Neue CDs

The Verve glückt ein tolles Comeback

Das Angebot ist enorm, jeden Freitag landen die neuen Pop-CDs in den Läden und auf den Download-Seiten. Morgenpost Online bespricht die wichtigsten neuen Platten der Woche. Heute: The Verve überzeugen mit ihrem Comeback, die Niedersachsen Sarrah Connor und Oomph! scheitern am eigenen Größenwahn.

Foto: AP

The Verve: Forth (Virgin)

Überraschend hat die Band sich wieder angefunden. 1989 hatte sich The Verve gegründet, 1995 aufgelöst, sogleich wieder vereinigt für ihre Schlüsselalbum „Urban Hymns“; letztgültig trennte sie sich 1999, um im Herbst 2007 zu verkünden: Wir sind wieder da. Fast hätten sie Led Zeppelin in Großbritannien die Schau gestohlen mit ihren Versöhnungsauftritten. Nun liegt das Album dazu vor, es trägt den nahe liegenden Titel „Forth“. Sie machen weiter, als wenn nichts gewesen wäre. Keine Drogen, keine Streitigkeiten mit den Rolling Stones.

Nur epische Musik wie „Sit And Wonder“, die nicht anders klingt als damals. Es gibt wieder unschlagbare Richard-Ashcroft-Klagen wie: „How many lives must I waste? How many tears must I taste?“ Es gibt gewaltige Klaviere und sich an sich selbst berauschende Gitarren. Viele Stücke tragen, wie „Noise Epic“, den Charkter schon im Titel. Ashcroft bringt sein Selbstmitleid so forsch zum Ausdruck, wie er es allein nur selten tat. Mal sehen, wann The Verve sich wieder auflöst, bis zum nächsten glücklichen Comeback. Wir kommen noch darauf zurück.

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Nightmares On Wax: Thought So... (Warp)

Wer je von Albträumen befallen wurde, während eine Platte von George Evelyn auflag, muss etwas Seltsames geraucht haben. Die große Zeit des sanften DJs lag weit in den Neunzigerjahren. Überall lief Downbeat. Es gab Menschen, die in sogenannten Lounges lümmelten, um sich vom Geldverschwenden zu erholen. Was den Künstler selbst nie kümmern musste. Er fährt einfach fort mit seinen Klanglandschaften, schaumgebremsten Beats und Reggaebässen. Unverdrossen sorgt er für Behaglichkeit, die heute sogar dringender benötigt wird als 1995. Konsequenterweise ist George Evelyn dafür von Leeds nach Ibiza gezogen, wo das allgemeine Klima, besser zur Musik passt.

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The Dandy Warhols: Earth To The Dandy Warhols (Beat The World)


Die Dandy Warhols hatten einen überzeugenden Werbehit für den Mobilfunk. Sonst, außer „Bohemian Like You“, hatten sie nicht viel. Nur hin und wieder etwas Ärger mit der Sitte und der Plattenfirma. Was haben sie heute? Eine weitere, durchaus gelungene, großspurige Platte, abgefüllt mit zwischen Stadionrock und New Wave in der Rille hängenden Stücken. Damit werben die einst über-, jetzt eher unterschätzten Dandy Warhols nur noch für sich selbst.


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Sarah Connor: Sexy As Hell (X-Cell)

Schon der Albumtitel liest sich als Behauptung kühn. Doch die Musik auf Sarah Connors sechstem Werk behauptet völlig haltlos, dass der R&B sogar in Delmenhorst zu Hause sei. Dass Marc Terenzi, Connors Ehemann, am selben Tag mit einer neuen Platte winkt, erhärtet den Verdacht: Kein Mensch kann singen, wenn er in der Seifenopern-Hölle schmort.

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Oomph!: Monster (Gun)


Größenwahn aus Niedersachen, zweiter Teil: Wo Oomph!, die Braunschweiger Krawallkapelle auftaucht, weist sie darauf hin, dass Rammstein sich vor 14 Jahren nur gegründet habe, um wie Oomph! zu musizieren. Also stumpf und deutsch und düster. Mag ja sein. Das ändert aber nichts daran, dass Oomph! in Liedern wie „Beim ersten Mal tut’s immer weh“ oder „Wer schön sein will, muss leiden“ einem immer noch wie eine Band vorkommt, die Rammstein viel zu sehr bewundert, um den Witz der Sache zu verstehen.

Michael Pilz

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The Levellers: Letters From The Underground (Skycap/Rough Trade)

Die Band aus Brighton war in ihrer 20-jährigen Karriere schon immer aufgebracht, politisch und Last auf den Schultern tragend. Auf ihrem zehnten Album machen sie keine Ausnahme, walzen mit ihrem Folk-Pop durch das Elend dieser Tage. „Wir haben bewußt eine politische Platte aufgenommen, aber nicht einfach als Manifest, wie die Leute normalerweise unsere Texte auffassen, sondern als Reaktion auf die Apathie – woran wir alle unseren Anteil haben“, gab die Gruppe um Mark Chadwick bekannt. Die elf neuen Stücke sind wie gewohnt zornig, die Violine flott, die Texte aufrichtig, nur: den Leuten, denen man die Taschenlampe direkt ins Gesicht hält, öffnet man selten die Augen.

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Black Kids: Partie Traumatic (Almost Gold/Universal)

Jung und unschuldig geht so vieles leichter. Die Unbedarftheit! Black Kids zum Beispiel nutzen ihr Altersstadium, um offen ihre Sex-Besessenheit auszuleben: „Knock, knock/ Who’s there?/ Call the ghost in your underwear.“ Das sind die ersten Worte auf dem Debütalbum der Fünf aus Florida. Wären die pubertierenden Träume nicht mit Synthesizer-Schleifen, fixen Gitarren und hallendem, weibischem Hintergrundgesang verpackt, hätte „Partie Traumatic“ ein bißchen lachhaft ausfallen können. Aber so ist es eine an die Flaming Lips, The Go! Team und Robert Smith angelehnte, vom ehemaligen Suede-Gitarristen Bernard Butler ins Jetzt transferierte, unverschämte 80er-Disco-Platte geworden. Jung und unschuldig zu sein – wie gesagt –, das hat Power.

Daniel-C. Schmidt