Wechsel zur ARD

Gottschalks täglicher Wahnsinn vor der Tagesschau

Ausgerechnet Thomas Gottschalk, Veteran der Samstagabendunterhaltung, soll mit einer modernen "Tagesshow" für die ARD junge Zuschauer locken. Kann das funktionieren?

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Thomas Gottschalks ewige Jugend geht weiter. Ausgerechnet das letzte altgediente Schlachtross der traditionellen Samstagabend-Showunterhaltung soll für Verjüngung und Innovation im blutleeren, bei einer Sehbeteiligung von unter zwei Millionen Zuschauern meist älteren Semesters vor sich hin dümpelnden ARD-Vorabendprogramm sorgen.

Der 61-Jährige, der sich durch beharrlich blonde Lockenpracht und kontrolliert kesse Sprüche einen Anflug juveniler Lausbubenhaftigkeit bewahrt hat, soll es nun attraktiver machen.

Gottschalk, der mit der Ankündigung seines Rücktritts als Moderator von „Wetten, dass..?“ im Februar in deutschen Herzen ähnlich tiefe, fassungslose Verlustsgefühle auslöste wie kurz danach die Meldung vom Ableben des Eisbären Knut, verlässt nach 29 Jahren das ZDF. Ab Januar erhält er im Ersten montags bis donnerstags einen Sendeplatz direkt vor der sakrosankten Tagesschau.

Dreißig Minuten lang soll Gottschalk mit prominenten Gästen, aber ohne Studiopublikum, über das „Zeitgeschehen“ aus den Bereichen „Lifestyle, Entertainment und Kultur“ plaudern. Die Zuschauer können per Internet, Facebook, Twitter und Skype an der Erörterung jenes „ganz normalen täglichen Wahnsinns“, partizipieren, als den der Showmaster selbst seinen Zuständigkeitsbereich als Abendprogramm-Anwärmer definiert – im Gegensatz zu „Politik, Seuchen und Finanzkrisen“, über die weiterhin die anschließende Tagesschau zu berichten hat.

Mit den Zauberworten der neuen Kommunikationstechnologien aber assoziieren öffentlich-rechtliche Programmplaner offenbar Aufgeschlossenheit für jugendliche Innovationslust und Aufbruchsstimmung. Ob freilich die Aussicht, jetzt per Twitter und Facebook mit ihm Kontakt aufnehmen zu dürfen, die begehrte Zielgruppe der 14-29-Jährigen zu Gottschalk zurücktreiben kann, steht dahin.

Zu seiner „Wetten, dass..?“-Zeit hatte er sie zuletzt an Casting-Formate wie „Deutschland sucht den Superstar“ und „Das Supertalent“ verloren. Und sein neues Format wird immerhin mit der RTL-Kultsendung „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ konkurrieren müssen.

Doch bedeutete es, wie „Bild“ bemerkt, für das ARD-Vorabendprogramm ja bereits eine merkliche Senkung des Altersdurchschnitts seines Publikums, könnte man zumindest die Gruppe der 35 bis 55-Jährigen stärker dafür interessieren.

Unterhaltsame Tagesthemen oder PR-Forum für Promiklatsch?

Genaueres über den Zuschnitt der neuen Sendung ist noch nicht bekannt. Gottschalk, der angeblich für die neue Aufgabe seinen Lebensmittelpunkt von Kalifornien nach Berlin verlegen will, arbeitet derzeit daheim in Malibu an einem Konzept. Wird das neue Format eine Art Tagesthemen für das Unterhaltungsmetier sein, das dessen Irrungen und Wirrungen kritisch hinterfragt, oder doch eher ein PR-trächtiges Forum für Promiklatsch und –tratsch?

Einige Medienkenner bewerten Gottschalks Schritt in ersten Expertisen jedenfalls schon einmal als couragierten Schritt zurück zu den Wurzeln – und damit in einen Neuanfang. Beim ZDF, hört man von Insidern, habe man Gottschalk eine Art „Rundum-Sorglospaket“ angeboten, dessen Inhalt ihm aber dann wohl doch zu sehr nach Begräbnis erster Klasse auf Raten roch. Eine Late-Night-Show hätte er haben können, dazu jährlich um ein halbes Dutzend Moderationen großer Abendshows nach seiner Präferenz.

Doch mit einer Late-Night ist Gottschalk bereits einmal gescheitert, in den 90er-Jahren bei RTL, und abschreckende Beispiele wie der Quotenflop Oliver Pochers bei Sat.1 sind nicht dazu angetan, die Lust auf einen neuen Versuch zu steigern. Als Allzweckwaffe für alle möglichen mittelmäßigen Showformate wiederum hätte Gottschalk womöglich bald ausgesehen wie ein Abziehbild seiner selbst zu seinen Glanzzeiten bei „Wetten, dass..?“.

So ist der Sprung in die kleinere Form für Gottschalk wohl auch eine Flucht nach vorn in ein ganz anderes Umfeld – in einen späten Neubeginn, den er zugleich als ein Wiederanknüpfen an seine Anfänge betrachtet. Seine geplante “Tages-Show“, so Gottschalk, erinnere ihn an die Zeiten, als er in den 70er-Jahren täglich Radio gemacht habe. Der ARD kommt seine Veränderungsbereitschaft jedenfalls gerade recht. Schon seit längerer Zeit will sie ihr immer weiter zum Ramschladen für Billigprodukte herabsinkendes Vorabendprogramm qualitativ aufrüsten.

