Jubiläum

Wie 1911 das Studio Babelsberg geboren wurde

Das Studio Babelsberg ist eines der ältesten Filmstudios der Welt. Der erste Streifen, der in einer alten Fabrikhalle gedreht wurde, war "Der Totentanz" mit Asta Nielsen. Ein Blick zurück auf die schwierige Geburtsstunde einer Legende.

Foto: REUTERS

Irgendwann im Spätsommer oder Herbst 1911 machte sich ein Mann auf, im Umland von Berlin nach einem passenden Areal für seine Firma zu suchen. Im Südwesten, auf dem Gebiet von Nowawes in der Nähe der Wohnkolonie Neubabelsberg, wurde er schließlich fündig. Hier stand ein leerstehendes Fabrikgebäude, das einstmals für die Herstellung von Kunstblumen errichtet worden war, dann aber als Futtermittelfabrik gedient hatte. Ein idealer Standort. Der Mann hieß Guido Seeber, er war Filmpionier, Kameramann, Universalgenie – und technischer Leiter der Bioscop Film. Eine Firma, die ihren Sitz im Norden Berlins, in der Chausseestraße 123 hatte, aber dringend expandieren wollte. Die Geburtsstunde des Filmstudios Babelsberg.

Wann genau diese Stunde schlug, ist indes nicht mehr zu ermitteln. So stellt sich die Frage: Wann feiert man das 100-Jährige? Am 14. Oktober 1911 ersuchte die Bioscop um eine Baugenehmigung, am 3. November wurde diese, ungewöhnlich schnell, gewährt. Wann aber der Spatenstich erfolgte, ist unbekannt; an den medialen Wert einer solchen Nachricht hat man anno dazumal noch nicht gedacht. Als eigentliche Einweihung gilt deshalb die erste Klappe, die dort am 12. Februar 1912 fiel. Für einen Film mit dem makabren Titel „Totentanz“. Und mit Asta Nielsen, dem ersten Weltstar des Kinos. Dieser 12. Februar fällt punktgenau in die Berlinale und soll dort gebührend gefeiert werden; mit Gala-Abend und eigener Filmreihe. Weil im Januar aber auch der 300. Geburtstag Friedrichs II. ansteht und Potsdam 2012 zum Jahr des Großen Fritz ernannt hat, feiert man dort schon dieses Jahr „Potsdam Stadt des Films“.

Keiner darf ins Glashaus schauen

Warum man ein neues Studiogelände so jottweedee ansiedelte, das hat Seeber 20 Jahre später in der Zeitschrift „Filmtechnik“ (Nr. 3, 1930) anschaulich beschrieben. Es hatte vor allem mit feuerrechtlichen Bestimmungen zu tun: Ein Studio musste weit genug von anderen Häusern entfernt sein, „so dass selbst bei einem Brande die Umgebung nicht gefährdet werden konnte“ – was bei dem hochentzündlichen Filmmaterial jederzeit passieren konnte. Dann aber ging es vor allem um Licht. Weil künstliches Licht und Strombelieferung damals noch sehr kostenintensiv waren, setzte man auf natürliches Licht. Eine Filmfabrik musste also „reichlich Sonnenlicht haben und kann darum nicht in der Mitte einer rauchigen und staubigen Stadt liegen.“ Geeigneter schien eine Vorstadt ohne rauchenden Fabrikschornsteine und hohe Nachbargebäude, die Schatten warfen; aber doch nah genug an einer großen Stadt, „weil die die besten Möglichkeiten zur Heranschaffung bietet“.

So entstand, zwei Jahre vor Hollywood, das erste Filmstudiogelände der Welt. Noch im Winter 1911/12 wurde, trotz Eis und Schnee, ein Glashaus errichtet, mit 300 Quadratmetern Fläche das erste seiner Art. Weil das Areal zunächst aber nur angemietet wurde, hat man es verschraubt und nicht vernietet: aus Angst, noch einmal umziehen zu müssen. Das alte Fabrikgebäude daneben wurde generalsaniert, im Erdgeschoss wurden Garderoben und Requisiten untergebracht, Büros im ersten Stock, die Filmentwicklung im zweiten. Auf diese Weise wurden fast alle Produktionsschritte an einem Ort zentralisiert, was erstmals eine autonome Filmherstellung ermöglichte. Kunstblumen und Futtermittel: Welch ein Kontrast, welch ein Symbol für die kommende Filmproduktion, die gleichfalls Illusionen erschaffen wollte und doch stets eine ausreichende Grundversorgung erzielen musste.

Dies gelang zunächst ganz prächtig dank Madame Nielsen. Die Dänin war erst 1911 mit ihrem Leib- und Magenregisseur (und späteren Ehemann) Urban Gad nach Deutschland gekommen. Für die Bioscop hatte das Erfolgsduo schon in der Chausseestraße eine erste Serie von acht Streifen abgekurbelt, eine zweite folgte in Neubabelsberg.

