Gesamtschau

Loriot ist der große Meister der TV-Kritik

Mit seinen Zeichnungen und Sketchen versteht er es, das Fernsehen wesentlich geschickter zu entlarven als seine Kollegen. Eine Ausstellung in Berlin würdigt jetzt das Gesamtwerk von Loriot. Dabei erfährt der Besucher unter anderem, dass die Knollnasenmännchen am Anfang gar keine Knollnasen hatten.

Reich-Ranickis Schelte über den Fernseh-„Blödsinn“ war im Grunde ein ganz alter Hut. „So’n blödes Programm“, erregte sich schon Wum, der Fernsehhund von Loriot, natürlich mit verknotetem Hängeohr, 1975 auf der Titelseite des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ (Ausgabe vom 25. August).

In Loriots Kartoon „Fernsehabend“, ausgestrahlt von Radio Bremen im Mai 1977, glotzt ein älteres Ehepaar in die Röhre und regt sich über das Programm auf – obwohl ihr Gerät gerade defekt ist. „Gott sei Dank müssen wir nicht gucken“, schimpfen sie. Und tun es natürlich, anstatt die Zeit einmal sinnvoll zu nutzen, dennoch. Und in einer Zeichnung tritt Loriots berühmte Cartoonfigur, der Knollennasenmann, wie immer hochseriös mit Anzug und Fliege, ein Fernsehgerät in die Ecke.

So kann Fernsehkritik auch aussehen. Von einem, der ebenfalls zum System gehört. Der mit von der Partie ist, sich aber, auf seine unnachahmliche Weise, herzhaft darüber lustig macht. Loriot, das ist der eine große Komödiant, den das deutsche Fernsehen nicht gerade hervorgebracht, aber doch maßgeblich populär gemacht hat. Otto, der andere große TV-Komiker, darf sich inzwischen zwar als Ur- und Übervater aller Comedians verstehen, ist aber in deren Nachfolge ein wenig untergegangen.

Er nahm den Spießer auf die Schippe

Loriot – oder vielmehr Vicco von Bülow, der Mann hinter der Knollennase – bleibt dagegen einzigartig. Keiner hat, wie er, das deutsche, speziell das bundesrepublikanische Spießbürgertum auf die Schippe genommen. Keiner, wie er, den Alltag eingefangen und dabei nur ein paar Millimeter die Perspektive verschoben. In seinen besten Momenten zeigt er unermüdlich, wie der korrekte, ordnungsliebende Deutsche seine wohlgeordnete Welt nur noch ein wenig korrekter gestalten will – und mit einem Minimum an Perfektion ein Maximum an Chaos auslöst.

Einer, der alles richtig machen will, und dabei alles falsch macht. Loriot, das ist nicht weniger als deutsche Kulturgeschichte: Der Spießbürger auf den Spieß genommen, sozusagen. Wobei, das zeichnet diesen Mann aus, sein Humor immer bissig, nie aber ätzend war. Jeder fühlte sich auf die Schippe genommen, nicht aber persönlich auf den Schlips getreten. Auch das erklärt zum Gutteil das Geheimnis seiner Beliebtheit.

Ein gutes halbes Jahrhundert hat uns dieser Mann mit seiner spitzen Feder, seinen absurden Sketchen und seinen Kinofilmen begleitet. Am 12. November wird er schon unglaubliche 85 Jahre alt. Und zu diesem Anlass hat ihm das Film- und Fernsehmuseum Berlin eine Ausstellung geschenkt, in der sie alle wieder vorkommen: Wum auf dem „Spiegel“-Titel, die Hempels auf dem Sofa und die Fernseh-tretende Knollennase, die sogar das Plakat der Ausstellung ziert.

Die Schau ist die größte, die es je zu Loriot gegeben hat. Und der Maestro hat dafür, bisher einmalig, sein privates Archiv in Ammerland, seinem Sitz am Starnberger See, geöffnet. Die Frage war nur: wie das orten, was den Kuratoren Gerlinde Waz und Peter Paul Kubitz da an Schätzen aufgetan wurde? Und: wie es neu erzählen, wo doch schon alles über Loriot gesagt zu sein scheint?

