Walter Heynowski wurde als bedeutender und fleißiger, auch privilegierter DDR-Dokumentarfilmer bekannt – 66 Filmtitel zählt sein Oeuvre. Seit 1956 drehte er bei der Defa, später beim DDR-Fernsehen Dokumentationen, vor allem über restaurative Erscheinungen der Adenauerzeit. Filmischer Interrogativ-Journalismus nicht ohne Demagogie und Propaganda: Im Kalten Krieg willkommener Helfer der politischen Intentionen der DDR-Führung.
Davor lag seine Jugend in Reutlingen als Sohn eines Kaufmanns und späteren NS-Sonderführers „im Osten“, Pimpf, Flieger-HJ, erste publizistische Versuche mittels Leserbriefen an das „Nationalsozialistische Jungenblatt Pimpf“, die wohlwollend aufgenommen werden. Kein geringerer als Herbert Reinecker, seinerzeit Kriegsberichterstatter bei der Waffen-SS und dann Hauptschriftleiter der HJ-Zeitschrift „Junge Welt“, lädt ihn kameradschaftlich zur Mitarbeit ein. Bis Kriegsende gehört er dann als Luftwaffenhelfer zu einer Geschützmannschaft.
Ist sein Erinnerungsbuch – das vor Beginn seiner Filmarbeit endet – also ein weiteres Beispiel der „Flakhelfer-Generation“, nun jedoch aus DDR-sozialisierter Sicht, eine „ostdeutsche“ Einmischung in eine „westdeutsche“ Diskussion, angestoßen durch Grass’ Bekenntnis? Heynowskis Beschreibungen sind sehr präzise. Der recherchegewandte und formulierungsfreudige Dokumentarist mäandert durch die deutsche Geschichte in Kriegs- und Nachkriegszeit, etwa zu dem Verleger Helmut Kindler, dem Filmregisseur Bernhard Wicki, dem Architekturhistoriker Bruno Flierl, zu Mitkriegsgefangenen und Historikern.
Eher beiläufig erwähnt er, dass auch er geschossen hat. Das Empfinden seiner Schuld infolge Irre-Geleitet-Seins ist nicht zu überlesen. Heynowskis knappe, lakonische, eher kalte und gar nicht ironische Beschreibung offenbart dieses Trauma seines Lebens. Da er es nun benennen kann, will er es bezwingen, indem er es schriftlich bannt. Da ist er Grass – bei allen erheblichen Unterschieden – ziemlich nahe.
Im eigenartigen Kontrast dazu steht sein Staunen, dass er maßgebliche politische Funktionäre der DDR in der Flakhelfer-Generation wieder findet, z.B. Joachim Herrmann, Ideologie-Tyrann und Honecker-Vertrauter dogmatischsten Zuschnitts. Er und Heynowski und die anderen haben nie ihre Traumata beschrieben, solange sie in politisch miteinander zu tun hatten (und das war lange!). Was wäre anders geworden in Heynowskis Leben und Werk, wenn eine frühe Offenlegung des Trauma erfolgt wäre?
Walter Heynowski: Der Film meines Lebens. Das neue Berlin, Berlin. 330 S., 19,90 €.



