Anne-Sophie Mutter

"Schönheit wird aus Schmerz geboren"

Sie ist die Königin der Geigenstars. Im August feiert Anne-Sophie Mutter ihr 35-jähriges Bühnenjubiläum. Morgenpost Online sprach mit der Virtuosin über Stradivaris, Kleider und Karajan.

Beim Musikfest Berlin wird Anne-Sophie Mutter, einst von Karajan entdeckt, am 11. September mit Wolfgang Rihms „Gesungene Zeit“ in der Philharmonie zu hören sein. Volker Blech sprach mit einer gut gelaunten Virtuosin.

Morgenpost Online: Frau Mutter, in all den Jahren haben Sie auch viele Gespräche geführt. Welche Fragen können Sie nicht mehr hören?

Anne-Sophie Mutter: Dumme Fragen. Hmmm. Also gut. Zum Beispiel Fragen nach meinen Kleidern.

Morgenpost Online: Dann schieben wir diese Fragen nach hinten. Die Deutsche Grammophon bewirbt Sie als Exklusivkünstlerin jetzt mit einer Jubiläumskassette, die 40 CDs enthält. Sie sind eine vielseitige Künstlerin, zweifellos, aber ist heute nicht Spezialistentum gefragt?

Anne-Sophie Mutter: Ich glaube nicht an das Spezialistentum, weil eine Stilperiode die andere befruchtet. Deshalb ist dieses nicht über den Zaun schauen wollen zwar ein Vertiefungsprozess, andererseits kann dadurch eine gewisse Inzucht entstehen. Ich jongliere lieber offen zwischen Barock und Moderne. Aber das ist eine Philosophie, die zu meinem Leben passt. Die würde ich nie einem anderen überstülpen wollen.

Morgenpost Online: Ihr Spiel verführt durch apollinische Schönheit. Ist Musik nicht manchmal schmutzig, chaotisch, egomanisch?

Anne-Sophie Mutter: Schönheit kann nur aus Schmerz geboren sein. Das Ringen von Dunkelheit zum Licht, wie wir es von Beethoven kennen, wohnt irgendwie allen Kompositionen in unterschiedlicher Gewichtung inne. Insofern ist die apollinische Schönheit wie eine Perle aus dem Schmerz geboren. Es ist keinesfalls nur eine polierte Oberfläche.

Morgenpost Online: Gibt es Komponisten, die Ihre Seele besonders berühren?

Anne-Sophie Mutter: Unter den Zeitgenossen, mit Blick auf Schmerz und Chaos, fällt mir sogleich Sofia Gubaidulina mit ihrem zweiten Violinkonzert „In tempus praesens“ ein. Das ist mit Blut geschriebene Musik. Das ist kein intellektuelles Exerzitium, keine Verschwörung mit dem Publikum, sondern eine kompromisslose, selbstgelebte Musik.

Morgenpost Online: Sie haben viel Zeitgenössisches auf- und sogar uraufgeführt. Warum tun Sie sich dieses Risiko an, wenn Beethoven immer eine sichere Sache ist?

Anne-Sophie Mutter: Beethoven kann ich nicht kaputt machen, der lebt auch ohne mich weiter. Nein, es ist ein viel größeres Risiko, Beethoven aufzuführen, weil dessen Rezeption festgefahren ist. Es ist nicht einfach, sich aus dieser Spieltradition unbefangen zu lösen. Und der Zuhörer hat auch seine lieb gewonnenen Hörgewohnheiten.

Morgenpost Online: Karajan hat Sie Ende der siebziger Jahre als Geigerin entdeckt. Was glauben Sie, hat er in Ihnen gesehen?

Anne-Sophie Mutter: Das frage ich mich auch. Die Zeit mit ihm war für mich extrem fruchtbar. Ich war sehr jung und im besten Sinne formbar. Wobei ich geigerisch durch die strenge Erziehung von Aida Stucki schon sehr gefestigt war, aber er gab interpretatorische Anregungen von exemplarischer Bedeutung.

