Neu auf CD

Justice laden zum Volkshochschul-Kurs für Musik

Das französische Elektronik-Duo Justice kümmert sich um die musikalische Bildung. Außerdem: Neues von M83, Roedelius Schneider und On-U-Sound.

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Justice: Audio, Video, Disco (Ed Banger) – Wer Latein gelernt hat, kann den Titel "Audio, Video, Disco" übersetzen: Hören, sehen, lernen. Vier Jahre nach "†", seinem beachtlichen Debüt, veröffentlicht das Duo Justice eine zweite Platte. Gaspard Augé und Xavier de Rosnay folgen dem alten Volkshochschul-Gedanken: Sie holen den Menschen ab bei seinem Bildungsstand.

"Brianvision" heißt ein Stück, das alles über Brian May und die Musik der Gruppe Queen lehrt. In "Ohio" geht es um die Harmonien des Quartetts Crosby, Stills, Nash & Young. Das ganze Album klingt wie eine unterrichtsbegleitende CD zur Popgeschichte. Von der progressiven Rockmusik der frühen siebziger Jahre über French House bis zum Laptop-Rock von Justice aus Paris.

War "†" noch zum Vergnügen da, zum Schütteltanz in Großraumdiskos und als Soundtrack militanter Modekollektionen, möchte "Audio, Video, Disco" Inhalte vermitteln. Deshalb nehmen sich die Stücke jetzt mehr Zeit. Sie wirken ruhiger aber auch musikalisch reicher. Lehrfilme begleiten Songs wie "Civilization", indem sie die größten Götterstatuen der Menschheit zeigen. Bisher standen Justice unter dem Verdacht, bloß Strohmänner zu sein für ihre Lehrmeister von Daft Punk. Nun belegen sie, wie aufmerksam und fleißig sie in all den Jahren waren.

3 von 5 Punkten.

M83: Hurry Up, We're Dreaming

Brian Wilson und die Beach Boys haben Kalifornien vertont als Land der Wellen und des Wahnsinns. Anthony Gonzalez pflegt den gnädigen Blick des Zugezogenen. Vom südfranzösischen Antibes kam er nach Kalifornien, auf den Spuren Brian Wilsons, um den Breitwandpop zu suchen. Was er fand und sah und fühlte, legt er nun auf "Hurry Up, We're Dreaming" dar, dem fünften Album unter seinem Bandnamen M83.

Zwischen Ouvertüre und Finale spielt er 20 Stücke, die gern Sinfonien wären mit Gesang und einem Arsenal an Synthesizern. Es wirkt alles viel zu viel und viel zu groß und künstlerisch berauscht, in jedem Song. Auf dem gesamten Album wird es unerträglich. Kitsch ist immer aufdringlich und laut, aber hier ist es plüschig klingender Lärm, selbst wenn man Anthony Gonzalez leise stellt. Wer "Claudia Lewis" sein soll oder Klaus in "Klaus I Love You" möchte man dann nicht mehr nicht wissen.

Warum ein Lied "Steve McQueen" heißt, auch nicht. So sehen auch Filme aus, die Europäer drehen, wenn sie Hollywood erobern wollen. Groß und leer. Als projizierten sie die Welt, aus der sie stammen, in den weiten, blauen Himmel über Kalifornien. Anthony Gonzalez bringt die Clubkultur aus Frankreich und die Klanglandschaft Jean Michel Jarres mit. So steht er am Strand und in der Sonne, staunt und sieht die Schatten nicht.

1 von 5 Punkten.

Roedelius Schneider: Stunden (Bureau B)

Der eine wird am 26. Oktober 77 Jahre alt: Hans-Joachim Roedelius hatte in Berlin, während der frühen Siebziger, zwei Bands gegründet, Cluster und Harmonia, dann hat er mit Brian Eno musiziert. Der andere ist halb so alt: Der Düsseldorfer Stefan Schneider war Bassist bei Kreidler, er spielt in Berlin bei To Rococo Rot oder unter dem Namen Mapstation.

Gemeinsam sind die Beiden bereits in der Berger Kirche aufgetreten in der Düsseldorfer Karlstadt: Zwei Generation elektronischer Musik aus Deutschland. Aus der Zeit der ersten leistungsfähigen Synthesizer und der Rückbesinnung auf die deutsche Avantgarde. Und aus der Zeit der ersten Heimcomputer und der Renaissance des Krautrock. In der Berger Kirche drehten Schneider und Roedelius an ihren Knöpfen, um sakrale Töne zu erzeugen.

Dazu las Roedelius selbst verfasste Poesie und Prosa. Darauf fusst nun auch ihr Album "Stunden", ohne Texte allerdings, dafür mit Titeln wie "Land", "Zug", "Liebe" und "Das Eine". Während sich Roedelius im Klavier vergräbt und über der Gitarre krümmt, spielt Schneider die Geräte, Bass und Zither. Es wird auf der Stelle musiziert, und die Musik wirkt leise, auch wenn man sie laut stellt. Krautrock war schon ein romantisches Projekt, als der eine noch jung und der andere noch nicht geboren war.

3 von 5 Punkten.

King Size Dub Special: On-U Sound 30 Years Anniversary

Vor 30 Jahren musste man Musik noch in Kartons als Frachtgut transportieren. Adrian Sherwood, damals Anfang 20, fuhr im Kleinbus Platten aus. Er lieferte die frischen Singles aus Jamaika, sobald sie in London eingetroffen waren, in die umliegenden Städte. Ohne Sherwoods "Van from Zion", wie die Händler seinen Service nannten, wäre Bristol nie zur TripHop-Metropole aufgestiegen.

Sherwood selbst wurde in London zur Instanz: Er stand am Mischpult, wenn Prince Far I sang. Er mixte für Judge Dread, den letzten wahren, singenden Skinhead. Und er gründete die Plattenfirma On-U Sound für Reggae, Dub und Artverwandtes. Für die hohe Kunst des Mixens, die in der Karibik ihren Ursprung hat.

Von Herbert Grönemeyer gebucht

Zum Jubiläum stiftet ihm das Label Echo Beach in Hamburg eine würdige CD mit 16 Stücken aus den On-U-Sound-Archiven. Man erkennt sogar die Firmenpolitik von Adrian Sherwood: Es geht immer um Versionen. Gern um seltsame wie "Stop This Train" von den Singers & Players, vorgetragen von einer feurigen Spanierin.

Es geht um Kooperationen. Lee 'Scratch' Perry und Roots Manuva, Bim Sherman und die Sugarhill Gang. Es geht um visionäre Klänge wie bei African Head Charge und den Revolutionary Dub Warriors. Und immer ging es um die Zukunft der Musik. Darüber wurde Sherwood selbst zum Musiker, zum Virtuosen seines Instruments, des Mischpults. Depeche Mode und Herbert Grönemeyer haben ihn bereits gebucht. Der Sänger Peter Gabriel erledigt den Vertrieb von Adrian Sherwoods eigenen Alben. "Never Trust A Hippie" hieß so eins. Die Lieferwege werden kürzer.

4 von 5 Punkten.