Mehrere deutsche Historiker halten es für möglich, dass jemand als Mitglied der NSDAP geführt wurde, ohne je selbst einen Aufnahmeantrag gestellt zu haben. „Solche massenhaften Rekrutierungen gab es ganz unzweifelbar“, sagte der Geschichtswissenschaftler Hans Mommsen. Auch der Historiker Norbert Frei hat keinen Zweifel an der Existenz von unwissentlichen NSDAP-Mitgliedschaften. „Es hat Sammelanmeldungen gegeben, und es kann und muss auch Fälle gegeben haben, in denen die Betroffenen nichts davon wussten“, sagte Frei dem „Tagesspiegel“.
Am Wochenende war bekannt geworden, dass es im Bundesarchiv Unterlagen zur NSDAP-Mitgliedschaft des Kabarettisten Dieter Hildebrandt und der Schriftsteller Martin Walser und Siegfried Lenz gibt. Alle drei bestreiten jedoch vehement, als 17- oder 18-Jährige gegen Kriegsende einen entsprechenden Aufnahmeantrag unterschrieben oder von der Mitgliedschaft gewusst zu haben.
Walser: "Kultur der Verdächtigungen"
Das Leben stecke auch nach seinem 80. Geburtstag „voller Überraschungen“, sagte Hildebrandt am Montag im „ZDF-Mittagsmagazin“. „Ich bin ja jetzt auch noch Mitglied der NSDAP geworden in meinem hohen Alter.“ Er könne sich jedoch nicht daran erinnern, als Flakhelfer 1944 einen entsprechenden Antrag gestellt zu haben. Doch wisse er beispielsweise noch ganz genau, dass er als 13-Jähriger für sechs Wochen einmal „Zugführer bei den Fliegerpimpfen“ gewesen sei – weil der Fähnleinführer der Gruppe ihn als Rechtsaußen in seiner Fußballmannschaft gebraucht habe.
Martin Walser sprach in einer Reaktion von einer „Kultur der Verdächtigung“.
„Über die Praxis in den einzelnen Gauen wissen wir wenig oder nahezu nichts“, sagte der Freiburger Historiker Ulrich Herbert. Das gelte besonders für die Übernahme der HJ-Jahrgänge 1926 und 1927, in denen auch Walser, Lenz und Hildebrandt geboren sind. Hier musste anders als im Normalverfahren ein HJ-Führer die Anträge sammeln und gebündelt weiterleiten, außerdem sei das Eintrittsalter auf 17 Jahre abgesenkt worden.
Wehler: "Glaubwürdige" Aussagen
„Die Absicht, möglichst viele – oder alle – Angehörigen einer HJ-Einheit zum Eintritt in die NSDAP zu bewegen, ist deutlich erkennbar“, sagte Herbert. Es sei durchaus möglich, dass einzelne NS-Führer zum Beweis ihrer Tüchtigkeit hohe Eintrittszahlen auch ohne die entsprechenden Unterschriften melden wollten; etwa zu „Führers Geburtstag“.
Die aktenkundige NSDAP-Mitgliedschaften könne nicht mit dem Fall Günter Grass verglichen werden, meinte Herbert. „Es ist ein Unterschied, ob jemand – wenn auch als Jugendlicher – in der Waffen-SS mitgekämpft und dieses Wissen für sich behalten hat, oder ob jemand der NSDAP mit 16 Jahren beigetreten ist oder beigetreten wurde.“ Insgesamt stelle sich auch die Frage, so Herbert weiter, welches Gewicht es habe, ob jemand mit 17 in der NSDAP war oder nicht: „Nach meinem Dafürhalten: keines“.
Auch der Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler hält es für möglich, dass es in den letzten Jahren der NS-Diktatur Aufnahmen in die NSDAP ohne das Wissen des Betroffenen gegeben hat. „So etwas gab es sicher“, sagte Wehler. Es habe sicherlich bestimmte Gauleiter gegebeben, die damit ihre Mitglieder-Statistiken aufbessern wollten.
Wehler bezeichnete die Aussagen von Hildebrandt und seinen Altergenossen als „glaubwürdig“. Zugleich kritisierte er die aktuellen „lüsternen Medienaufwallungen“. Alle drei hätten durch ihr gesamtes Leben bewiesen, dass sie „mit den Nazis nichts im Sinn“ gehabt hätten.



