Nationalsozialismus

Der Mann, der das Leid im Ghetto beschrieb

| Lesedauer: 9 Minuten
Jacques Schuster

Jan Karski war Zeuge von Leiden und Sterben im Warschauer Ghetto. Sein "Bericht an die Welt" erscheint jetzt auf Deutsch.

Dieses Buch ist ein Ereignis. Es nimmt gefangen, hält in Atem und reißt mit – Seite für Seite, Satz für Satz. Jan Karskis „Bericht an die Welt“, 1944 nach schweren Jahren im Untergrund im sicheren Amerika verfasst und nun erstmals ins Deutsche übersetzt, entführt uns in die Epoche der moralischen Verwilderung, in das von den Deutschen besetzte Polen, in dem es nur noch Jäger und Gejagte gab und – natürlich – den Massenmord. Selten zuvor hat man derart unverfälschte Aufzeichnungen in den Händen gehalten.

Auf persönliche Weise schildert Karski, dieser Mann von heller, wacher Sensibilität, was er in Polen seit dem September 1939 erlebt hat, wie sich David gegen den deutschen Goliath zu wehren versuchte, wie er einen geheimen Staat im Staate aufbaute und wie die Juden um Hilfe flehten und doch wussten, dass ihre Vernichtung nahe war. Karskis stilistische Fähigkeiten, seine Beobachtungsgabe und der Drang, als Augenzeuge all das festzuhalten, was er als Kurier im Untergrund erlebt hat, haben ihm und uns zu einem einzigartigen Dokument verholfen, das eine zentrale Quelle der europäischen Geschichte des 20.?Jahrhunderts bleiben wird.

Die Bedeutung erschließt sich aus drei Aspekten: Karskis „jüdischer Mission“ im Herbst 1942, der detailreichen Darstellung des polnischen Widerstandes, der einen Staat im Staate bildete, und dem Bericht über deutsche Kriegsverbrechen in Polen.

Jan Karski, der 1914 in Lodz zur Welt kam, eigentlich Jan Kozielewski hieß und gleich nach der Kapitulation des Landes in den Untergrund ging, war der Mann, der die Welt schon 1942 von der Vernichtung der Juden unterrichtete – und das nicht mit Statistiken und salbungsvollen Appellen, sondern mit der nüchternen Eindringlichkeit des Betrachters, der alles aufnimmt, was er sieht, im Gedächtnis hält, um es im Anschluss so genau wie möglich wiederzugeben.

Politiker hörten zu – und schwiegen

Karski hat sich, wie Céline Gervais-Francelle in ihrem vorzüglichen Vorwort schreibt, stets als „Grammophonschallplatte“ verstanden, „die man bespielt, weitergibt, anhört“. Gerade dieses Selbstverständnis war es, die seiner Darstellung diese bis heute atemraubende Wucht verleiht. Sein Bericht an die polnisch-jüdischen Vertreter in London der Churchill-Zeit war so entsetzlich, dass einer von ihnen keinen anderen Weg mehr sah, als seinem Leben ein Ende zu setzen.

Die anderen Repräsentanten der westlichen Welt, Großbritanniens Außenminister Anthony Eden, der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt und zahlreiche Intellektuelle wie Arthur Koestler oder H.G. Wells aber hörten Karski zu und schwiegen. Warum das so war, gehört zu den schwarzen Kapiteln des 20. Jahrhunderts, aber nicht hierher. Wichtig an dieser Stelle ist, was Karski zu erzählen hatte.

Über den Styx ins Totenreich

Kurz vor seiner Reise als Kurier aus dem besetzten Polen nach England zur polnischen Exilregierung beschlossen polnische und jüdische Untergrundführer, einen Augenzeugen in das Warschauer Ghetto zu schleusen, um ihm und der Welt zu zeigen, was die Deutschen trieben. Die Wahl fiel auf „Witold“, wie Karski auch genannt wurde. Durch ein System von Kellergewölben gelingt „Witold“ über den „Styx, also jenen Fluss, der in der griechischen Mythologie die Welt der Lebenden vom Totenreich trennt“, in das Ghetto, das ihn an einen Friedhof erinnert.

Nur: „Diese Leichen bewegten sich noch – oftmals sogar regelrecht fieberhaft. An diesen schlotternden Gestalten war außer Haut, Augen und Stimmen kaum noch etwas Menschliches verblieben. Überall herrschte Hunger und Elend, es stank grässlich nach verwesenden Leichen, man hörte das jämmerliche Wimmern sterbender Kinder und die verzweifelten Schreie und das Keuchen des Volkes im aussichtslosen Überlebenskampf.“ Stundenlang irrt Karski durch die Schluchten der Häuser.

