Geschichte

Wie die Deutschen den Holocaust verdrängten

Dem deutschen Volk waren die bestialischen Verbrechen der Nazi-Diktatur durchaus bekannt. Das vorgegebene Nichtwissen war vor allem Verdrängung. Das zeigt Bernward Dörner in einer neuen Studie. Dafür hat er die Aussagen von Menschen analysiert, die vom Regime vor Gericht gestellt wurden.

Foto: pa/akg

Am 16. April 1945 zwangen amerikanische Soldaten gut tausend Bürger von Weimar, das nur fünf Tage zuvor befreite Konzentrationslager Buchenwald zu besichtigen. Noch stapelten sich Leichen zu regelrechten Bergen, noch erlagen frühere Häftlinge den Folgen der Qualen, die ihnen die Folterknechte der SS angetan hatten. Fast unisono beschworen die unfreiwilligen Besucher, darunter viele Honoratioren der selbstbewussten Kulturstadt, "davon nichts gewusst" zu haben.

Binnen kurzem verbreitete sich diese Behauptung über ganz Deutschland: Von den Verbrechen des Regimes, vom Massenmord an den Juden gar habe man nichts gewusst. Amerikanische Augenzeugen wiesen das spontan zurück; ein Korrespondent des Armee-Magazins "Yank" kommentierte im Mai 1945 scharf: "Am Straßenrand starben Häftlinge, wenn sie ins Lager zurückmarschieren mussten, und niemand zeigte sich überrascht. Die guten deutschen Bürger verschlossen ihre Augen, Ohren und Nasen und sahen, hörten und rochen nichts."

Seit Jahrzehnten hält sich dennoch die Ansicht, eine große Mehrheit der deutschen Bevölkerung habe nichts oder kaum etwas über die Konzentrationslager und die Verfolgung der Juden gewusst. Tatsächlich verlief der Massenmord unter strenger Geheimhaltung, wurden im Schriftverkehr nur Tarnfloskeln wie "Sonderbehandlung" für Vergasung verwendet. Doch die Tatsache, dass das Regime zur Geheimhaltung griff, sagt nichts darüber, wie bekannt die Vernichtung der Juden in der Bevölkerung tatsächlich war.

Schon 1942 hatte die studentische Widerstandsgruppe "Weiße Rose" in ihrem zweiten Flugblatt darauf hingewiesen, dass "seit der Eroberung Polens 300.000 Juden in diesem Land auf bestialischste Art ermordet worden sind". Seit vielen Jahren ist bekannt, dass die Konzentrationslager eng mit ihrem Umland kooperierten. Dass die Deportationen der Juden aus ihren Häusern vielfach vor den Augen ihrer "arischen" Nachbarn stattfanden. Dass Hunderttausende von Wehrmachtssoldaten Zeugen oder sogar Mittäter bei Massakern hinter der Front wurden. Dass sich in Feldpostbriefen in die Heimat immer wieder Hinweise auf diese Verbrechen fanden.


Vor anderthalb Jahren hat der in London lehrende deutsche Historiker Peter Longerich in einem wichtigen Buch mit dem Titel "Davon haben wir nichts gewusst" gezeigt, wie viel die deutsche Bevölkerung aus der NS-eigenen Propaganda über den Massenmord erfahren konnte. Zu Recht ist sein Werk hoch gelobt worden. Einzig Daniel J. Goldhagen attestierte ihm vermeintlich "zutiefst fehlerhafte Schlussfolgerungen". Bei allem berechtigten Lob: Longerich konnte aufgrund seiner Quellen im Wesentlichen nur zeigen, was die Deutschen hätten wissen können, ja wissen müssen. Was sie wirklich wussten, vermochte er nicht zu ermitteln.

