Hollywood-Star

Wie Paltrow nach durchzechter Nacht aussieht

Oscar-Preisträgerin Gwyneth Paltrow stirbt in "Contagion" einen kurzen, grauenhaften Tod. Ein Gespräch über gruseliges Make-up, andere Katastrophen und Coldplay.

Wann immer Eleganz gefragt ist, unabhängig vom Kontinent, holt man die Amerikanerin mit deutschen Wurzeln, die so wunderbar britisch aussieht. In den letzten Jahren hat sie sich rar gemacht, Interviews mit ihr sind selten. Dieses Jahr ist sie in Steven Soderberghs Viren-Thriller "Contagion" zu sehen, in dem sie auf sehr hässliche Art sterben muss. Zum Interview-Termin kommt die mit 1,75 nicht eben kleine Schauspielerin und Frau von Coldplay-Sänger Chris Martin in schwindelerregend hohen Pumps.

Morgenpost Online: Diese Schuhe sehen weder bequem aus, noch überhaupt tragbar. Irgendwie abenteuerlich!

Gwyneth Paltrow: Sie haben völlig recht. Ich werde mich nachher einen Dreck darum kümmern, dass sie wahrscheinlich ein halbes Vermögen kosten und sie einfach irgendwo vergessen.

Morgenpost Online: Tragen Sie diese Dinger nur bei Anlässen wie heute oder auch im richtigen Leben?

Paltrow: Oh, ist heute nicht das richtige Leben? Kommt mir aber ganz so vor.

Morgenpost Online: Trägt man solche Schuhe für sich oder andere?

Paltrow: Schwierige Frage. Aber ich kann sie, glaube ich, doch recht leicht beantworten. Also jede Frau hat natürlich ihre ganz eigenen Gründe. Bei mir ist es so, dass ich es zum einen ziemlich sexy finde, in den Dingern zu laufen. Das gebe ich gern zu. Aber auf der anderen Seite ist es noch viel schöner zu sehen, dass viele der nicht sonderlich großen Männer im Filmgeschäft plötzlich auf Abstand gehen oder sich einen erhöhten Punkt suchen, wenn sie mit einem reden. Das amüsiert mich sehr.

Morgenpost Online: Ich dachte, Sie hätten solche Spiele gar nicht mehr nötig. Es heißt immer wieder, Sie würden früher oder später der Filmbranche den Rücken kehren?

Paltrow: Wieso? Weil ich eine der wenigen Kolleginnen bin, für die es außer dem Beruf noch etwas anderes gibt, genannt Leben?! Nein, den Gefallen werde ich sicher keinem Menschen tun. Ich bin und bleibe Schauspielerin.

Morgenpost Online: Mit der Ansage: ein Film pro Jahr!

Paltrow: Genau. Das ist doch großartig. Da können sich alle anderen prima darauf einstellen. Mein Mann und meine Kinder haben auch noch etwas von mir. Mehr muss nicht sein.

Morgenpost Online: Und immer noch sicher, dass Ihnen niemand eine Hauptrolle anbieten sollte?

Paltrow: Na ja, unser zweites Kind Moses ist jetzt fünf. Langsam denke ich wieder darüber nach, ob ich nicht langsam mal einen großen Film machen könnte. Aber bisher - da haben Sie völlig recht - galt für mich, dass ich jedes Jahr einen Film mache und dass es nur interessante Nebenrollen sein sollen. Man muss Prioritäten setzen! Eine Rolle darf mich nicht länger als drei Wochen am Stück beschäftigen. Meine Tochter ist schon sieben Jahre alt. In weiteren sieben Jahren bin ich für sie wahrscheinlich so uncool, dass sie keine Zeit mehr mit mir verbringen will. Deshalb nutze ich jetzt jede Sekunde mit meiner Familie. Außerdem finde ich es doof, wenn andere Menschen meine Kinder erziehen würden. Ich freue mich immer, wenn ich Meryl Streep sehe und welche tolle Karriere sie heute hat. Die will ich in ein paar Jahren auch!

