Tatort aus Berlin

Ritter und Stark ermitteln seit zehn Jahren

Bereits seit zehn Jahren ermitteln die Kommissare Ritter und Stark im Berliner "Tatort". Einer von beiden weiß schon, wie sein Serientod aussehen könnte. Ein Treffen mit Dominic Raacke und Boris Aljinovic.

Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER

Sie gelten als der Große und der Kleine, als machomäßiger Hallodri und braver Familienvater – die Berliner „Tatort“-Kommissare Ritter (Dominic Raacke) und Stark (Boris Aljinovic). Seit zehn Jahren ermitteln sie schon, dabei hatte der RBB anfangs nur von sechs Folgen gesprochen. Am Sonntag läuft um 20.15 Uhr in der ARD ihre 25. Folge. „Mauerpark“ heißt sie und handelt von einem mysteriösen Entführungsfall, der zu einem Kinderschänder führt. Kein einfacher Stoff. Aber das wollen Aljinovic und Raacke, die sich selbst als kritische Geister sehen, auch gar nicht. Katja Mitic und Peter Zander sprachen mit den beiden Schauspielern über ihre Spielwiese Berlin, den möglichen Tod eines Kommissars und die Herausforderung, es zehn Jahre miteinander auszuhalten.

Morgenpost Online: Warum feiern Sie jetzt zehnjähriges Jubiläum? Die erste Folge war doch im März 2001? Hat da jemand was verschlafen?

Dominic Raacke: Das passt zu uns. Das ist immer ein bisschen chaotisch. Wir hatten vor drei Jahren auch schon mal im Film zehnjähriges Jubiläum, wo Boris mich anruft, ich stehe auf dem Dach und er sagt: „Till, weißt Du übrigens, dass wir seit zehn Jahren ein Team sind. Das war vor drei Jahren.“

Boris Aljinovic: Das ist wahrscheinlich immer der gefühlte Stand. 25 Folgen und zehn Jahre – das klingt ja auch viel besser.

Morgenpost Online: Wie ist es denn so zehn Jahre?

Raacke: Das ist so, wie wenn man 50 wird, oder 20 oder 75. Und die Leute einen fragen, wie es denn jetzt so? Es ist schwer zu sagen. Dadurch dass wir uns nur zwei Mal im Jahr treffen, ist es immer wieder eine neue Herausforderung. Aber nach zehn Jahren ist man ganz gut eingespielt, man weiß umeinander.

Morgenpost Online: Hat es etwas Eheähnliches, so lange miteinander zusammenzuarbeiten?

Raacke: Das beantwortest Du jetzt aber mal.

Aljinovic: Wenn man jetzt Ehe als Zugewinngemeinschaft definiert, die man manchmal auch mit Pflicht erträgt...

Raacke: ... aber wir haben Gütertrennung...

Aljinovic: ...ja, Gott sei dank. Aber wir haben es ja auch noch nicht versucht mit Kindern oder so...

Raacke: ... also unsere Filme sind schon unsere Kinder ... (lacht)

Aljinovic: ... man sagt ja auch manchmal in einer Familie, es ist unerträglich miteinander, aber man muss es machen.

Morgenpost Online: In Familien gibt es unvermeidlich auch Streit.

Aljinovic: Sicher.

Raacke: Wobei ich das weniger Streit nennen würde. Da sind Auseinandersetzungen, die man miteinander hat.

Morgenpost Online: Über die offene Zahnpastatube?

Aljinovic: Naja, also manchmal über die offene Dramaturgie-Tube, würde ich sagen. Die müssen auch geführt werden. Bei aller Härte sind wir da aber im Fair Play, ohne diese Auseinandersetzungen wäre es langweilig.

Raacke: Diese Auseinandersetzungen entstehen auch, weil wir bei der Produktion sehr eingebunden sind. Oder anders gesagt: wir sind beide kritische Geister.

Morgenpost Online: Wie haben sich die Charaktere denn entwickelt?