Morgenpost Online: Eine Ihrer großen Einspielungen waren die „Vier Jahreszeiten“, bereits 1999 haben Sie Vivaldi neu eingespielt. Hatte sich Karajans Klangästhetik so schnell überlebt?

Anne-Sophie Mutter: Die Ästhetik der achtziger Jahre, und das hat eigentlich nichts mit Herbert von Karajan zu tun, das Verständnis von Barockmusik hat sich völlig überlebt. Das betrifft uns alle. Oder fast. Es gab schon einige Spezialisten, die unsere damals verpuderte Spielpraxis in eine neue Richtung führten. Für die wir dankbar sind, die aber auch mit Vorsicht zu genießen ist, wie jedes Dogma auf Dauer problematisch sein kann. Ende der neunziger Jahre ging es weg vom opulenten Klang, hin zu einer leichteren, federnderen Spielweise. In den Mittelpunkt rückte die Architektur, weniger der Klangteppich.

Morgenpost Online: Sie besitzen zwei Stradivaris, die auch exklusive Sammlerwerte sind. Kürzlich ist einer der größten Stradivari-Händler wegen Betrugs verhaftet worden. Woran erkennen Sie eine echte Stradivari?

Anne-Sophie Mutter: Zunächst verlässt man sich auf die Papiere des Händlers und lässt möglichst viele Experten draufschauen. Es ist ähnlich wie bei Gemälden.

Morgenpost Online: Und vom Klang her?

Anne-Sophie Mutter: Man verliebt sich ja nicht nur in den Klang, man steckt auch eine Menge Schweiß und Arbeit in die Finanzierung eines solchen Instrumentes. Es muss gesund sein, damit es lange Jahre mit einem leben kann. Und es muss in allen Teilen authentisch sein. Ansonsten sollte man sich besser vom Instrument trennen.

Morgenpost Online: Was unterscheidet Ihre beiden Stradivaris?

Anne-Sophie Mutter: Die „Emiliana“ von 1703 ist dunkel im Timbre, wie man bei allen Aufnahmen mit Herbert von Karajan nachhören kann. Nur meine letzte Aufnahme mit ihm, die Tschaikowsky-Aufnahme 1988, entstand mit meiner neuen Stradivari „Lord Dunn-Raven“ von 1710. Sie verfügt über mehr physische Kraft und verschafft mir damit interpretatorische Freiräume, weil ich mich mit ihr gegen ein Orchester mit hundertzwanzig Mann zur Wehr setzen kann, falls nötig.

Morgenpost Online: Stimmt es, dass niemand Ihre Stradivaris berühren darf?

Anne-Sophie Mutter: Ja, da bin ich sehr eigen.

Morgenpost Online: Damit kommen wir zum Kleid.

Anne-Sophie Mutter: Eeeeh, jetzt habe ich leider keine Zeit mehr, ich muss los.

Morgenpost Online: Sie tragen ärmellose Kleider, um die Geige besser am Hals zu spüren?

Anne-Sophie Mutter: Ich trage schulterfreie Kleider, ärmellos wäre nicht ausreichend. Ich muss ja den Rücken der Geige auf der Haut spüren.

Morgenpost Online: Warum?

Anne-Sophie Mutter: Weil sich das gut anfühlt.

Morgenpost Online: Verträgt sich denn nackte Haut mit dem alten kostbaren Stradivari-Lack?

Anne-Sophie Mutter: Das ist eine berechtigte Frage. Ich schwitze nur da, wo man es nicht sieht. Das heißt, der Schaden, der durch den Hautkontakt entsteht, hält sich in Grenzen. Die Geige wird regelmäßig gereinigt. Und gefährdete Stellen, insbesondere am Geigenhals, haben einen Schutzlack.

Morgenpost Online: Sie kommen regelmäßig nach Berlin. Gibt es einen Lieblingsort, den Sie immer aufsuchen?

Anne-Sophie Mutter: Mein Ritual ist, dass ich sofort in die Philharmonie gehe. Dort erinnere ich mich an Karajan und bin dankbar. Auch über meine Verbindung zu den Philharmonikern. Außerdem habe ich Verwandtschaft in Berlin, weshalb es immer auch ein Nachhausekommen ist.