Tom Cruise

Eröffnet "Walküre" die Berlinale?

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Peter Zander

Foto: ath cu sab / DPA

Es scheint, als käme "Walküre" nicht zur Ruhe. Der Kinostart des Stauffenberg-Films ist erneut verschoben worden – auf den Eröffnungstag der Berlinale. Damit könnte der umstrittene Film von Tom Cruise sogar das Berliner Filmfestival eröffnen.

Man stelle sich das vor: Die Berlinale wird eröffnet, und über den roten Teppich wandelt Superstar Tom Cruise. Flankiert von einer ganzen Reihe deutscher Kollegen: von Thomas Kretschmann über Matthias Schweighöfer bis Christian Berkel. Sie zeigen einen Großfilm über ein urdeutsches Thema, gedreht zu größten Teilen vor Ort: „Walküre“. Da wird sich auch die deutsche Prominenz nicht lumpen lassen, zur Eröffnung des Festivals zu kommen. Sowie eine Riege höchstrangiger Politiker.

Zukunftsmusik? Fantasterei? Am Dienstag wurde bekannt gegeben, dass der Kinostart von „Walküre“ erneut verschoben wurde. Auf den 12. Februar in den USA. Auf den folgt der President's Day, ein langes Wochenende mit Feiertag am Montag, der viele Kinogänger verheißt. In Deutschland soll er indes schon eine Woche eher starten: am 5. Februar. An diesem Tag wird die Berlinale eröffnet.

"Die Auswahl hat noch nicht begonnen“

Der Schluss liegt also nahe. Und schon einmal griff das Festival beherzt zu, als eine internationale Großproduktion vor den Toren der Stadt, in Babelsberg, gedreht wurde: Jean-Jacques Annauds Stalingrad-Film „Duell – Enemy at the Gates“ eröffnete 2001, damals noch unter Moritz de Hadeln, das Festival.


Über „Walküre“ war am Mittwoch auf Anfrage bei der Berlinale naturgemäß noch nichts von zu erfahren. „Unsere Filmauswahl hat noch nicht begonnen“, ist alles, was von der Pressechefin Frauke Greiner zu erfahren war. Rein formal, so viel räumte sie ein, ist es nicht möglich, dass ein Film zeitgleich auf der Berlinale und im Kino laufen könne. Das wäre – reines Gedankenspiel! – nur bei einem vorgezogenen Berlin-Start denkbar. Und auch hier müsste das Festival eine Premiere feiern können. Hieße: Frühestens Mitternachtspremieren zum nächsten Tag wären denkbar.


Sollte die Berlinale tatsächlich noch nicht in Verhandlungen stehen, sollte sie jetzt schleunigst beginnen. Denn wenn „Walküre“ noch vor den USA in Deutschland gestartet wird, kann das nur bedeuten, dass der Film seine Uraufführung eben da erlebt, wo er gedreht wurde – und auch spielt: Berlin. Das hieße aber auch: Fände die Weltpremiere nicht auf dem Festival statt, würde sie gleichzeitig woanders gefeiert. Dann würden alle zu Cruise cruisen – und keiner käme keiner mehr zur Berlinale. An einer derartigen Konkurrenz kann aber weder dem Verleih noch dem Festival gelegen sein.


Eins scheint jedenfalls sicher: Die Spekulationen werden auch in nächster Zeit nicht abreißen. Es scheint, als käme „Walküre“ nicht zur Ruhe. Die Dreharbeiten hatten noch nicht begonnen, da entzündete sich in Deutschland eine erhitzte Debatte (worüber man im Ausland nur den Kopf schüttelte), ob mit Tom Cruise ein bekennender Scientologe die Rolle des Hitler-Attentäters Claus von Stauffenberg spielen und ob man Dreharbeiten in historischer Kulisse, im Bendler-Block, erlauben dürfe. Während des Drehs kam es zu einem Unfall auf der Wilhelmstraße, woraufhin einige Statisten die Produktionsfirma verklagten.

Tykwers Thriller als Abschlussfilm?

Dann stellte sich heraus, dass ausgerechnet das im Bendler-Block gedrehte Material unbrauchbar war (eine Zeitung verstieg sich gar zu einer „Sabotage“-These). Noch einmal musste an jenem Ort, für den eine Drehgenehmigung so schwer zu erlangen war, komplett nachgedreht werden. Aber auch nach der letzten Klappe scheint der Film unter einem schlechten Stern zu stehen. Ursprünglich war der Kinostart für Ende Juni angekündigt, dann wurde er auf Oktober. Und jetzt noch einmal um ein sattes Vierteljahr.

Nun sind derlei Terminänderungen nicht unüblich im Gewerbe. Erst am Mittwoch wurden zwei weitere Startverschiebungen bekannt gegeben: „Der Baader Meinhof Komplex“ vom 18. auf den 25. September, also nur um eine Woche. „The International“ aber, Tom Tykwers ebenfalls in Babelsberg entstandener Thriller mit internationalen Stars, vom 11. September auf den 26. Februar. Auch dieser Film bietet sich für die Berlinale geradezu an (als Abschlussfilm?); Kosslick scheint diesmal nur zugreifen zu müssen.

Spannend bleibt die Frage, warum „Walküre“ weiter aufgeschoben wird. Das Branchenblatt „Variety“ spekuliert, es könne noch jene zentrale Schlachtszene nachgedreht werden, bei der Stauffenberg Hand und Auge verlor. Eine Szene, die angeblich schon gestrichen war, aber jetzt wieder eingefügt werden soll, weil es den Studioverantwortlichen nach mehr „Action“ gelüstet.

Keine Oscar-Chance für Cruise

Interessant, dass sie dafür ganz offensichtlich auf die Preise pfeifen. Denn im Sommer, so lautet Hollywoods eiserne Formel, werden die Blockbuster gestartet, im Herbst dagegen die Prestige-Titel, mit denen man auf einen Oscar hofft. Der Oktober wäre dafür ein idealer Monat gewesen; ein Film muss aber spätestens am 31. Dezember angelaufen sein, um für den Oscar nominiert zu werden. Für die Oscar-Verleihung 2010 dagegen wäre der Film bereits Schnee von vorvorgestern.

Nun wollte Cruise aber gerade mit dieser Charakterrolle des Hitler-Attentäters seine stark angeknackste Reputation rehabilitieren. Der Oscar wäre die Krönung dafür – Thomas Cruise Mapother IV ist zwar schon drei Mal nominiert worden, aber bislang noch immer leer ausgegangen. Wenn das Studio dennoch den President's Day anpeilt, schielt es doch nur aufs Geld. Das kann nur bedeuten, dass es seinem Film wenig Chancen einräumt. Und mancher sieht schon böse historische Parallelen: Auch der Anschlag auf Hitler, um den es in „Walküre“ geht, wurde zwei Mal verschoben. Und ging am Ende schief.