleibt Cristin König, Anja Schneider, Aenne Schwarz und Thomas Lawinky wenig mehr, als ihre zu Pappkameraden degradierten Rollen brav zu absolvieren.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Berlin-Mitte. Tel.: (030) 20221-115. Termine: 29.9.2011; 7., 15., 21.10.2011 um 19.30 Uhr