Nachruf

Die Dame auf dem Sofa – Evelyn Hamann ist tot

In der Nacht zu Montag ist die Schauspielerin Evelyn Hamann überraschend gestorben. Sie war 65 Jahre alt. Besonders ihre komischen Fernsehrollen sind unvergessen. Als Loriots kongeniale Partnerin spielte sie würdevolle Frauen – und solche am Rande des Nervenzusammenbruchs.

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Heute Abend ist Loriot zu Gast bei Reinhold Beckmann. Er wird, mittlerweile 83 Jahre alt, auf einem Sessel sitzen und über sein Werk sprechen. Die Sendung ist eine Aufzeichnung, Loriot hat einen Mops bei sich. Säße er auf einem Sofa, müsste natürlich Evelyn Hamann neben ihm sitzen, denn Loriot ist beinahe undenkbar ohne seine kongeniale Partnerin. Daraus wird nun nie mehr etwas werden, denn Evelyn Hamann ist tot. Sie starb in der Nacht zum Montag im Alter von 65 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit.

Die Öffentlichkeit hat davon nichts bemerkt. Evelyn Hamann wahrte in norddeutschen Manier stets die Fassade über ihr Privatleben – ganz ähnlich wie ihre Figuren stets um Haltung bemüht waren. Noch einmal wie bei Loriot: Das Sofa ist ein Ort der bürgerlichen Belehrung und der Contenance, keine Sitzstätte, um intime Details preiszugeben. Hamann hat von dort aus viele Sketche angesagt und dann selbst mitgespielt.

Hausfrauen im Unglück

So wurde sie berühmt: in der Verkleidung berufstätiger Frauen, die mit dem Dasein kämpfen: als Politesse, die Parksünder notieren will, als Sekretärin, die vom Chef einen Antrag bekommt, als Fernsehansagerin. Da kann sie zwar Worte wie North Cothelstone Hall, Middle Fritham und Nether Addlethorpe fehlerfrei aussprechen, über die Priscilla Molesworth zu ihrer Cousine Gwyneth fährt, doch sie scheitert am Wort „Schlips“ und bricht in eine ganz seriöse Hysterie aus.

Sie gab den Frauen immer Würde, auch wenn sie in peinlichen Situation verfangen war. Sie staunte über die Unbilden des bürgerlichen Daseins, ganz so, als begegne sie dem wahren Leben zum ersten Mal. Sie erzählte von Unglück, Einsamkeit und Tristesse so galant, dass es überhaupt nicht auffiel: Wir alle lachten über die Staubsauger- und Weinvertreter, die bei ihr zu Gast sein durften („Ich mach uns mal ein paar Schnittchen“), aber eigentlich ist es traurig.

Und über allem lag dieses große Verständnis für den schicklichen Mann, der, ohne es zu wissen, behände von Fettnapf zu Fettnapf hüpft. Zuallererst Loriot selbst, dem sie während eines Heiratsantrages sprach- und mutlos ins Gesicht schaut, in dem ein Stück Nudel wandert ("Hildegard, sagen Sie jetzt nichts"). Als Ehepaar sind sie zu allem fähig („Kosakenzipfel“). Und unschlagbar sowieso. Es ist schon erstaunlich, wie viel altes Bürgertum in Evelyn Hamann vor 30 Jahren steckte, und auch wie viel neues Bürgertum, von dem derzeit so viel die Rede ist. Die Schwierigkeiten mit Manieren und Sitten sind seitdem jedenfalls nicht kleiner geworden. Nur wird viel weniger darüber gelacht.

Loriot suchte 1976 jemand anderen

Der Anfang dieser wunderbaren und für die Komikgeschichte der Bundesrepublik so prägenden Arbeitsbeziehung ist überliefert. Loriot suchte 1976 für seine Sendung eine Schauspielerin, „Typus blonde pummelige Hausfrau“. Die hagere, brünette Hamann konnte ihn dennoch von sich überzeugen. Loriot fragte sie zwar: „Liebe Frau Hamann, wenn Sie auf unsere Kosten mehrere Wochen täglich Schweinshaxen essen, meinen Sie, Sie werden dann fülliger?" Aber vergebens.

Bis 1979 spielten sie gemeinsam in den Sendungen „Loriot I-VI“. Zwei mal, in „Ödipussi“ (1988) und in „Pappa ante Portas“ (1991), hat sie als leidgeprüftes spätes Mädchen in Loriot-Filmen mitgewirkt. Ein paar Galas zu Loriot-Geburtstagen, das war es. Im deutschen Humor-Olymp rangieren diese Goldstücke der Fernsehunterhaltung ganz oben auf dem Treppchen.

Evelyn Hamann, geboren 1942 in Hamburg, stammt aus einer Musikerfamilie. 1968 begann sie in Göttingen am Theater, wechselte dann nach Heidelberg und Bremen. Sie spielte erste Rollen: Brecht, Goethe, Ionesco. Diese Linie nahm sie in den letzten Jahren wieder auf, wenn sie im Fernsehen tragische Figuren darstellte, gebrochene, einsame Frauen.

In der Filme um „Adelheid und ihre Mörder“ konnte sie ab 1992 beides vereinen: Ernsthaftigkeit und Komik. Als Hobby-Detektivin erinnerte sie ein bisschen an Miss Marple und Pater Brown, nur eben ungemein deutsch. Wie ihre Rollen überhaupt sehr landestypisch sind. Evelyn Hamann traf immer die deutsche Seele, in der liebevollen Karikatur wie in der scharfsinnigen Beobachtung. Vom Sofa aus urteilte sie, und am Ende war alles Milde und Verständnis. Wir werden sie nicht vergessen.