Pop

Die Steigerungsform von kaputt ist – Tom Waits

Tom Waits weiß, was seine Kunden wünschen: Gebrüll und klagende Texte. Von seinem neuen Album "Bad As Me" wird man begrüßt wie von einem alten Freund.

Im Jahre 1990 entwarf Tom Waits in Hamburg die Musik für eine Rockoper nach Webers „Freischütz“. Das Libretto lieferte der Beatnik William S. Burroughs, Robert Wilson inszenierte „The Black Rider“ am Thalia-Theater. Seine Mittagsruhe hielt Tom Waits bevorzugt im Gestühl des dunklen Saals.

Und wenn der Hausmeister ihn fand und auf die Straße warf, weil er den Musiker für einen Penner hielt, beschwerte sich der Gast nie bei der Intendanz. Zufrieden mit sich selbst und seiner glaubhaften Erscheinung ging er durch den Bühneneingang wieder an die Arbeit. Es spielt keine Rolle, ob die Anekdote stimmt. Unter Waitsianern wird sie unentwegt erzählt, sie hört sich wahr und gut an.

Ein Vagabund, der Lebensleid heraushustet

In den folgenden 21 Jahren nahm Tom Waits nur noch drei Studioalben auf mit Liedern, die nicht an Theaterstücken, Filmen oder Konzerten hingen. „Real Gone“ erschien zuletzt, 2004, und alles schien gesungen und gesagt über die Abgründe des Daseins.

Niemand pflegte noch das sepiagetönte Bild vom trunkenen Vagabunden, der sein Lebensleid heraushustet. Die Welt war eingeweiht in seine bürgerliche Existenz. Aber umso unbefangener und übermütiger breitet Tom Waits, inzwischen 61 Jahre alt, nun 16 neue Stücke aus.

Lieder über das Flattern von Krawatten

Sein Album „Bad As Me“ durchmisst stilistisch sein gesamtes Werk. Vom Auftaktsong „Chicago“ wird man wie von einem alten Freund begrüßt. Die Rummel-Blaskapelle hupt. Tom Waits bellt, in Chicago werde alles besser.

Wahrscheinlich geht es um die Zeit, in der die Landarbeiter in die Stadt zogen und den Blues mitbrachten. Und „After You Die“ entlässt einen mit einem rostigen Banjo und der Grabesstimme, die so traurige Geräusche aufzählt wie das Flattern von Krawatten und das Klatschen reicher Männer.

Rock ist darstellendes Spiel

Dafür wird Tom Waits verehrt, für das Gepolter und Gebrüll, das er veranstaltet, und weil er stellvertretend in den Dreck hinabsteigt und den Müll wegträgt. Wo alles heil und sauber ist, sehnt der Kulturmensch sich nach dem Kaputten und Verkommenen.

Die Stücke von Tom Waits sind Vintage für die Ohren. Er hat sich und seine Hörer von der Vorstellung befreit, man müsse Rockmusikern und ihren gelebten Liedern glauben können. Auch er brauchte seine Zeit, bis er dahinter kam, dass Rock nichts anderes ist als darstellendes Spiel.

Er beschwor die Poesie des Pegeltrinkens

Als Lehrerkind in einer Kleinstadt Kaliforniens wuchs er mit dem Drang auf, sich vom Durchschnitt abzuheben. Er mied die Musik und die Kultur der Sechziger, mochte den kühlen alten Jazz, Ray Charles und Beat-Literatur.

Er zog nach San Diego und bewunderte die Bohemiens und Trinker. Und er kellnerte in ihren Kneipen und sang ihnen in den Pausen rustikale Songs vor, um sie zu verherrlichen. Als angehender Sänger schlief Tom Waits im Auto und wohnte in schäbigen Motels. Darüber sang er wiederum, nahm seine ersten Platten auf, gab übernächtigt Interviews im Fernsehen und beschwor die Poesie des Pegeltrinkens.

Trau keinem über 30, lautete ein Ratschlag in der Jugendzeit der Popkultur. Tom Waits beherzigte die Warnung, indem er sich pünktlich niederließ und seiner Kunstfigur ihr ruinöses Eigenleben gönnte. Überzeugt hatte ihn Kathleen Brennan, eine Songautorin, die er 1980 bei den Dreharbeiten zu Francis Ford Coppolas „One From The Heart“ traf. Sie bezogen eine Farm im Norden Kaliforniens, richteten im Hühnerstall ein Studio ein und gründeten ihre Familie.

Keine Zähne im Mund und Laub im Haar

Wer Tom Waits besuchen möchte, wird am Highway 101 ins „Little Amsterdam“ bestellt, ein windschiefes Lokal, in dem der Sänger wirkt wie in seiner Kulisse. Lange hat er die Fassade seines Werks gewahrt und sein gesittetes Privatleben behandelt wie ein lästiges Geheimnis.

Zuletzt hat es ihm gereicht: „Viele Leute glauben, ich schlafe auf dem Billardtisch, stehe um drei Uhr mittags auf, schütte Whiskey in meine Cornflakes, habe keine Zähne im Mund und immer Laub im Haar. Was soll ich dazu sagen?“ Er sagt nichts dazu, aber er nimmt es hin, dass Biografen Bücher schreiben wie „Leben am Straßenrand“, um ihn zum wandelnden Widerspruch zu deklarieren.

Er klingt, als sei das Mikro kaputt

Als hätte Tom Waits sich nicht längst selber demaskiert. Durch seinen Manierismus. Durch die Auftritte, die immer auch als Parodien auf Tom Waits verstanden werden durften, am verstimmten Klavier, unter verbeulten Hüten und im Staub, den ihm die Bühnentechniker unter die Füße schippten. Wenn er Lärmskulpturen bearbeitete oder ins Megafon schrie. Er ging gern seinem Beruf nach.

„Bad As Me“, sein neues Album, ist schon deswegen gelungen, weil Tom Waits weiß, was er seinen Kunden schuldig ist. Das Schlagzeug klingt wie eine Halde Pappkartons, und sein Gesang klingt, als sei das Mikrofon defekt. Es gibt ein atemloses Stück, das „Let's Get Lost“ heißt und den inbrünstigen Rock'n'Roll der Gründerzeit zitiert.

Eine Ballade auf den inneren Landstreicher

Der Titelsong erinnert daran, dass er es geschafft hat, den Extremblues Captain Beefhearts jedem zu verkaufen. „Pay Me“ ist ein Walzer mit Akkordeon und Mandolinen und Tom Waits als lebensmüdem Clown. „Face To The Highway“ dient als heisere Ballade auf den ideellen Beatnik und den inneren Landstreicher.

„New Year's Eve“ zeigt, wie Kathleen Brennan und Tom Waits ihr Material montieren, aus dem Volkslied „Auld Lang Syne“ und „Lucille“ von Kenny Rogers. „I'm the last leaf from the tree“, knurrt Waits in einem melodiösen Herbstlied. Und er singt es zweistimmig: Ich ist ein anderer.