Er wird Zeuge von Misshandlungen und beobachtet „Die Jagd“: „Mitten auf der Straße standen zwei Burschen in Uniformen der Hitlerjugend. Sie alberten herum, lachten und schubsten sich gegenseitig ausgelassen. Plötzlich zog der jüngere von ihnen eine Pistole aus der Hosentasche. Er ließ sein Blick schweifen, als ob er etwas suchte. Als wäre es ein lustiger Karnevalsscherz, hielt er gespannt Ausschau, worauf er zielen konnte… Dann gab er einen Schuss ab, woraufhin Glas zersplitterte und der Todesschrei eines Mannes zu hören war. Der Junge, der geschossen hatte, jubelte vor Freude. Der andere klopfte ihm auf die Schulter und sagte etwas offenbar Anerkennendes zu ihm. Dann hakten sie sich unter und gingen in aller Seelenruhe zum Ausgang des Ghettos.“

Es ist Zeit, sich aufgrund solcher Sätze noch einmal genauer mit den Verbrechen der Hitlerjugend zu befassen. Doch das nur am Rand. Karskis Bericht geht noch tiefer. Genau lässt er sich erzählen, wie viele Juden monatlich das Ghetto in den Todeszügen nach Osten verlassen. Es sind fünftausend am Tag.

"Manche Szenen werde ich nie vergessen"

„Ich wurde bleich. Es war Anfang Oktober 1942. In zweieinhalb Monaten hatten die Nazis allein im Warschauer Ghetto dreihunderttausend Morde begangen.“ Karski beschließt, in der Uniform eines ukrainischen KZ-Wächters ein Nebenlager Belzecs zu besuchen. Man „hatte mich gewarnt und gesagt, dass ich, selbst wenn ich hundert Jahre alt werden sollte, manche Szenen nie vergessen würde“.

Karski berichtet, wie Tausende von Juden, nackt und verrückt vor Angst, im Lager warteten – „die jüdische Masse vibrierte, zitterte und bewegte sich auf und ab wie in einer gemeinsamen, irrsinnigen, rhythmischen Trance“ – bis der Güterzug mit vierzig bis sechzig Waggons zum Einsteigen bereit war. Die Böden der Wagen „waren von einer dicken Schicht weißen Pulvers bedeckt. Das war Ätzkalk. Wer schon einmal gesehen hat, wie Zement gemischt wird, weiß, was passiert, wenn Wasser auf Kalk gegossen wird. Wenn sich das Pulver mit dem Wasser verbindet, brodelt und dampft die Masse, und es entsteht starke Hitze. Das feuchte Fleisch, das mit dem Kalk in Berührung kommt, verliert rasch sein Wasser und verbrennt. Die Menschen in den Waggons wurden binnen Kurzem buchstäblich verbrannt.“ Bis zum Ende des Krieges starben allein in Belzec 600.000 Menschen. Dank Karski wusste die Welt davon.

Das Wüten von 60.000 Gestapo-Agenten

Damit nicht genug, erfuhr sie von ihm, wie die Polen ihren Widerstand organisierten. Selten hat man eine lebendigere Betrachtung über die vielen Schichten des polnischen des Untergrunds gelesen. Karski legt dar, wie sich der Widerstand zusammensetzte, schildert das System der Verbindungsleute, die ihre Kampfgenossen mit Pässen und Papieren versorgte, betrachtet die Rolle der Frau im Untergrund, geht auf die unterschiedlichen politischen Gruppierungen ein, berichtet vom Aufbau eines Nachrichtenwesens und beschreibt die Brutalität, mit der die mehr als 60.000 Gestapo-Agenten in Polen wüteten.

Karski selbst wird beim Grenzübergang nach Ungarn verraten und so gefoltert, dass er sich die Pulsadern aufschneidet, um dem Terror zu entkommen. Mit Hilfe des polnischen Widerstandes kann er sich retten. Fortan trägt er Zyankali bei sich, um nie wieder in die Hände der Gestapo zu fallen.

Sein Bericht soll vom Widerstand künden

Darüber hinaus erfahren wir, welche Methoden der Widerstand anwendete, um die Wehrmacht und die SS-Verbände zu schwächen. Mitglieder des Untergrunds führen den Besatzern Prostituierte mit Geschlechtskrankheiten zu. Andere wiederum tragen Läuse als Überträger tödlicher Krankheiten bei sich. Die deutschen Besatzer können sie damit zwar schwächen, besiegen indes nicht. Karski weiß das.

Sein „Bericht an die Welt“, zu einer Zeit aufgezeichnet, als es nicht klar war, wie das Polen der Zukunft aussehen würde, soll vom Widerstand an sich künden. Zudem will er Zeugnis über die Kriegsgräuel ablegen. Sein Buch erinnert uns: Die ersten Städte, die durch Luftangriffe zerstört wurden, sind die polnischen. Nach dem Angriff der Deutschen im Herbst 1939 sind 35 Prozent der Häuser in Warschau zerstört.

Gerade in diesen Passagen sagt Karski offen, was er von den Deutschen hält. Jahre nach dem Krieg sah er darin den Grund, warum sein Buch nie einen deutschen Verleger fand. Ob er Recht hatte? Jedenfalls war es hohe Zeit, dass sein „Bericht an die Welt“ nun auch eine deutsche Öffentlichkeit erreicht.

Jan Karski: Mein Bericht an die Welt. Geschichte eines Staates im Untergrund. Kunstmann, München. 528 S., 28 Euro.