Protokolle aus Gerichtsakten

Diese Lücke füllt jetzt die voluminöse Studie von Bernward Dörner. Der Berliner Historiker stützt sich in seiner Habilitationsschrift, die Vorurteilen solchen akademischen Qualifizierungsschriften gegenüber zum Trotz gut zu lesen ist, vor allem auf zeitgenössische Quellen. Neben bereits von anderen Forschern intensiv ausgewerteten Tagebüchern und ähnlichem sind es vor allem Gerichtsakten aus Verfahren wegen "Heimtücke" oder "Wehrkraftzersetzung", aus denen Dörner Informationen über das reale Wissen in der Bevölkerung um den Holocaust zieht.

Neben ungezählten weiteren Beispielen zeigt Dörner an 31 bislang weitgehend unberücksichtigen Äußerungen von Einzelpersonen in Gerichtsakten, wie verbreitet das Wissen um den Massenmord eben doch war. So hatte ein Handelsvertreter in Halle im August 1941 festgestellt: "Die Sache mit den Juden wird sich später noch rächen." Er wurde denunziert und zu neun Monaten Gefängnis verurteilt.

Lediglich "schärfstens verwarnt" wurde eine Hausfrau aus dem niederrheinischen Emmerich. Sie hatte kritisiert, dass Juden in Polen in die Wälder gejagt und dort mit Maschinengewehren erschossen wurden. Auf die Frage, woher sie das wüsste, antwortete die Frau, offenbar zur Zufriedenheit des vernehmenden Gestapo-Beamten: "Mir ist alles dies auf dem Wochenmarkt in Emmerich erzählt worden." Für die NS-Polizisten war das offenbar einleuchtend; jedenfalls hinterfragten sie diese Aussage nicht weiter.

Gegen Kriegsende war das Wissen groß

Mit Fortgang des Krieges und mit der immer weiter voranschreitenden "Industrialisierung" des Mordens wurden die Kenntnisse offenbar noch genauer. Im Dezember 1942 sagte ein Wiesbadener Malermeister einer Akte des Volksgerichtshofes zufolge: "Zur Judenfrage äußerte der Angeklagte, die in Deutschland verbliebenen Juden würden alle mit Gas vergiftet." Ein Münchner wusste dasselbe und formulierte drastisch: "Judenfrauen und Kinder haben's in einen Waggon verladen und aus der Stadt gefahren und mit Gas vernichtet."

Es ist Bernward Dörners Verdienst, ungezählte bisher unbeachtete Quellen zum Sprechen gebracht zu haben. Seine Schlussfolgerungen überzeugen: "Spätestens im Sommer 1943 hat die große Mehrheit der Deutschen zumindest damit gerechnet, dass alle im NS-Herrschaftsbereich lebenden Juden umgebracht werden sollten." Diese Erkenntnis beschäftigte die Deutschen durchaus: "Ein kritisches Ausmaß erreichte die Auseinandersetzung der Bevölkerung mit dem Genozid fatalerweise erst, als der Mord an den Juden bereits weit fortgeschritten war und mit schlimmsten Konsequenzen für die Deutschen gerechnet werden musste."

Daran schließt er die zulässige, aber nicht zu belegende Spekulation an: "Hätte sich in dieser Situation ein Ausweg aus dem NS-Regime angeboten, hätten ihn vermutlich viele genommen – auch zahlreiche NSDAP-Mitglieder. Doch das ließ die Führung nicht zu. Durch blanken Terror von Gestapo und Justiz gelang es dem Regime, den Deutschen jeden halbwegs gefahrlosen Ausweg zu versperren."

Stattdessen retteten sich viele eigentliche Wissende, so kann man anschließen, in die Unehrlichkeit: Sie wussten längst genug, um keinesfalls mehr erfahren zu wollen – und um sicher zu sein, dass Verdrängen der "beste" Umgang mit ihrem Wissen sein werde. Diesen Schluss präzise und überzeugend belegt zu haben, hebt Dörners Buch aus der Fülle von Holocaust-Studien weit heraus.

Bernward Dörner: Die Deutschen und der Holocaust. Was niemand wissen wollte, aber jeder wissen konnte. Propyläen, Berlin. 891 Seite, 29,90 Euro.

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