Raacke: Das ist schwer zu sagen. Man verändert sich natürlich, weil man sich rein äußerlich verändert. Man wird mal dicker, mal dünner, mal grauer. Und vor allem älter. Das sieht man uns ja auch an. Ich glaube, dass es aber auch das ist, was Spaß macht. Oder was die Bindung des Zuschauers zum Tatort ausmacht. Es ist natürlich dieser Sendeplatz, dann aber auch durchaus zu den Kommissaren, die er sich so ausgesucht hat. Da baut sich so was auf, so eine Beziehung zwischen den Zuschauer und den zwei Typen da.

Morgenpost Online: Es gibt ja schon Kollegen, die seit 25 Jahren zusammen ermitteln.

Raacke: 25? Wer ist das?

Morgenpost Online: Die Münchner...

Raacke: Wie lange wir das machen werden?

Aljinovic: Ich hab darüber noch nicht nachgedacht.

Raacke: Ich glaube, das verdrängt man ein bisschen. So wie den Tod.

Morgenpost Online: Wie würden Sie im „Tatort“ sterben wollen?

Raacke: Im Schlaf...

Morgenpost Online: Da ist jetzt nicht Ihr Ernst.

Aljinovic: In der Frage: ‚Wo waren Sie gestern um...?' (lacht)

Raacke: Also, als Kind habe ich immer Erschießen gespielt. Das habe ich geliebt. Erschossen werden und dann sterben, das habe ich ganz oft gespielt. Wenn Sie mich jetzt so fragen, dann müsste Ritter erschossen werden.

Aljinovic: Ich weiß nicht. (zuckt mit den Schultern) Stark erschießt sich dann selbst. Das kann ich jetzt gar nicht nachfühlen.

Raacke: Aber das ist schon erstaunlich, wir haben früher eher drüber nachgedacht als jetzt. Jetzt denkt man: Das ist halt so, man macht immer „Tatort“.

Morgenpost Online: Was macht Sie beide denn aus?

Raacke: Ich glaube, dass wir die Berliner sind – das ist eine starke Identifikation. Wir sind mehr eine Stadt, wir sind sehr Berlin verbunden, auch durch diese Kombination Berliner Nicht-Berliner, groß klein, das ist schon so eine Unterschiedlichkeit. Die Münchner sind ja manchmal zum Verwechseln ähnlich oder waren es einmal. Da wusste man gar nicht: Ist das der oder der, wenn man nicht genau draufgeguckt hat. Wir sind auch schon sehr unterschiedlich als Typen. Und ich glaube, das beschreibt ja auch die Stadt. Das macht uns aus.

Aljinovic: Bleibend ist, dass Berlin eine imposante Erscheinung ist. Die sich gar nicht so definieren lässt. Wir können hier überall eintauchen. Es kann hier provinziell werden oder ein Mord in der Villa passieren. Das Spielfeld ist eine Riesen-Stadt. Raacke: Ich vergleiche das immer mit einem Comic, die Figuren darin erleben ja auch immer Abenteuer, fallen von der Brücke, humpeln, haben Kopfverbände und im nächsten Bild sind sie schon wieder gesund. So ähnlich ist das bei uns auch. Wir sind ja am Ende einer Folge wie am Anfang.

Morgenpost Online: Wünschen Sie sich manchmal einen Fall, in der die Hauptstadt selbst vorkommt, zum Beispiel die große Politik?

Raacke: Hatten wir schon. Auch das waren Diskussionen, die gerade am Anfang oft geführt wurden: Wir müssen Berlin als Thema machen. Aber was ist Berlin?

Aljinovic: Wir hatten zum Beispiel „Rosenholz“. Das war jetzt vielleicht nicht gerade so glücklich, aber es ging um diese Stasi-Akten und die Birthler-Behörde. Auch da haben wir das versucht. Manchmal geht das gut. Manchmal geht das weniger gut, weil das Genre eben vorschreibt, man muss jemanden im Reichstag oder in der Birthler-Behörde umbringen. Letztlich steckt dahinter immer irgendein persönliches emotionales Motiv. Ein Polit-Mord ist schon wahnsinnig schwer zu inszenieren.

Morgenpost Online: Fragt man sich im Privatleben manchmal: „Wie hätte Ritter oder Stark reagiert?“

Raacke: Nein, nein. Das legt man total ab. Sobald Abpfiff ist. Sobald man die Klamotte ablegt, ist das vorbei.