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Loriot – und die Kunst des perfekten Timings

In der Glotze gibt es nur Brachialhumor. Da findet der feine Humor von Vicco von Bülow alias Loriot leider keinen Platz mehr. Doch mit Gespür für den richtigen Zeitpunkt bringt der Komiker seine TV-Sketche jetzt als DVD-Box heraus. Und rettet uns vor Mario Barth & Co.

Foto: dpa

Timing ist kein deutsches Wort. Obwohl Vicco von Bülow, alias Loriot, ein deutscher Komiker ist, beherrscht er das Timing wie kein zweiter.

Wenn die berühmte Nudel in seinem Gesicht herumwandert, während er versucht, seiner Angebeteten eine Liebeserklärung zu machen, passt einfach alles: Loriots angestrengte Mimik, Evelyn Hamanns vor Verzweiflung erstarrter Blick. Zur Krönung schließlich sein Satz: „Sagen Sie jetzt nichts.“ Perfekter kann man nicht inszenieren.


Vielleicht besteht Loriots größte Leistung darin, dem manchmal so derben wie unbeholfenen deutschen Humor das Timing beigebracht zu haben. Keiner, der auch nur einen Loriot-Sketch, einen Cartoon oder auch nur ein Interview mit ihm gesehen hat, wird das ernsthaft bestreiten.

Nach Evelyn Hamanns Tod bewies Loriot Klasse

Als Loriots langjährige Fernseh-Partnerin Evelyn Hamann vor zwei Wochen starb und die Sender zahlreiche Filme wiederholten, wurde wieder mal klar, wie viel die beiden der deutschen TV-Landschaft gegeben hat.

Hamanns Tod kommentierte Loriot in der Sendung „Beckmann“: „Liebe Evelyn, Dein Timing war immer perfekt. Nur heute hast Du die Reihenfolge nicht eingehalten. Na warte!“

Es war ein sensibler Abschied mit Stil, voller Tragik, Humor, Würde. Auch im Umgang mit dem Tod zeigt Loriot Klasse.

Knapp Fünf Stunden Bonusmaterial

Dass ausgerechnet jetzt eine aufwändig und sorgsam zusammengestellte DVD-Box mit Loriots kompletten Fernseh-Werken erscheint, mag für Böswillige wie kühle Berechnung aussehen, doch dem ist weiß Gott nicht so.

Zum einen, weil Loriot schon seit Sommer 2006 an dem Projekt arbeitete und der Veröffentlichungstermin lange feststand. Zum anderen, weil einer wie er es nie nötig hatte, tragische Umstände zur Vermarktung zu nutzen. Von der Stärke der Marke Loriot kann manches Dax-Unternehmen nur träumen.

Was diese Veröffentlichung „Die vollständige Fernseh-Edition“ von den bereits erhältlichen Loriot-Sammlungen unterscheidet, sind die knapp fünf Stunden bisher unveröffentlichtes Bonus-Material. Darunter zahlreiche frühe Zeichentrickfilme, ungekürzte Sketche, Versprecher, Loriot auf englisch, auf französisch, Drehberichte.

Liebenswerte kommunikationsgestörte Spießer

Einziges Manko für ganz harte Loriot-Archivare: Nur wenige Zeichentrickfilme mit Hund Wum und Elefant Wendelin sind zu sehen. Das äußerst liebenswerte Paar hatte in den 70er und 80er Jahren maßgeblichen Anteil am Erfolg der ZDF-Show „Der große Preis“ mit Moderator Wim Thoelke. Dem von Loriot gesprochene Wum gelang mit „Ich wünsch mir eine kleine Miezekatze“ 1972 sogar einen Nummer-Eins-Hit.

Ansonsten findet sich hier wirklich alles, was Loriot seit 1967 so berühmt gemacht hat: die Cartoons mit den Knollennasenmännchen, die Fernseh-Parodien, die Sketche mir Evelyn Hamann, die grotesken Geburtstagsshows, das grüne Sofa.

Immer wieder setzt Loriot seine liebenswert spießigen Figuren unbequemen Situationen aus, bei denen diese versuchen, mit Disziplin und Anstand die Haltung zu bewahren. „Kommunikationsgestörte“ hat Loriot sie mal genannt und meinte das liebevoll, nicht verletzend. Die „FAZ“ bezeichnete seine Figuren als die „Archetypen der Bonner Republik“.

Penibles Arrangement einer Torte im Gesicht

Um Loriots Werke angemessen zu genießen, sollte man sie aber nur in kleinen Dosen konsumieren, auch wenn die sechs DVDs zum maßlosen Genuss verleiten. Schließlich entwickeln die meist nicht länger als fünf Minuten dauernden Werke erst nach intensiver und mehrmaliger Betrachtung ihre ganze Wirkung.

Der Opern-Liebhaber Loriot hat einen ungemein scharfen Instinkt für „kleine Dramen“ (Eigenangabe Loriot), für das Gesamtkunstwerk. So harmlos Loriots Szenen daherkommen, so intelligent, so feinsinnig sind sie aufbereitet.

Wie penibel der überzeugte Preuße Loriot sein kann, verrät beispielsweise die Vorbereitung für eine Verabschiedungs-Moderation, bei der ihm eine Sahnetorte im Gesicht kleben soll. Unnachgiebig leitet Loriot die drei Maskenbildner an, ihm das schmierige Dekorationsstück über den Kopf zu streichen. Da hängt hier ein Quark-Klumpen zu viel, dort rutscht der Erdbeerschaum zu sehr auf die Nase. Gefühlte Stunden brauchen die Helfer, um die Torte endlich passend zu platzieren. Erst dann ist Loriot zufrieden. Die fertige Szene dauert drei Sekunden.

Das Fernsehen ist heute zu schnell für seine Komik

Während heutzutage viele Comedians häufig nur durch Pöbelei gegen andere ein paar Lacher erzielen können, erarbeite sich Loriot seine Gags durch Zuneigung zu seinen Protagonisten. Wohl wissend, dass man diejenigen am besten parodiert, die man auch aus tiefem Herzen mag. Loriots Sketche überdrehen den Alltag nur um eine Winzigkeit. Aber gerade die ist entscheidend.

Egal wie absurd es ist, wenn Lottogewinner Erwin Lindemann um den rechten Fernseh-Aufsager ringt, ein argloser Pferderennen-Besucher fragt „Wo laufen sie denn?“ oder die possierliche kleine Steinlaus in einem Höllentempo ganze Geröllhalden verspeist. Loriot verachtet seine Figuren nicht, er liebt sie.

Als er vor gut einem Jahr seinen Rückzug ins Private verkündete, merkte Loriot an, das Medium Fernsehen sei ihm zu schnell für seine Komik geworden. Da mag was dran sein. Umso wertvoller sind daher diese knapp 13 Stunden deutsche Fernsehgeschichte.

Loriot – Die vollständige Fernseh-Edition, Warner, 6 DVDs, ca. 43 Euro