Late Night

Loriot ist ganz der Alte

Loriot ist ein Monolith der deutschen Fernsehunterhaltung. Weil das heutzutage leider nicht mehr jeder weiß, haben sich bei „Beckmann" Olli Dittrich, Max Raabe und nicht zuletzt der Gastgeber ausgiebig vor dem langjährigen Sketchpartner der verstorbenen Evelyn Hamann verneigt.

Foto: ste/sm / DPA

Wenn das Fernsehen mal offen zugibt, dass es bisweilen flunkert, muss schon etwas ganz Besonderes passiert sein. Als Evelyn Hamann in der Nacht zu Montag gestorben ist, war die „Beckmann“-Sendung zu Ehren Loriots längst aufgezeichnet.

Also fuhr Reinhold Beckmann gestern zum Humoraltmeister nach Hause, dessen „persönlicher und inniger Wunsch“ es gewesen sei, seine Sketch- und Filmpartnerin zu würdigen: „Liebe Evelyn, dein Timing war immer perfekt, nur heute hast du die Reihenfolge nicht eingehalten. Na warte!“ sagte der 83-Jährige gewohnt präzise und feinsinnig über die im Alter von 65 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit Verstorbene. Ob er sie vermissen werde, fragte Beckmann ihn. „Das kann man wohl sagen“, entgegnete Loriot mit gepresster Stimme und strafte damit all diejenigen Lügen, die das Verhältnis der beiden in den Nachrufen auf Hamann als zuletzt unterkühlt beschreiben.

Wäre Hamann noch am Leben, hätte der Zuschauer nie erfahren, dass Beckmann und Vicco von Bülow, wie Loriot mit bürgerlichem Namen heißt, ihn aber schon seit rund 50 Jahren kaum noch einer nennt, schon am Freitag im Hamburger Studio zusammensaßen. Weil es der Redaktion jedoch erklärungsbedürftig erschien, warum Hamann in der aufgezeichneten Sendung außerhalb von Loriots Sketchen – gezeigt wurden unter anderem „Die Nudel“, „Der Kosakenzipfel“ und „Die Steinlaus“ - kaum vorkommt, blendete sie ausnahmsweise mal ein, was Beckmann und andere sonst stillschweigend machen: die abendliche Talkshow aufzeichnen, um früher nach Hause zu kommen – oder auch um Informationen schon vor der Ausstrahlung an die Presse geben zu können, wie zuletzt bei Eva Hermans Ladung vor Kerners TV-Tribunal ausgiebig geschehen.

Raabe und Dittrich hatten Loriot wenig hinzuzufügen

Ähnlich erklärungsbedürftig, aber leider nicht durch eine Einblendung aufgefangen, war die Tatsache, dass Loriot nicht Beckmanns einziger Gast war wie in vergleichbaren Fällen durchaus üblich. Als Statisten durften auch noch Olli Dittrich und Max Raabe mitwirken, zwei Künstler, die Loriot sehr schätzt – so sehr, dass es zumindest Dittrich, den Beckmann plakativ als „Loriot Next Generation“ einführte, ein wenig mulmig wurde. „Das ist zu viel der Ehre“, reagierte er auf Loriots Anerkennung seiner „unglaublichen Kunst“. So schön es zu sehen war, dass Dittrichs und Loriots Humorverständnis harmonieren, sie beide wenig originell Tragik für den Ausgangspunkt von Komik halten, so überflüssig war es auch. Weder Dittrich noch Raabe hatten Loriot, diesem Monolithen der deutschen Fernsehunterhaltung, etwas hinzuzufügen, geschweige denn: entgegenzusetzen. Doch vermutlich sollte ihre geschlossene Verneigung der nachgewachsenen Fernsehgeneration, die ohne Loriot groß geworden ist, eh nur deutlich machen, wie bedeutend dieser Opa ist. Ihnen sei in Abwandlung eines zumindest den Älteren bekannten Zitats des Mopsliebhabers gesagt: Ein Leben ohne Loriot ist möglich, aber sinnlos.

Mit diesem Erklärungsbedürfnis schien die Redaktion ihrer eigenen Sketchauswahl und nicht zuletzt den Interviewkünsten des Moderators zu misstrauen. Doch Reinhold Beckmann verstand es - auch wenn er zwischendurch ein bisschen viel über sich selbst redete – überraschend gut, Loriots hellsichtigen Antworten und Ansichten eine Bühne zu bauen, auf der der Zuschauer sie ausgiebig bestaunen und beklatschen konnte. „Nur die ernsten Sachen sind humorfähig“, sagte Loriot zum Beispiel. „Und Fernsehen ist eine verdammt ernste Sache.“ Eine Einsicht, die gerahmt in jedem deutschen Wohnzimmer hängen sollte.