Katastrophenfilm

"2012" – Roland Emmerich zerstört wie kein Zweiter

Nur sechs Milliarden Tote. Glück gehabt.. Denn in Roland Emmerichs "2012" bleibt keine Erdplatte auf der anderen. Zwar sind Drehbuch und schauspielerische Leistungen wie gewohnt dürftig. Aber: Im Zerstören ist er ein Meister. Seine Fluten, einstürzenden Hochhäuser und Materialschlachten sind großartig.

Der amerikanische Stabschef Carl Anheuser wird allein fahren. Seine Mutter ist alt, krank und geistig verwirrt, "und meine Ex-Frau wollte mich nie wiedersehen". Das hat sie jetzt davon, die dumme Kuh. Sie wird garantiert sterben, Anheuser hat immerhin noch eine Chance. Denn er hat ein Ticket für eine der wenigen Archen, die ihn und einige Auserwählte vor dem sicheren Tod schützen.

Es droht Weltuntergang; kleiner haben wir es nicht, wenn Roland Emmerich Regie führt. In "Independence Day" gab es eine komplizierte Beziehung mit Außerirdischen, in "The day after tomorrow" wurde es unangenehm kühl. Dieses Mal hat er im Kalender der Mayas geblättert. Die sagten vor rund 2700 Jahren den Weltuntergang am 21.12.2012 voraus, und das ist ja nicht mehr so lang hin.

Immerhin, wenn dieses Mal Land unter ausgerufen wird, ist es zumindest nicht unsere Schuld. Keine Atomkriege, keine Ozon vernichtenden Geländewagen bedrohen in "2012" den Planeten, sondern gewaltige Sonneneruptionen. Unter der Erdkruste wird es heißer und heißer, und die Kontinentalplatten verschieben sich. Wer nicht in einem Krater versinkt, den überspült das Meer. Und wer dann immer noch nicht genug hat, den versenken die Tsunamis.

Dieses Szenario ist ausgewählten Wissenschaftlern seit Jahren bekannt, nur erfahren sie 2011, dass die Erde sich schneller erhitzt als erwartet. So richtig schlau wird man aus dieser Geschichte mit den Sonneneruptionen zwar nicht, aber wenn ein Wissenschaftler mit zittriger Stimme "eine physikalische Reaktion" ankündigt (die per se harmlos ist), dann weiß man zumindest: Jetzt wird es ernst.

Adrian Helmsely (Chiwetel Ejiofor) ist der aufrechte Wissenschaftler, der dem Stabschef des US-Präsidenten, Carl Anheuser (Oliver Platt), diese schlechte Nachricht überbringt. Der ist gerade dabei, auf einer Dinnerparty Geld gegen die Erderwärmung einzusammeln, und ganz stolz auf die 1,7 Millionen Dollar, die an dem Abend gespendet werden.

Als Adrian auf dieser Veranstaltung noch das Jackett eines anderen Gastes ausborgt und der Vorsicht anmahnt, denn schließlich habe es 600 Dollar gekostet, sollte dem letzten Zuschauer klar geworden sein, wie unbedeutend doch unser Gehassel um das Geld ist; im Vergleich zum Weltuntergang relativiert sich einiges. Die Arbeitsteilung des Wissenschaftlers und des Stabschefs formuliert Anheuser wie folgt: "Sie müssen berechnen, wann es zur Katastrophe kommt. Und ich muss eine Art von Regierung nach der Katastrophe aufrechterhalten."

Dass der Weltuntergang bevorsteht, davon ahnen die Völker natürlich nichts. Die Regierungen, ohnehin selten Freunde der Anarchie, ziehen es vor, es im Ungewissen zu halten. Nur einige Vorkommnisse beunruhigen: Mal bekommt das Straßenpflaster Risse, mal bebt die Erde ein wenig.

Das Leben werde bald zur Normalität zurückkehren, verspricht eine Stimme im Radio. Lediglich ein paar zottelige Außenseiter stehen an den Straßenränder und halten ihre "The end is near"-Plakate hoch. Frustriert muss Anheuser irgendwann eingestehen, dass "die Spinner mit den Schildern die ganze Zeit recht hatten".

Den Typen mit dem irren Blick spielt Woody Harrelson ("Natural Born Killers"). Der prophezeit auf seiner Ein-Mann-Radiostation nicht nur einen Weltuntergang, sondern kann auch - "und vergesst nicht, liebe Hörer, von Charlie habt ihr es zuerst gehört" - von ihm live berichten. Es spricht für den Lokalpatriotismus der Drehbuchschreiber in Hollywood, dass in den Untergangsfilmen so oft Kalifornien dran glauben muss. War es bei "Terminator" die Skynet-Zentrale in San Francisco, so ist in "2012" Pasadena die erste Stadt, die vom Erdboden verschwunden ist.