Was genau dort geschah, davon drang indes nichts nach außen. An so etwas wie Drehberichte oder Studiotouren dachte in den Pioniertagen des Mediums noch keiner. Sehr zum Bedauern der hiesigen Presse: „Die ‚Deutsche Bioscop-Gesellschaft'“, so schmollte die „Lichtbild-Bühne“ am 16. Juni 1912, „hat in Neubabelsberg bei Potsdam ihr sonniges Heim aufgeschlagen. Dieses Natur-Theater zu besichtigen, müsste interessant sein. Leider aber ist man dort so mimosenhaft verschlossen, dass das dortige Personal strenger Weisung gemäß die Erlaubnis versagte. Wenn man vielleicht verhindern will, dass eventuelle neue technische Fortschritte die Nachahmer reizen könnte, so muss dem entgegengehalten werden, dass heutzutage selbst der kleinste Fünf-Mark-Schauspieler diese Neuerungs-Wissenschaften von Atelier zu Atelier trägt.“

So viel immerhin drang nach außen: Gad brachte Seeber, der stets hinter der Kamera stand, mit seinen Anweisungen immer wieder gehörig ins Schwitzen, auch die Filmdiva kultivierte offensichtlich bereits Star-Allüren. Und obschon die Produktion so stark anzog, dass noch ab Herbst 1912 eigens für die Nielsen & Gad-Filme im Süden des Geländes ein zweites, nun schon 450 Quadratmeter großes Glashaus erbaut wurde, wanderten die beiden 1913 zur Konkurrenz in Tempelhof ab.

War der „Totentanz“ also ein Menetekel, ein böses Omen? Im Gegenteil. Die zwei Jahre vor dem Ersten Weltkrieg markieren eine erste große Blütezeit des Studios. Die Bioscop wollte weg vom Kintopp der alten Tage, weg vom Kino der Attraktionen, hin zum Erzählkino. Es setzte auf große Namen und begründete den Künstler- und „Autorenfilm“. Der hatte nichts zu tun mit dem späteren Autorenbegriff des Neuen Deutschen Films. Die Filme wurden vielmehr geschrieben von Erfolgsautoren wie Hanns Heinz Ewers und verfilmt mit Bühnenstars wie Alexander Moissi, Tilla Durieux. Und Paul Wegener. Er, Autor, Darsteller und Koregisseur, bescherte Neubabelsberg gleich zwei frühe Glanzpunkte: „Der Golem“ (1914) und vor allem „Der Student von Prag“ (1913), in dem er einen Studenten spielte, der dem Satan sein Spiegelbild verkauft. 20000 Reichsmark kostete das Epos, doppelt so viel wie gewöhnliche Star-Filme, Außenaufnahmen wurden eigens in Prag gedreht. Die Sensation aber waren die Doppelgänger-Aufnahmen von Wegener und seinem Spiegelbild. Dabei waren es schlicht Mehrfachbelichtungen und „ein ganz primitiver Pappschieber, der dem ‚Student von Prag' durch die Bildteilung zu einem Erfolg verhalf“, wie Seeber später erklärte. So kann man seine genialen Einfälle herunterspielen. Der „Student“ jedenfalls wurde zum Meilenstein, zum Wegweiser des frühen deutschen Films.

Riesenateliers zu vermieten

Die Erfolgsgeschichte hätte so weitergehen können, wäre nicht der Erste Weltkrieg ausgebrochen. Carl Schleußner, der oberste Chef der Bioscop, stellte in den ersten Kriegstagen die Zahlungen ein; aus gebotenem Ernst, wie er meinte, aber auch, weil das Ausland als Absatzmarkt wegbrach. So drohte dem Studio nach nur zwei Jahren schon das vorzeitige Aus, der Totentanz. Hätte nicht die Bioscop-Dramaturgin Luise Heilborn-Körbitz mit einem Privatkredit in Höhe von 20000 Reichsmark, exakt dem „Prag“-Budget, ausgeholfen. Dennoch kam es durch den Krieg zu einem großen künstlerischen Aderlass: Der Regisseur Hugo Flink, die Kameramänner Seeber und Karl Hasselmann wurden eingezogen, der „Prag“-Regisseur Stellan Rye fiel schon in den ersten Kriegstagen. In Neubabelsberg hielt man sich mit propagandistischen Filmen wie „Die Marokkodeutschen in der Hand der Franzosen“ über Wasser. Und, nach amerikanischem Muster, mit Filmserien wie dem Sechsteiler „Homunculus“. Weil das Studio aber nicht mehr voll ausgelastet war, gab es wiederholt Reklameanzeigen wie diese aus dem Jahre 1918 zu lesen: „Unsere Riesenateliers Freilichtbühne / Circus / Orient / Stadt vermieten wir tageweise mit komplettem Fundus Deutsche Bioscop G.m.b.H. Abteilung Atelierverwaltung Neubabelsberg“.

1918 wurde die Bioscop von einem Kölner Zigarettenfabrikant aufgekauft, wechselte bald abermals den Besitzer und wurde schließlich mit der Konkurrenzfirma Decla fusioniert. Als er aus dem Krieg zurückkam, sah Seeber „sein“ Studiogelände mit ganz anderen Augen als sieben Jahre zuvor: „Vom rein kaufmännischen Standpunkte schien es, als ob man das Objekt der Neubabelsberger Filmateliers als für Spekulationszwecke besonders geeignet ansah, und so kam es, dass verhältnismäßig schnell nacheinander diese Anlage in den verschiedenen Besitz überging und es mir endlich sogar ratsam erschien, diese Stätte, auf der man mit viel Liebe und restloser Hingabe alle Kräfte walten ließ, um den deutschen Film voranzubringen, zu verlassen.“ Im März 1920 schied er als Betriebsleiter der Ateliers aus. Ein Jahr später ging die Decla-Bioscop ganz in den Besitz der Ufa über. Damit aber sollten die Goldenen Zeiten von Babelsberg erst wirklich beginnen.