HipHop

Jay-Z findet in der Kunst der Wörter seine Rettung

Erbauung für eine verängstigte Nation: Jay-Z hat seine Memoiren geschrieben – und empfiehlt HipHop als neue Universalpoesie.

Die Marcy Houses in Brooklyn sind graubraune Blöcke. Zwischen Bäumen, Betonplatten und Zäunen stehen sie einfach da, mit engen Fenstern und flachen Dächern, anders als die Hochhäuser von Manhattan, die heller sind und glänzender und, wie sie sich so in den Himmel schieben, etwas Majestätisches haben. Wer Glück hat, kann aus seiner Wohnung über den Fluss sehen und die Spitze des Empire State Building erkennen. Wer Pech hat, sieht nur, was sich vor ihm abspielt: das Leben in einem Sozialbaukomplex, der so tief in Brooklyn liegt, dass New York wie eine andere, entfernte Stadt wirkt.

Anfangs, als er noch klein war, habe es sich dort angefühlt wie ein Abenteuer in einem geheimnisvollen Steinlabyrinth, erzählt einer von ihnen: In überwucherten Parks spielten er und seine Freunde stundenlang Football, zwischen Glasscherben zerstörter Fenster, die diamantartig glitzerten und sich in die Sohlen ihrer Turnschuhe bohrten. Manchmal kniffen sie scherzhaft die Typen in die Arme, die im Heroinrausch auf den Bänken dämmerten, und rannten dann lachend weg - so wie Kinder auf dem Land schlafende Kühe ärgern, nur dass dies eben die Marcy Houses waren und die Landschaft aus Beton.

Es war eine typische Kindheit in dieser Siedlung Ende der 70er-Jahre, bis der Heranwachsende an einem Sommertag den Jungen Slate sah: einen Älteren, der bislang immer ruhig und unscheinbar gewirkt hatte. Jetzt aber stand er da, auf dem Platz, an dem die Wege des Geländes zusammenführten, und sang: sprechend, ein Reim nach dem nächsten, tranceartig, getragen vom rhythmischen Klatschen der Menge, die ihn umringte. Slate leuchtete, stark, angriffslustig und erhaben, als er im Singsang von seinem Leben hier erzählte: "Es sah aus wie ein Kampf, nur dass er allein war, bei sich: Er hatte nur seine Augen, die alles um ihn herum aufnahmen, und die Wörter, die aus ihm herauskamen."

"Decoded" ist die Geschichte eines Jungen, der die Kunst der Wörter als Rettung entdeckt: An ihnen hangelt er sich aus der Welt, die ihn umgibt, heraus, und erschafft sich eine neue. Geschrieben hat die Geschichte der Rapper Jay-Z, es ist seine eigene: wie ihm seine Sprache, seine Reime, seine Songs den Weg bahnten, heraus aus der Armut der Sozialbausiedlung, in der er Crack verkaufte und selbst aufgenommene Platten aus dem Kofferraum, hinein in sein heutiges Leben als Multimillionär, der mit Beyoncé verheiratet ist und Werbeverträge mit Heineken und Reebok hat.

Auf dem besten Weg in den Mainstream

Im amerikanischen HipHop scheint in diesem Jahr keiner mächtiger, präsenter, populärer als Jay-Z. Doch man muss kein Insider sein, um zu sehen, dass er kurz vor einer Bonofizierung steht, also ein Mainstreamstar zu werden droht, der soliden Pop mit mehrheitsfähigem Humanismus verbindet und damit das verlieren könnte, was einem Rapper das Heiligste ist: die Glaubwürdigkeit.

Zu Beginn seines Buches schreibt Jay-Z, er habe einen Moment in der Geschichte Amerikas darstellen wollen, der Anfang der Achtziger mit Run-DMC und Afrika Bambaataa hörbar wurde und Ende der Nuller mit Barack Obama sichtbar, ein Lebensgefühl, das nicht nur Schwarze wie ihn betreffe und vor allem eines ausdrücke: Hustling, also die Kunst, sich im Leben irgendwie durchzuschlagen, sich auf den Straßen auszukennen, Deals zu machen, klein oder groß, legal oder illegal.

"Decoded" liest sich, als erzähle Jay-Z locker seine Autobiografie und mische ein paar seiner Songs dazu, unterlegt mit Fotos von seiner Mutter, Malcolm X und Zeitungsausschnitten über die Amtseinführung des Präsidenten und den Tod von Tupac Shakur. Er unterhält sich mit Bono über den Druck, sich als Popstar immer wieder neu erfinden zu müssen, spricht mit Obama über seine Angst, eine weitere Generation Schwarzer könne aufwachsen ohne das Gefühl, im eigenen Land zu Hause zu sein, und befragt Quincy Jones zum größten Album überhaupt, Michael Jacksons "Thriller". Doch hinter der Mischung aus Erzählung, Bildband und Textsammlung steckt noch mehr, ein Pamphlet nämlich: dafür, Hip-Hop als eine Form von Poesie zu verstehen, die persönliche Erfahrung für jeden auf der Welt nachfühlbar macht.

Natürlich fragt man sich, was so neu an dieser Idee ist – und ob Jay-Z mit "Decoded" nicht gerade in einem herrschenden Geschmack untergeht, dessen Anhänger – also größtenteils wohlhabende Weiße – bestenfalls Gangster im Cordsakko sind. Der Buchhändler im gediegenen Buchladen im Greenwich Village sagt jedenfalls, das Buch flöge geradezu von den Regalen. Michiko Kakutani, die angesehene Kritikerin der "New York Times", hat es lobend rezensiert, auf den Bestsellerlisten liegt es vor den Memoiren von George W. Bush. Das "New York Magazine" vergleicht Jay-Z mit George Washington, er selbst tritt im Marmorsaal der "New York Public Library" auf. Und bei der Yale University Press ist soeben eine 900 Seiten starke "Anthology of Rap" erschienen.

Lust an Sozialpornografie

Man könnte nun gehässig annehmen, es handle sich um intellektuellen Voyeurismus, Lust an Sozialpornografie, vermischt mit weißer Gier nach schwarzer Authentizität. In Wirklichkeit steckt aber im Faszinosum Jay-Z eine Botschaft, die ins heutige Amerika passt, ein Land, das jenseits von Unterscheidungen wie schwarz und weiß steht: "Niemand bleibt immer der, der er mal war", schreibt Jay-Z in "Decoded". Das ist die zuversichtliche Botschaft für eine Gesellschaft, die in den vergangenen Monaten eigenartig verwirrt und unentschlossen wirkte, politisch, sozial, kulturell: Eine Stimmung, für die das Schwächeln des ersten Mixed-Race-Präsidenten nur ein Symptom ist.

New York ist heute eine andere Stadt als damals, als einer ermordet werden konnte, wenn er zur falschen Zeit in der falschen Bahn saß. Am Ende von "Decoded" sind die Marcy Houses in Schwarz-Weiß abgebildet. Zwischen ihnen sticht das Empire State Building in die Luft. Auf einmal sieht es ein Stück näher aus.

Jay-Z: "Decoded". Spiegel & Grau, 35 Dollar (27 Euro)