Morgenpost Online: Klingt so, als wären Sie sehr froh, dass es den Oscar schon so früh in der Karriere gab.

Paltrow: Stimmt. Das ist auch so. Jeder, der Ihnen erzählt, er hält den Oscar für einen Preis für Blöde und Beschränkte, lügt. Ich kenne viele Kollegen, die nach ein paar Jahren mit sehr gutem Einkommen und oberflächlichen Filmen plötzlich anfangen zu planen, dass jetzt die Preis-Phase kommen muss. Zum Glück musste ich nicht planen. Ich hatte schon bei "Shakespeare in Love" Glück.

Morgenpost Online: Hätten Sie sonst irgendwann angefangen zu planen?

Paltrow: Das mag heuchlerisch klingen, wenn ich das jetzt sage. Aber natürlich hätte ich das gemacht. Aber ich hätte es keinem erzählt. Darin besteht ja der Witz. Viele Leute tun so, als wären sie völlig überrascht von der Entscheidung der Akademie. Dabei war alles von sehr langer Hand geplant. Ich kann nur sagen, dass ich jetzt viel befreiter bin als vorher.

Morgenpost Online: So frei, dass Sie den Plan Ihres Regisseurs Steven Soderbergh ohne Widerspruch hinnahmen, dass Sie als erstes Virusopfer nach nicht mal fünf Minuten sterben?

Paltrow: Also, erstens hätte ich bei Steven Soderbergh alles gespielt, was er von mir verlangt hätte. Steven ist einer der wenigen Visionäre in diesem Berufszweig, der sich nicht verbiegen lässt. Als ich davon hörte, dass er mich für seinen neuen Film gern hätte und zwar in einer Minirolle, die aber doch den ganzen Film bestimmt, war ich auf jeden Fall darauf gespannt. Und außerdem war das genau die Art Film, nach der ich immer suche.

Morgenpost Online: Lassen Sie uns über das Drehbuch reden. Obwohl Sie gleich am Anfang sterben...

Paltrow: ...was übrigens ziemlich grauenhaft war. Ich kann nur alle Menschen warnen. Wenn man Sie fragt, ob Sie vielleicht das Opfer einer Virus-Katastrophe spielen wollen, überlegen Sie genau! Ich wurde für die Krankenhaus-Szenen so grauenhaft geschminkt, wie ich niemals an einem Morgen - selbst nach durchzechter Nacht - aussehen würde. Aber das schlimmste war dann, als die Experten kamen und meinten, dass es unverzichtbar wäre, dass meine Zunge heraushängen würde. Und deshalb musste sie geschminkt werden. Das war wirklich alles andere als schön! Aber was wollten Sie gerade fragen?

Morgenpost Online: Dass Sie das Drehbuch bestimmt bis zum Ende gelesen haben.

Paltrow: Aber sicher. Da der Film ja auch mit mir aufhört - wir verraten nicht wie - habe ich das Drehbuch bis zum Ende gelesen.

Morgenpost Online: Was hat Sie besonders beeindruckt? Man glaubt ja mittlerweile alle Katastrophen schon einmal im Kino erlebt zu haben.

Paltrow: Geht mir genau so. Allerdings reden wir da zu 99 Prozent von Katastrophen, die es noch nicht gegeben hat, die sich Filmemacher leinwandfüllend ausmalen. Hier fragt man sich ja, ob man nicht zufällig in die Abendnachrichten im Fernsehen geraten ist. In "Contagion" gibt es diese Bilder von leeren Flughäfen und Innenstädten, die wir alle schon mal gesehen haben. Nur, dass es so eine verheerende Katastrophe noch nie gegeben hat.

Morgenpost Online: Aber sie könnte jeden Tag stattfinden.

