Stauffenberg-Film

Dieser Tom Cruise ist nicht zu retten

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Alan Posener

Es sieht schlecht aus für den Stauffenberg-Film "Valkyrie". Die Produktion hat sogar das Oscar-Rennen selbst aufgegeben. Morgenpost Online kennt das Drehbuch und hat bei Beteiligten nachgefragt. Tom Cruise als Star ist schlecht, vieles wirkt albern und langweilig. Und dann ist da noch ein Glasauge im Whiskyglas.

Was macht man mit einem verkorksten Film? Wie wär’s hiermit: in seinem späten Meisterwerk „Hollywood Ending“ spielt Woody Allen einen schrulligen Autorenfilmer, der endlich für ein großes Studio drehen darf, aber vor Aufregung bei Drehbeginn erblindet. Um den Auftrag nicht zu verlieren, macht er blind weiter. Der resultierende Schrott wird von französischen Cineasten als Meisterwerk erkannt.

Oder hiermit: In Bryan Singers „Valkyrie“ mühen sich viele Stars vergeblich, davon abzulenken, dass die Hauptrolle fehlbesetzt ist und das Drehbuch nichts taugt. Der resultierende Schrott dürfte im Februar 2009 die Berlinale eröffnen.

Holprige Dialoge im Drehbuch

Als Singer seinen Film über die Verschwörung des 20. Juli 1944 in Berlin und Babelsberg drehte, gab es manche typisch deutsche Aufregung darüber, dass der amerikanische Scientologe Tom Cruise den deutschen Widerstandshelden Claus Schenk Graf von Stauffenberg spielen sollte. Und manche übertriebene Entlastung: Gerade der strahlende Hollywood-Star Cruise werde „das Bild, das die Welt sich von uns Deutschen macht, verändern“ und dadurch das Anliegen Stauffenbergs doch noch verwirklichen, meinte Frank Schirrmacher in der „FAZ“. Habense’s nich ne Nummer kleener? fragt der Berliner.

Sicher: Cruise strahlt. Mittlerweile kann man in den von seiner Firma United Artists veröffentlichten Trailern sehen und hören, wie Cruise als Stauffenberg seinem neuen Adjutanten mit einem breiten Grinsen eröffnet: „Ich bin dabei, mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln Hochverrat zu begehen. Kann ich auf Sie zählen?“


Oder wie er bei einer nächtlichen Begegnung im Wald auf Henning von Tresckows „Sie haben mich halb zu Tode erschrocken“ mit einem breiten Grinsen antwortet: „Wir werden dem Tode näher sein, bevor wir hiermit fertig sind.“

Der Held ist gnadenlos oberflächlich

Cruise als Stauffenberg ist ungefähr so abgründig wie ein Teller Cornflakes. Vom gequälten katholisch-konservativen Revolutionär ist nichts zu merken, der den Dichterpropheten Stefan George verehrte, sich nach der Reichspogromnacht 1938 von den Nazis abwendete und dennoch ein Jahr später aus dem besetzten Polen seiner Mutter schreiben konnte: „Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt.“

Dass Cruise eine Fehlbesetzung ist, sagte als Erster offen der deutsche Schauspieler Thomas Kretschmann, dem Cruise die Rolle Stauffenbergs wenige Tage vor Vertragsunterzeichnung weggeschnappt hatte. „Es ist absurd, ausgerechnet Tom Cruise. Er ist ja ganz okay, aber der Inbegriff des modernen amerikanischen Actionkinos“, sagte Kretschmann der „Welt am Sonntag“ im April 2007. „Wenn ich mir den in deutscher Uniform mit Augenklappe vorstelle, finde ich das eher lächerlich.“ Und nicht nur er.

Inzwischen aber redet Kretschmann, der mit der Rolle des Opportunisten Otto Ernst Remer abgespeist wurde, anders: „Da sind mir letztes Jahr Worte in den Mund gelegt worden, die ich nie gesagt habe“, behauptet er bei einem Treffen im Hotel „Adlon“ vor wenigen Wochen. „Ich habe mich nie geäußert zu dem Film.“ Merkwürdig.