Dabei bleibt sie ihrer Linie treu, mit großen Namen und teuren Verpflichtungen bewährter Quotenbringer Aufmerksamkeit zu erregen. Nach Günter Jauch hat sie mit Gottschalk den zweitem Superstar und Top-Sympathieträger des deutschen Unterhaltungsfernsehens an Land gezogen.

Dabei ist der Sender zuversichtlich, dass das Highlight Gottschalk verstärkt Werbekunden in die öffentlich-rechtliche Werbezone am frühen Abend lockt und die vermutlich astronomisch hohe Gage für den neuen Supermann so am Ende kostenneutral verbucht werden kann.

Dass nun aber auch noch Thomas Gottschalk ins sitzende Gewerbe des gepflegten Talks wechselt, birgt auch Risiken. Denn gequasselt wird in der ARD in Zukunft ohnehin schon bis zum Abwinken. Günther Jauch ersetzt als Polit-Novize Anne Will auf dem Top-Talkplatz am Sonntagabend, die aber darf auf einem anderen Sendeplatz weiter parlieren.

Und Plasberg, seinerseits zuerst von Anne Will als Anwärter auf den Sonntag ausgestochen, macht auch weiter. Gottschalk wird doch nicht etwa vom Ehrgeiz gepackt sein, diesen Koryphäen des Infotainments nachzueifern und ein annähernd seriöser Zeremonienmeister der gepflegten Zeitkritik zu werden? Wäre dem so, gäbe es für Gottschalk wohl kaum Spielraum für eine derartige Neuerfindung seiner selbst.

"Wetten, dass..?" war ganz auf sein Charisma zugeschnitten

Zu eng ist sein Status als Ikone der deutschen Unterhaltungskultur mit den harlekinesken Möglichkeiten verknüpft, die ihm das ganz auf sein Charisma zugeschnittene „Wetten, dass..?“ geboten hat. Hier konnte Gottschalk den Rahmen einer jedermann vertrauten und eingespielten Form nach Gutdünken variieren und – Überziehen wurde Kult – selbstherrlich sprengen.

Als hektischer und zappeliger Springinsfeld konnte er zwischen dem Promi-Sofa, den Wettkandidaten und dem Publikum hin- und herhasten und den Eindruck erwecken, die perfekt durchgeplante Showdramaturgie sei eine einzige, nämlich seine eigene permanente Improvisation. Indem er in stets etwas zu lauter Tonlage leicht fahrig vor sich hinsprudelte, wirkte er wie einer, der öffentlich zu sich selbst redet – als mache er das alles hier nur zu seiner eigenen Unterhaltung.

Sogar mit den Weltstars auf seinem Showsofa, die er so jovial behandelte wie gute Kumpels von nebenan (die sie zum Teil auch tatsächlich waren), führte er nicht eigentlich eine Konversation, sondern nutzte ihre meist gestanzten Floskeln als Überleitungen zur Fortsetzung seines aufgeräumten Selbstgesprächs.

Dieser Habitus eines großen, selbstverliebten Kindes verlieh Gottschalk den Status des ewig Unangepassten, hüllte ihn in einen Hauch juvenilen Hippie-Rebellentums, den er aus den wilden Sechziger Jahren herübergerettet zu haben schien. Nicht umsonst fuhr er zum rauschenden Mallorca-Finale von „Wetten, dass..?“ im Juni auf dem Easy-Rider-Bike in die Arena ein.

Für diese Art von pittoresker Aufmüpfigkeitsnostalgie liebt ihn eine Nation, die jene verklärten alten Zeiten, als die Frührentnergeneration von heute die morschen Ketten eines überkommenen Autoritarismus abschüttelte, mittlerweile als die eigentlichen Gründerjahre der Republik betrachtet.

Behält er die Aura des unzähmbaren Individualisten?

Gottschalk erscheint den Deutschen wie ein leibhaftiges Fazit der jahrzehntelangen kulturellen Lockerungsübungen, auf die sie so stolz sind. Er führte dem Land vor, wie man durchaus ein wenig extravagant und nonkonformistisch sein darf und dabei doch so stromlinienförmig unverbindlich bleiben kann, dass man damit bei niemandem aneckt.

Wird ein ruhig gestellter, weil dramaturgisch an den diskursiven Austausch gefesselter Gottschalk etwas von dieser Aura des unzähmbaren Individualisten behalten? Hält die überschäumende Identifikation mit ihm an, wenn er sich nicht mehr als monomanischer Zampano ausagieren kann?

Er selbst hat sich den Übergang in die neue Daseinsform durch die frühe Ankündigung seines Rückzugs auf Raten jedenfalls nicht leichter gemacht. Seitdem jagt nämlich ein spektakuläres letztes Mal das andere. Nach dem rauschenden Abschied von der Freilichtbühne in Mallorca folgen bis Ende des Jahres noch drei letzte Male als Moderator der verbliebenen regulären „Wetten, dass..?“-Sendungen der laufenden Staffel.

Und von Mal zu Mal werden die Ovationen überwältigender, wird der vorausgefühlte Trennungsschmerz heftiger. Mal sehen, wie lange es Thomas Gottschalk nach all dem in der abgeschotteten Stille des Talk-Studios aushalten wird.