Paltrow: Vielleicht auch schon stattgefunden haben. Steven Soderbergh hat bei diesem Film sehr auf den Rat von Experten vertraut, die ihm gesagt haben, was passieren würde, wenn es so einen Virus gäbe. Wie die Mechanismen funktionieren würden. Was die Politik versucht zu verschweigen. Wie die Panik ganz langsam beginnt zu steigen. Das ist das große Thema dieses Films: Was wäre wenn? Es kann jeden Tag soweit sein!

Morgenpost Online: Eine dieser berühmten hypothetischen Fragen. Was wäre wenn?

Paltrow: Ja, diese Frage kommt mir nach diesem Film nicht mehr ganz so hypothetisch vor. Was würde ich tun? Zum einen finde ich es ganz gut, wenn man ein wenig Panik in sich hat. Das hält einen schön wachsam. Aber wenn es eines Tages soweit wäre mit der Katastrophe, und wir wären auch alle daheim, was ja auch nicht gesagt ist, dann hätte ich zum einen meine kleine Nothilfe-Box.

Morgenpost Online: In der was drin ist?

Paltrow: Das wird nicht verraten. Ein paar Geheimnisse müssen schließlich bleiben. Ich denke aber, dass ich gar nicht so viel Zeit hätte, mich um das zu kümmern, was da eventuell folgt. Wir haben zwei Kinder, um die wir uns kümmern müssten. Da ist man von eigenen Ängsten erst einmal prima abgelenkt.

Morgenpost Online: Zur Beruhigung kann man auch singen.

Paltrow: Früher hätte ich an dieser Stelle gesagt: Um meine Kinder zu erschrecken? Aber inzwischen habe ich mich mit meiner Stimme ganz gut arrangiert. Und natürlich wird zu Hause bei uns viel gesungen.

Morgenpost Online: Hat Ihr Mann Ihnen das Selbstvertrauen gegeben, singen zu können?

Paltrow: Nein, es ist mein Vater gewesen. Der fand schon früh, dass meine Stimme sehr gut klingt. Mein Mann hat mit mir dann gearbeitet, als ich den Film "Country Strong" gemacht habe.

Morgenpost Online: Wären Sie eher der Typ, der bei einer drohenden Katastrophe in die Berge fährt oder in New York bleibt?

Paltrow: Nun ja, viele Menschen in New York würden jetzt garantiert sagen, dass sie die große Katastrophe schon erlebt haben. Dabei waren es letztens - wegen des Sturms - nur drei Tage ohne Strom. Aber ich weiß jetzt, dass New York ein guter Platz wäre bei einer Natur-Katastrophe. Die Menschen sind zwar wahnsinnig schnell aufgeregt. Aber genauso schnell finden sie wieder in den Alltag zurück.

Morgenpost Online: Stichwort Alltag: Sänger einer der ganz großen Bands verheiratet mit einer berühmten Schauspielerin. Wie bekommt man das jeden Tag hin, wenn immer jemand ein Foto von der glücklichen Familie schießen will.

Paltrow: Ohne Frage, das ist anstrengend. Aber was sollen wir machen? Die Kinder irgendwo verstecken? Uns Skandale ausdenken, auf die diese Leute hereinfallen sollen? Man braucht leider sehr gute Anwälte. Und wenn man immer freundlich ist, dann kommt die Freundlichkeit meist zurück. Es gibt nur einen Bereich, bei dem mein Mann und ich keinen Spaß verstehen. Wenn unsere Kinder abgelichtet werden, um die Fotos zu verkaufen.

Morgenpost Online: Wie oft gönnen Sie sich den Spaß und schauen sich Konzerte von "Coldplay" an?

Paltrow: Nicht mehr so häufig wie früher. Da bin regelmäßig zu den Shows gegangen, um Chris und die Jungs zu sehen. Aber wenn man dann auch daheim mitbekommt, wie Songs entstehen, wie ein Album langsam Gestalt annimmt, hat man jeden Song so oft gehört, dass man nicht mehr zu jeder Show muss.

