Alte Alben, neuer Sound

Und dennoch bleiben die Beatles ein ewiges Rätsel

Meilenstein der Popgeschichte oder überflüssiges Glied einer Endlos-Vermarktungskette? Am Mittwoch wird weltweit die Neuausgabe aller regulären Beatles-Studioaufnahmen veröffentlicht. Sie soll an den Originalsound so nah wie bislang nie zuvor heran kommen. Muss das denn wirklich sein?

Noch mal das Gesamtwerk der Beatles? Unsere Eltern haben uns nach ein paar Gläsern Wein schon tausend mal erzählt, wie umwerfend und einzigartig diese Band aus Liverpool war und wie viel ihnen diese Musik in ihrer Jugendzeit bedeutet hat. Wir wollen cooles Futter für unsere iPods.

Dance, House, Electro. Zeitgemäße Musik. Neuigkeiten. Sachen, die für uns gemacht worden sind. Nicht diese alte Leier von Musikern, die schon gestorben sind.

So würden vermutlich die meisten jungen Leute antworten, wenn Sie sie heute fragen, was sie von der Musik der Beatles halten. Und was sie davon halten, dass alle zwölf englischen Original-LPs, plus dem Soundtrack des Films „Magical Mystery Tour“ und zwei Sampler mit den Singles heute tontechnisch aufgemöbelt in zwei Schubern als Mono- oder Stereoversion erhältlich sind.

Menschen unter 25 Jahren wollen keine musikalischen Archäologen sein, sondern neue Sensationen, neue Sounds, neue Frisuren. Sich frisch verlieben. Davon lebt der Pop. Nur so kann er sich entwickeln – und weiter Geld verdienen.

Aber könnte es sich nicht doch lohnen, den vier Jungs aus Liverpool mal eine Chance zu geben? Was ist das Geheimnis dieser Band? Warum hallen die Lieder, diese 525 Minuten Musik, die die Band in ihrer Karriere veröffentlicht hat, bis heute nach? Warum ist die Musik Bestandteil des globalen Bewusstseins geworden?

Wenn man die LPs und Singles der Band chronologisch durchhört, stellt man vor allem fest, welche unfassbar schnelle Entwicklung die vier Jungs durchgemacht haben.

Jede Platte ist ein dramatischer Schritt nach vorne. Immer neue Akkordverbindungen, neue Sounds, neue Studiotechnik, neue Texte, neue Art der Bandfotos. Angetrieben auch durch neue Drogen und Freundinnen. Die Beatles blieben niemals stehen. Bis heute muss man sich fragen, ob das nur möglich war, weil in den 60er-Jahren das unerforschte musikalische Land größer war als heute, oder ob es die magische Chemie zwischen den vier Musikern und Persönlichkeiten war? Wahrscheinlich eine Mischung.

Die Beatles waren außerdem Meister darin, Stimmungen und Trends des Untergrunds, der Kunst und Popmusik aufzunehmen und in ihren Liedern zu vereinfachen und zu verstärken. Dazu die schlichte Botschaft, dass es nach Massensterben, Hass und Krieg vielleicht mal Zeit für die Menschheit wäre, sich ein bisschen lieb zu haben. Als Sahnehäubchen die geniale Produktion und die feine Studiotechnik der Abbey Road Studios unter der Leitung von George Martin.

Dem Neueinsteiger in das Land von John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr machen es die polierten Neuausgaben der CDs ab Mittwoch einfacher. Zwar wurde nichts neu abgemischt. Aber der Sound ist deutlich frischer, zeitgemäßer.

Das englische Musikmagazin „Mojo“ durfte zwanzig Songs vorab hören und Autor Jon Savage war begeistert: „Als wenn ein Dunstschleier entfernt wurde.“ Aber auch dem hartgesottenen Fan bietet die Neuauflage, die ab heute erhältlich sind, einiges.

Laut Savage gewinnen fast alle Aufnahmen an Transparenz. Dramatisch soll der Unterschied bei Songs wie „I Want You (She’s So Heavy)“, „She Said She Said“, „Being For The Benefit Of Mr. Kite“ oder „I‘m The Walrus“ ausfallen. Hier sind einige der seltenen tontechnischen Fehler der Originalaufnahmen ausgeglichen worden, und zum ersten Mal kann man jetzt hören, wie diese Lieder ursprünglich hätten klingen sollten.

Vielleicht kann man es den jungen Leuten so erklären: Die Beatles haben den Grauschleier der 50er-Jahre mit einem eleganten Schlag verpuffen lassen. Mit Humor, Selbstbewusstsein, eingängigen Melodien, Haarschnitten, einer Spur Anarchie und einer freundlichen Botschaft. Und dann wurden sie immer besser.

Bis zum Schluss. Und als sie merkten, dass sie den nächsten Schritt nicht mehr finden würden, als Lennon der Humor ausging, als McCartney die eine oder andere Klavierballade zu viel schrieb, als Harrison endlich auch mal ans Ruder wollte – da konnte auch Ringo die Wogen nicht mehr glätten, sie hörten einfach auf und verschwanden zusammen mit den 60er-Jahren im Nichts.

Das Geheimnis dieser Band wird trotz all der dicken Bücher, der unendlichen Geschichten, Bildbänden und dieser neuen CDs nie endgültig gelöst werden. Die Beatles bleiben ein ewiges Rätsel. Wie das Lächeln der Mona Lisa. Oder wie John Lennon es ausdrücken würde: „I am the eggman, they are the eggmen, I am the walrus, goo goo g’joob.”