Pop

Radiohead setzen das Internet in Alarmbereitschaft

Die Briten zelebrieren wieder die Kunst des Nichtstuns: Das erste Video zu "The King Of Limbs" wird schon eifrig parodiert.

Wer zwischendurch vielleicht daran gezweifelt haben mag, dem sei versichert: Das Internet funktioniert. Als die britische Band Radiohead am Valentinstag nach Monaten beharrlichen Schweigens wie nebenbei bekanntgab, dass sie fünf Tage später ihr neues Album „The King Of Limbs“ veröffentlichen würde, schleuderte sie Fanseiten, Diskussionsforen, Musikblogs und Online-Magazine in den Zustand höchster Alarmbereitschaft. Tatsächlich macht sie das Werk über ihre Homepage sogar einen Tag früher zugänglich – gegen Zahlung von sieben Euro ließ sich „The King Of Limbs“ binnen weniger Minuten herunterladen.

Daraufhin begann der Wettlauf, als erster eine fundierte Meinung zu den insgesamt acht Songs zu entwickeln, wobei das einhellige Urteil vor allem darin bestand, dass acht Songs eine recht überschaubare Ausbeute darstellen, vor allem, wenn man bedenkt, dass seit dem letzten Alben „In Rainbows“ inzwischen vier Jahre vergangen sind. Ansonsten bestand Einigkeit darüber, dass „The King Of Limbs“, wie jedes andere Radiohead-Album auch, mehrmaliges Hören verlange, so schnell ließe sich darüber nicht abschließend befinden.

Parodien und Hommagen auf Youtube

Parallel dazu stellten Radiohead ein Schwarzweiß-Video zu ihrem neuen Song „Lotus Flower“ ins Netz, in dem Sänger Thom Yorke in einem weißen Hemd mit einem Clockwork-Orange-Hut auf dem Kopf eine ambitionierte Tanzchoreographie absolviert, die sowohl seiner linkischen Körpersprache wie auch seinem tänzerischen Können gerecht wird. Schon zwei Tage später konnte man auf Youtube etliche Parodien und Hommagen finden, die weitere Parodien und Hommagen nach sich zogen, so als handele es sich bei dem neuen Werk nicht um ein Stück Musik, sondern eine Art Kettenbrief.

Man fragt sich natürlich, wie die Band das macht. Die Antwort ist, dass sie im Grunde nichts macht und der Rest sich wie von selbst erledigt. Radiohead haben die Kunst der Verknappung perfektioniert. Keine Öffentlichkeitsarbeit und kaum Interviews. Wenig Presseerklärungen und wenn doch, dann nur solche, die man nicht versteht. Aus den Fängen der Musikindustrie haben sie sich längst dadurch befreit, dass sie ihre Musik im Downloadverfahren über ihre eigene Website verkaufen.

Anderen würde man das als Halsabschneiderei auslegen

Für Hörer, die auf physische Tonträger nicht verzichten wollen, gibt es selbstverständlich auch Deluxe-Editionen mit Vinyl und CD zu gestaffelten Preisen, die allerdings erst mit deutlicher zeitlicher Verzögerung erscheinen, so dass es durchaus wahrscheinlich ist, dass Fans „The King Of Limbs“ in mehrfacher Ausführung erwerben. Anderen Künstlern würde man das als Halsabschneiderei auslegen, aber Radiohead sieht man es nach.

Seit die ehemalige Gitarrenrockband 1997 – ca. 27 Jahre nach Kraftwerk – mit ihrem Album „OK Computer“ die Möglichkeiten elektronischer Musik entdeckt hat, gilt alles, was sie macht, als ungemein revolutionär. Wenn sie in ihren Popsongs mal diese, mal jene Elemente weglassen, die man in Popsongs gemeinhin erwartet, heißt es nicht dass etwas fehlt, sondern dass sie die Struktur des Popsongs dekonstruieren. Seit „OK Computer“ sind sie praktisch mit nichts anderem beschäftigt, so dass der Dekonstruktionsgrad von „The King Of Limbs“ sich nur marginal von den vorherigen Alben unterscheidet. Die acht Titel klingen auf eine recht kunsthandwerkliche Weise angenehm und nett.

Aber sind acht Titel wirklich alles? Auf Basis von Numerologie (der Download trägt den Titel TKOL1), Textexegese (im letzten Song Separator heißt es vielsagend: „Wenn du denkst, es ist vorbei, dann liegst du falsch“) und Hoffnung gehen Fans davon aus, dass die acht Songs nur die erste Hälfte eines weitaus umfangreicheren Albums sind. Die Band schweigt dazu beharrlich. Sie wäre auch dumm, wenn sie sich äußern würde.