Schau mit Bekanntem und Unbekannntem

Die Lösung war eine doppelte Herangehensweise: Zum einen galt es, den unbekannten Loriot vorzustellen. Zum anderen, den bereits bekannten Loriot in neuem Licht zu zeigen, indem man ihm quasi in seiner Werkstatt bei der Arbeit über die Schulter oder auch mal direkt auf die Finger schaut.

Zu sehen sind Exponate, die das Herz jedes Fans höher schlagen lassen: zahllose Cartoons, gut ein Zehntel seines zeichnerischen Werks, allesamt im Original zu sehen. Zu sehen ist das komplett bewegte Bild, von den Fernsehsketchen über die Kinofilme bis zu all den Talkshow-Auftritten: rund 73 Stunden Filmmaterial, das in Endlosschleife zu sehen und nach persönlichen Vorlieben abrufbar ist.

Weil das Fernsehen noch weniger als das Kino seine Geschichte speichert, sind kaum Requisiten der Sendungen vorhanden. Aber die Kulissen von zwei der berühmtesten Sketche, „Die Zimmerverwüstung“ und „Der Lottogewinner“, beide aus dem Jahr 1976, wurden liebevoll rekonstruiert. Und im Zentrum thronen die berühmten Sofas, mit denen das Potatoe-Couch-Medium auf sich selbst zurückgeworfen wurde: das kleine rote vom SDR und das große grüne von Radio Bremen, auf dem der Komiker mal allein, mal mit der unvergesslichen Evelyn Hamann saß.

Wir lernen, dass Loriots so charakteristischer Knollennasenmann am Anfang doch eher ein Stabnasenmann war und sich mit der Verfeinerung des Humors auch das Riechorgan abrundete. Wir lernen, dass schon der 16-Jährige als Komparse an der Stuttgarter Oper Skizzen seiner Kostüme entwarf – was seine faszinierende Entsprechung in Skizzen von 1984 findet, als er an eben demselben Haus seine erste Oper „Martha“ inszenierte.

Selbstkritische Anmerkungen im Frühwerk

Wir können in seinen Drehbüchern und frühen Zeichnungen selbstkritische Anmerkungen („So nicht!“), mit Blau- und Rotstift flüchtig hingekritzelt, nachlesen. Wir lernen, wie unheimlich akribisch und also doch wieder deutsch-perfektionistisch das vorbereitet werden musste, was im Fernsehen so leicht und spontan wirkt.

Ein großer Spaziergang durch ein ganzes Oeuvre, bis hin zu einer Serie, die es bislang noch nie öffentlich zu sehen gab: seine „Nachtschattengewächse“. Kleine Bilder, teils nur auf Notizzettel hingetuscht, immer dann, wenn er in den letzten beiden Jahren keinen Schlaf finden konnte.

Loriot hat, das ist durchaus nicht selbstverständlich, sein Archiv vertrauensvoll geöffnet. „Es spricht für seine Größe“, schwärmt Kurator Kubitz noch jetzt, „dass wir so stark in seine Anfänge zurückgehen durften, als er durchaus noch nicht so unantastbar war wie heute.“ Der Jubilar ging sogar noch weiter – und vermachte seine gesammelten bewegten Bilder noch zu Lebzeiten dem Film- und Fernsehmuseum.

Bei der Eröffnung der Fernseh-Dauerausstellung im Hause war Loriot einst der Gaststar, jetzt übergibt er ihm einen unschätzbaren Schatz, den dieses auswerten und in seine Fernseh-Dauerausstellung integrieren wird. Fragt sich nur, was mit dem voluminösen Rest des Vorlasses geschehen wird: all die Cartoons und Zeichnungen, die gerade im Diogenes-Verlag neu aufgelegt werden. Es wäre ideal, wenn man auch sie für diese eine, dann zentrale Sammlung gewinnen könnte.

Im Museum für Film und Fernsehen Berlin. Bis 29. März 2009