Das Glasauge liegt im Whiskyglas

Aber über „Valkyrie“ darf man, wie über einen Toten, nichts sagen, es sei denn Gutes. „Ich musste mit dem Vertrag eine Erklärung unterschreiben, dass ich nichts über die Produktion weitergeben darf“, sagt die Agentin Heta Mantscheff, die einige der deutschen Stars vertritt, die für „Valkyrie“ engagiert wurden. Christian Berkel, der Albrecht Mertz von Quirnheim spielt, „möchte im Augenblick nichts dazu sagen“. Unter Zusicherung der Anonymität lästert aber ein deutscher Schauspieler: „Ich weiß nicht, ob Cruise die Rolle stemmen kann. Er ist nicht besser als irgendein deutscher Fernsehschauspieler. Ich meine, er ist nicht Johnny Depp.“

Stimmt. Aber auch mit Depp hätte ein Film nach dem Drehbuch von Christopher McQuarrie und Nathan Alexander scheitern müssen. Er habe beim Lesen „vor Aufregung feuchte Hände“ bekommen, behauptet zwar Kenneth Branagh, der Henning von Tresckow spielt und dabei wie ein Engländer in einem zu großen Wehrmachtsmantel aussieht. Aber das kann er nicht meinen. Branagh hat ja oft genug Shakespeare gespielt, der etwas vom Drehbuchschreiben verstand.


Tatsächlich ist das Buch, wo es nicht albern ist, vor allem furchtbar langweilig. Albern ist etwa folgende Szene: Hitler speist gemeinsam mit Soldaten: „Hitlers persönlicher Koch stellt ein Tablett vor dem Führer ab, holt Messer und Gabel hervor und schneidet eine Portion ab. Wir glauben, dass er Hitler füttern wird, bis er das Essen zum eigenen Mund führt, langsam kaut und schluckt. Wir warten darauf, dass er stirbt. Als das nicht geschieht, beginnt Hitler seine Mahlzeit.“


Albern ist auch jene Szene, in der Stauffenberg mit einem Mitverschwörer Kontakt aufnimmt, indem er sein Glasauge in dessen Whisky tut. Oder die Szene, in der sich Hitler, Himmler, Göring, Goebbels und Speer am Tag nach der alliierten Invasion der Normandie im Berghof besaufen.

Spannung durch Sprengstoff

Langweilig ist der Film vor allem, weil er auf Charakterentwicklung und intelligente Dialoge verzichtet. Damit kann auch eine Geschichte des Scheiterns spannend gemacht werden, wie Helmut Käutner mit „Des Teufels General“ nach Carl Zuckmayer bewies. Aber „Valkyrie“ kennt nur ein Mittel, Spannung zu erzeugen: Irgendjemand ist mit Sprengstoff unterwegs – als Geschenk verpackt oder in einer Brieftasche. Er gerät in eine Kontrollsituation. Wird er auffliegen?

Wäre das Drehbuch nur albern und langweilig, ginge das noch an. Geradezu empörend aber ist die Schilderung der Widerständler als „Nähkreis“ (so Stauffenberg verächtlich), der unfähig sei, einen Aktionsplan zu entwickeln. Besonders schlecht kommt der Zivilist und „fucking politician“ (Stauffenberg) Carl Friedrich Goerdeler weg – in Wirklichkeit ein Mann von Mut und Grundsätzen, der als Bürgermeister Leipzigs zurücktrat, weil die Nazis das Denkmal für Felix Mendelssohn Bartholdy abrissen.

Goerdeler, der bereits vor dem Krieg Kontakt zum Westen suchte, den parteiübergreifenden Widerstand koordinierte und von den Verschwörern als Kanzler eines von Hitler befreiten Deutschland vorgesehen war, wird als ehrgeiziger Schwätzer porträtiert. In einer Einstellung, die ihn beim Reden zeigt, heißt es in der Regieanweisung, seine „dramatischen Gesten erinnern schmerzlich an Hitler“.

Ursprünglich sollte „Valkyrie“ schon vor einem Monat anlaufen. Nun wird der erst nächstes Jahr in die Kinos kommen. Angeblich sei der Film beim Probepublikum als zu geschwätzig durchgefallen, Singer habe eine Action-Szene nachdrehen müssen. Mag sein. Der tiefere Grund liegt aber wohl darin, dass der Film wegen des neuen Starttermins für die Oscars gar nicht erst in Betracht kommt – und dass damit Tom Cruise und seinem Team die Blamage erspart bleibt, gar nicht erst nominiert zu werden. Die Verschiebung ist ein Eingeständnis künstlerischen Scheiterns.

Warum also sollte ausgerechnet „Valkyrie“ die nächste Berlinale eröffnen? Nun, weil der US-Verleih den Deutschland-Start für den 5..Februar 2009 angekündigt hat – den ersten Tag des Film-Festivals. Berlinale-Chef Dieter Kosslick behauptet zwar, es sei noch nichts entschieden. „Aber was könnte er sonst aus dem Hut zaubern?“ fragt einer, der den Mechanismus gut kennt. „Wenn der Cruise-Film mit 800 bis 1000 Kopien startet, kann Kosslick es kaum riskieren, mit einem Film zu starten, der nur einen Bruchteil der Aufmerksamkeit erregen wird.“ Und wer weiß? Vielleicht gefällt der Schrott einigen französischen Cineasten.