Weltuntergang ist ein beliebtes Topos in der Menschheitsgeschichte; stets stiegen die Propheten am Tage nach der angekündigten Apokalypse niedergeschlagen und peinlich betreten von ihrem Berg hinab. Was jede Generation aber nicht davon abhält, erneut den Untergang vorherzusagen: Wer ein wenig Tagesfreizeit hat, kann im Internet nachlesen, wie dort eine Pro-und Contra-Debatte über das Weltende 21.12.2012 läuft. Vorzeichen wie dieser seltsame Teilchenbeschleuniger am Kernforschungszentrum Cern, eine angeblich ungewöhnliche Planetenkonstellation wie auch die Dollarschwäche machen die Befürworter aus, auch über gelöschte Beiträge und Videos berichtet einer, "keiner konnte nachvollziehen warum. Komisch". Wer das wohl war? Der Vatikan? Die CIA? Oder doch wieder dieser Dick Cheney?

Die Filmfirma Sony macht sich diesen Irrsinn zunutze und hat eine Internetseite für ein "Institute for Human Continuity" konzipiert (Instituteforhumancontinuity.org), auf der auf überzeugende Weise suggeriert wird, wie es zum Ende der Welt gekommen ist. Wer anfänglich den Hinweis auf Sony Pictures überliest und die Seite ernst nimmt, erlebt auf jeden Fall einige wundersame Minuten.

Während auf der Website ein paar freie Plätze auf den Archen in einer weltweiten Lotterie angeboten werden (Motto des Instituts: "Wir stellen sicher, dass das Ende nur der Beginn ist"), gelten im Film andere Selektionskriterien: Die besten Kräfte jedes Landes haben die Regierungschefs für die vier Archen – gewaltige, stählerne U-Boote, made in China – ausgewählt.

Dazu gehören natürlich sie selbst, Wissenschaftler und vermögende Damen und Herren, die eine Milliarde Euro pro Platz bezahlt haben. Dieser kapitalistische Auswuchs erzürnt den aufrechten Wissenschaftler Adrian, doch Carl Anheuser kann sich den neoliberalen Fingerzeig nicht verkneifen, dass ohne diese Milliardenbeiträge die Archen nie gebaut worden wären. Bis zur allerletzten Stunde regiert das eiskalte Händchen des Marktes.

An Roland Emmerichs Filmen lässt sich im Grunde stets das Gleiche bemängeln: Drehbuch dürftig, schauspielerische Leistungen stellenweise absurd; so auch in "2012". Als die Patchworkfamilie rund um John Cusack (erfolgloser Schriftsteller am Anfang, ein Held und Tauchgott am Ende) an einstürzenden Hochhäusern vorbeifliegt, sieht sie aus wie staunende Besucher im Disney Park Orlando.

Sowieso ist die Ausgangsidee komplett abstrus: Okay, die Welt geht unter, es werden sechs Milliarden Menschen sterben, von dem beträchtlichen Sachschaden wollen wir gar nicht erst reden, aber nun zur guten Nachricht. Es werden immerhin einige Tausend Menschen überleben, die fröhlich und traumafrei in eine neue, verheißungsvolle Zukunft starten. C'mon.

Was man Emmerich aber lassen muss: Zerstören kann er wie kein Zweiter. Die Fluten, der Einsturz der Hochhäuser, der Blick in die tiefen Erdspalten, diese gigantischen Materialschlachten, das ist großartig gemacht. Sich über die 158 Minuten Filmlänge zu beschweren gehört verboten. Man beschwert sich ja auch nicht über sprechende Tiere bei Disney oder zu viele Schwule bei von Praunheim.

Emmerich dreht nun einmal endlose Filme. Und er versteht es, unsere Ängste zu visualisieren; er gibt eine Antwort auf die Frage, wie das Weltende wohl aussehen würde. Wem dieses zufällig perfekte Zusammenspiel zwischen Sonne und Erde schon immer nicht geheuer war, der wird sich nach dem Film einige Sorgen mehr machen.

Zur Beruhigung diese Meldung: Nach der Berechnung eines (was es alles gibt) Archäoastronoms der TU Berlin ist die Geschichte der Maya-Kultur 208 Jahre nach hinten zu datieren. Somit ist mit dem Weltende 2220 zu rechnen. Das geht ja noch.