Verpasste Chance

Peter Jackson kauft Schätze des Filmmuseums

Berlin hatte die Chance, die weltweit bedeutendste Kollektion von Figuren aus Fantasy-Filmen aufzubauen. Stattdessen schließt am Sonntagabend im Filmmuseum eine Ausstellung, die enormes Potenzial besaß. Jetzt hat sich "Herr der Ringe"-Regisseur Peter Jackson die Schätze gesichert.

Foto: kpa / KPA

King Kong, der Riesige, King Kong, der Schreckliche, war in Wirklichkeit ein 50 Zentimeter hoher Wicht, ein mit Schaumgummi gepolstertes und von Kaninchenfell überzogenes Metallskelett. Und weil "King Kong", dieser Meilenstein der Filmgeschichte, schon ein Dreivierteljahrhundert zurück liegt, sind die Originalfiguren, die ihr Meister Willis O'Brien so genial zum Leben erweckte, begehrte Objekte - bei Sammlern und Museen. Berlin hatte die Chance, die weltweit bedeutendste Kollektion von Figuren aus Fantasy-Filmen aufzubauen. Stattdessen schließt am Sonntagabend im Filmmuseum eine Ausstellung ihre Türen, die ein enormes Potenzial besaß.

Auch Hollywood, dieser im ewigen Jetzt gefangene Ort, hat lange nicht begriffen, wie wichtig sein Gestern ist. Als die großen Studios Ende der Sechziger in die Klauen größerer Konzerne gerieten, wurde alles abgestoßen, was unnötige Kosten verursachte: Kulissen, Kostüme und Modelle wanderten in den Müll oder wurden in alle Welt versteigert.

Die "King Kong"-Modelle gammelten im Paramount-Verlies vor sich hin, bis Mr. Ackerman sie dort aufspürte. Forrest J. Ackerman ist wohl der größte Sammler von Film-Memorabilia aller Zeiten, und der 92-Jährige hat seit Ende der Zwanziger rund 300.000 Stücke zusammengetragen: die schwarze Kapuze von Dracula Bela Lugosi, Büsten der Enterprise-Besatzung, das Sternenkind aus "2001: Odyssee im Weltraum", die goldene Statue aus "Jäger des verlorenen Schatzes" ... und etliche "King Kong"-Originale: seine Pfote, die Saurier, die Gasbomben.

Ackerman war immer mehr Fan als Geschäftsmann, und wer sein "Ackermansion" in den Hollywood Hills besuchte, musste keinen Eintritt bezahlen und durfte ohne Aufsicht durch die 18 vollgestopften Räume gehen. Wem er vertraute, dem lieh Ackerman seine "King Kong"-Schätze auch aus, und so befanden sich ein Flugsaurier, eine Gasbombe, ein Kong-Modell und das winzige Duplikat eines Seemanns seit 1990 in Deutschland, erst im Bottroper Bavaria-Park, dann im Filmpark Babelsberg und schließlich ab 2000 im Berliner Filmmuseum am Potsdamer Platz.

Der größte Teil des Museums für Marlene und Metropolis

Dort waren sie am richtigen Ort, doch die Lage war nicht einfach. Grundsätzlich ist dies ein Museum über deutsche Filmgeschichte, und so gehörte der größere Teil der Dauerausstellung stets Marlene, Metropolis und der rennenden Lola. Räumlich abgetrennt begannen unvermittelt die "Künstlichen Welten", wo es um die Entwicklung der Tricktechnik ging.

Die wiederum waren ein Werk von Rolf Giesen. Auch dieser deutsche Publizist besitzt einen Hang zum Sammeln, und auch sein Lager in Berlin-Moabit ist zum Bersten voll mit Fantasy-Devotionalien, von Masken über Modelle bis zu den Matte-Gemälden, die Hollywood im Studio ins Bild schob, um einen grandiosen Hintergrund zu suggerieren; allein 200 3-D-Exponate sind dort versammelt.

Giesen beschaffte den "Künstlichen Welten" die Ackerman-Stücke und nutzte zudem seine Kontakte zu Ray Harryhausen, dem großen Trickzauberer, Schüler und Protegé von Willis O'Brien. Die degenfechtenden Skelette aus "Jason und die Argonauten" landeten am Potsdamer Platz, desgleichen die Armatur des Zyklopen aus "Sindbads siebente Reise" und die Medusa aus dem "Kampf der Titanen". Und sie hatten es gut dort; wären sie nicht mehrfach restauriert worden, der Teppichkäfer hätte sie längst zerfressen. Im Kellermagazin warteten noch ganze Kisten voller nostalgischer Objekte darauf, ausgepackt und der weltweiten Fantasy-Gemeinde vorgeführt zu werden. Stephen King wäre bestimmt gekommen, um die drei fliegenden Untertassen aus "Earth vs. Flying Saucers" zu bestaunen: Es war der erste Film, den der kleine Stephen einst sah.