Morgenpost Online: Irgendwie amüsant der Gedanke, dass man bei Ihnen daheim an Sonntagen, die Sie gemeinsam verbringen, entweder die Musik Ihres Mannes hören oder einen Film mit Ihnen anschauen kann.

Paltrow: Sind sie verrückt? Setzen Sie sich oft am Sonntag hin und schauen sich noch mal Ihre Texte der Woche an? Bei mir ist das eh so eine Sache, bis ich die Distanz zu meinen Filmen habe und sie ohne Schmerzen anschauen kann.

Morgenpost Online: Wie lange dauert das in der Regel - fünf Jahre?

Paltrow: Oh nein, schon ein bisschen länger. Mindestens zehn Jahre.

Morgenpost Online: Das hießt, Sie sind jetzt bei...

Paltrow: ...den "Royal Tenenbaums" von 2001. Ich muss sagen, ein wirklich sehr schöner Film. Habe ihn letztens zum ersten Mal auf DVD gesehen.

Morgenpost Online: Wie lange wird es dauern, bis Sie mit Ihrem Mann ein Weihnachtsalbum herausbringen?

Paltrow: Das wird nicht passieren.

Morgenpost Online: Haben Sie das nicht auch mal zu einem Kochbuch gesagt?

Paltrow: Halt, das war nicht meine Schuld! Ich wäre nie auf die Idee gekommen, ein Kochbuch herauszubringen. Aber wie das nun mal so ist. Kochen ist meine Leidenschaft. Das habe ich von meinem Vater geerbt. Es kommen ständig Freunde zum Essen und die beschweren sich nicht, die loben einen fürs Kochen. Irgendwann fragt er erste nach Rezepten, dann der zweite. Dann fangen die Fragen an, ob man nicht mal...Ein paar Jahre habe ich mich noch geziert. Und es dann getan. In der Hauptsache, das muss ich sagen, in Bewunderung für meinen Vater.

Morgenpost Online: Kochen Sie nebenbei mit lockerer Hand und organisieren noch die Woche?

Paltrow: Nein, auf keinen Fall! Ich habe auch mehr als 20 Jahre gebraucht, bis ich vernünftig kochen konnte. Das ist vielleicht das eine, das Kochen und Schauspiel miteinander verbindet. Es darf locker und leicht aussehen. Aber in Wahrheit steht dahinter Arbeit, richtig viel Arbeit!

Morgenpost Online: Kommen wir noch mal zum Sonntag zurück. Auf welche Filme können Sie sich einigen?

Paltrow: Das ist ein bisschen problematisch, weil mein Mann der unkritischste Filmegucker aller Zeiten ist. Er findet einfach alles gut. Momentan aber schauen wir eh, wenn wir denn mal gemeinsam etwas schauen, Kinderfilme.

Morgenpost Online: Und auf welche Musik können Sie sich einigen?

Paltrow: Ach, da könnte ich viel nennen. Nehmen wir mal einen Streifzug durch die Konzerte, die wir in diesem Jahr gemeinsam gesehen haben. Sade oder Arcade Fire und Kings of Leon.

Morgenpost Online: Sie sind recht früh nach Spanien gegangen, um die Sprache dort zu lernen. Es heißt, Sie würden Sie fehlerfrei sprechen.

Paltrow: Fehlerfrei ist sicher übertrieben. Aber ich habe sie in jungen Jahren gelernt und kann sie soweit anwenden, dass ich wieder mal in spanischen Filmen mitspielen könnte.

Morgenpost Online: Bei allem Respekt. Ihre Mutter Blythe Danner hat deutsche Vorfahren. Wäre es da nicht einleuchtender gewesen, nach Deutschland zu gehen?

Paltrow: Tut mir leid, aber daran ist wohl meine Mutter schuld. Sie hat mir immer erzählt, wie schwer die deutsche Sprache ist. Das war so überzeugend, dass ich nie in Erwägung gezogen habe.