Das Filmmuseum erwärmte sich nie für Fantasy

Nur ist es nie dazu gekommen. Das Filmmuseum mit seinem Deutschland-zuerst-Auftrag konnte sich nicht für die Fantasy-Welten erwärmen und hat nie einen Antrag auf Lottomittel zwecks ihrer Erweiterung gestellt. Beispielsweise wurde die Chance verpasst, für 4000 Dollar vier Papierphasen des Ur-Zeichentrickfilms "Gertie the Dinosaur" von 1914 zu erwerben; heute wären sie das Zehnfache wert. Priorität besaß stets die deutsche Filmgeschichte (der beim kommenden Umbau ein Raum zugeschlagen wird), und mit der Entscheidung für das TV-Museum zerschlugen sich die letzten Hoffnungen auf mehr Platz.

Es hat von Giesens Seite Versuche gegeben, mit seiner Sammlung einen anderen Ausstellungsort in der Hauptstadt zu finden, aber sie zerschlugen sich, obwohl etwa das Technikmuseum sowohl den nötigen Raum als auch die inhaltlichen Anknüpfungspunkte geboten hätte. Und dann kam es, wie es kommen musste: Was versammelt worden war, begann sich wieder in alle Welt zu zerstreuen, sobald die Leihfristen ausliefen.

Zuerst kam Peter Jackson an den Potsdamer Platz. Nach dem "Herrn der Ringe" befand er sich im "King Kong"-Fieber; im Gefolge seines Remakes plante er ein Museum um den Riesenaffen. Der Leihvertrag für Ackermans "Kong"-Figuren räumte dem Filmmuseum ein Vorkaufsrecht ein, aber die Berliner machten davon keinen Gebrauch - und Jackson kaufte für angeblich 300.000 Dollar (einschließlich der noch in Kalifornien befindlichen Stücke) die Heiligtümer und nahm sie heim nach Neuseeland.

Das gleiche geschieht nun mit den Harryhausen-Originalen. Von den 80 Exponaten, die momentan noch an der Spree sind - geschätzter Sammlerwert zwei bis drei Millionen Dollar - wird vielleicht nur ein halbes Dutzend am Potsdamer Platz bleiben, um in die von 350 auf 200 Quadratmeter geschrumpften "Künstlichen Welten" (noch ein Raum statt bisher zwei) integriert zu werden. Unter den Verlusten befinden sich die Hydra aus "Jason und die Argonauten", Flugsaurier und ein Modell von Raquel Welch aus "Eine Million Jahre vor unserer Zeit", der Zentaur aus "Sindbads gefährliche Abenteuer".

30 Prozent der Besucher kommen aus dem Ausland

Für die "Künstlichen Welten" im Filmmuseum ist der Zug abgefahren. Die Frage ist, ob damit der Standort Berlin auch die Attraktion einer Fantasy-Ausstellung endgültig abschreiben muss; immerhin kommen 30 Prozent der Filmmuseumsbesucher aus dem Ausland und dürften sich mehr für Fantasy als für Marlene interessieren.

Die Grundlage für eine Fantasy-Welt, Giesens Sammlung (und seine Verbindungen), wäre weiterhin vorhanden, allerdings wurden mit der langen Hängepartie wertvolle Jahre verloren. Das Interesse an solchen Sammlerstücken ist sprunghaft gestiegen und ihre Preise - eBay sei Dank - ebenfalls. Allein Mutantenköpfe aus der originalen "Raumschiff-Enterprise"-Serie werden heute für 20- bis 30 000 Dollar gehandelt, Stop-Motion-Modelle aus den 1960er Jahren für bis zu 50.000 das Stück.

Eine neue Ausstellung müsste zudem die Brücke von den Spezialeffekten per Modell zu den special effects aus dem Computer schlagen. Wenn Berlin nur wollte, könnte es immer noch an George Lucas' Sammlung auf der Skywalker Ranch bei San Francisco vorbeiziehen und zum Mekka der Fantasy-Memorabilien werden.