Rekord

Tom Tykwer dreht teuersten Film Deutschlands

"Das wird der teuerste deutsche Film, den es je gab", sagt Produzent Stefan Arndt über die geplante Verfilmung des Romans "Wolkenatlas". Regie über das Hundert-Millionen-Dollar-Projekt soll Tom Tykwer führen.

Foto: dpa / dpa/DPA

Es ist ein Wahnsinnsprojekt, und Stefan Arndt weiß das. „Der Wolkenatlas“ ist ein Roman, der sieben Jahrhunderte umfasst und nicht nur deshalb eigentlich unverfilmbar ist. Der Chef der Berliner X Filme wagt sich trotzdem daran. Mit Tom Tykwer sowie Lana und Andy Wachowski, den „Matrix“-Machern, wird er den Stoff ab Herbst in Babelsberg verfilmen. Und hat schon jetzt unruhige Nächte.

Morgenpost Online: Ab 12. September herrscht im Studio Babelsberg Belagerungszustand: Tom Hanks, Halle Berry und ein 100-Millionen-Projekt namens „Der Wolkenatlas“. Was ist das?

Stefan Arndt: Das Projekt ist eigentlich ein klassischer Studiofilm: Eine Geschichte, die sich vom Jahr 1820 bis 2500 erstreckt, unfassbare Wendungen, große Gefühle, riesige Action. Es ist einerseits ein Film der modernsten Technik, etwas für die Geschwister Wachowski, andererseits ein Film mit Hirn drin, also für Tom Tykwer.

Morgenpost Online: Der Roman war ein großer Erfolg, aber Autor David Mitchell hat sich nie zu einer Fortsetzung breit schlagen lassen.

Stefan Arndt: Das ist ja das Gute an dieser Geschichte: Sie ist zu Ende erzählt. Diese unsere Zeit ist nicht gut für Unikate. Jeder versucht, in einer verunsicherten Welt auf die sichere Seite zu kommen, indem er auf Marken und Serien setzt. Ich glaube, dass das ein totaler Fehler ist.

Morgenpost Online: Warner Bros. werden acht Potter-Filme kaum als „Fehler“ betrachten.

Stefan Arndt: Wenn man die wirklich großen Filme über die Jahre betrachtet, hatten die immer etwas elementar Besonderes. Damit alle wissen, dass wir auch etwas größenwahnsinnig sind: Unser Referenzfilm ist „2001“!

Morgenpost Online: Man muss sich ja Ziele setzen…

Stefan Arndt: Das ist gar kein so abwegiges Beispiel. „Wolkenatlas“, wie ihn Tom und die Wachowskis planen, ist in weiten Teilen ein Experiment, sehr assoziativ und postmodern. Weil unsere Zeit so mittelmäßig ist, wäre es mit den großen Studios extrem schwer gewesen, ihn zu verwirklichen.

Morgenpost Online: Wie soll das gehen mit drei Regisseuren?

Stefan Arndt: Es sind wohl eher zwei. Die Wachowskis haben schon immer zusammengearbeitet. Sie haben die digitale Animation von Bildern praktisch erfunden und das auf einem Niveau, dass von ihrer „Matrix“ immer noch geklaut wird. Deshalb wird alles, was im „Wolkenatlas“ in der Zukunft spielt, eher von ihnen erledigt. Was in der Gegenwart und der Vergangenheit spielt, ist eher die Tykwer-Welt. Aber kein Mensch wird das hinterher merken. Die drei werden die Schauspieler sicher auch mal überraschen, wenn morgens ein anderer Regisseur erscheint, als sie erwarten.

Morgenpost Online: 100 Millionen klingt furchtbar teuer.

Stefan Arndt: Es ist, am Projekt gemessen, nicht teuer – weil wir mit zwei Regie-Einheiten gleichzeitig arbeiten können, bestimmte Kosten aber nur einmal anfallen.

Morgenpost Online: Wo liegt die Ersparnis?

Stefan Arndt: Wir werden in rund 60 Tagen einen Film drehen, der eigentlich ein 120-Drehtage-Film ist. Wenn ich allein an die Zinsen denke, die jeden Tag auflaufen, spart man bereits Millionen. Und die Nachbearbeitung geht schneller, so kann der Film schon im Oktober 2012 ins Kino kommen.

Morgenpost Online: In 115 Jahren Kinogeschichte fällt mir kein Parallelbeispiel mit drei Regisseuren ein…

Stefan Arndt: Es gibt auch keins. So etwas geschieht zum ersten Mal.

Morgenpost Online: Wer kam auf die Idee?

Stefan Arndt: Die drei. Es gibt nichts Einsameres als Regisseure, weil die keine anderen Regisseure kennen. Man trifft sich nicht, arbeitet nicht zusammen, ist nur Konkurrent. Tom und die Wachowskis hatten angefangen, sich zu befreunden – und dann einander zwei Jahre nicht mehr gesehen. Die beiden kamen nach Berlin, um „Speed Racer“ zu drehen, und am gleichen Tag flog Tom nach Südfrankreich, um „Das Parfum“ zu drehen. Dabei hatten sich die beiden auf ihr halbes Berlin-Jahr gefreut: „Da können wir mit Tom abends einen trinken gehen!“

Morgenpost Online: Wie schreiben Leute in Hollywood und Berlin ein gemeinsames Drehbuch? Per Mail?

Stefan Arndt: Nein, traditionell zusammensitzen. Es gibt das Gerücht eines gemeinsamen Familienurlaubs, bei dem die nichtschreibenden Teile etwas sauer waren…

Morgenpost Online: War das erst als Studioprojekt gedacht?

Stefan Arndt: Als klar wurde, dass es für die Studios zu teuer wird, war erst Depression angesagt. Dann dachte ich mir: Die Welt ist doch anders geworden. Die Studios machen nach der Krise zwar viel weniger Filme, aber haben noch ihre Verleihorganisationen, eine riesige Filmpipeline.

Morgenpost Online: Die gefüllt werden will.

Stefan Arndt: Ich habe das Gefühl, die Welt hat langsam von Hollywood die Nase voll. Oder, weniger polemisch: Bisher hatte Hollywood wenigstens noch Geld. Nach der Krise hat es nicht einmal mehr das. Was es noch hat, ist Macht. Nun öffnet sich die Welt gerade extrem. China baut 4000 neue Kinoleinwände pro Jahr – so viele, wie es insgesamt in Deutschland gibt. Also haben wir uns umgesehen, ob es jenseits von Hollywood unabhängige Finanziers gibt.

Morgenpost Online: Woher stammen die?

Stefan Arndt: Viele aus Asien, viele aus Europa. Dann haben wir noch Warner überzeugen können, den „Wolkenatlas“ in Amerika groß herauszubringen; Focus, die Universal gehören, werden ihn international vertreiben. Das war wichtig, um Schauspieler wie Tom Hanks und Halle Berry zu gewinnen. Die wollen sicher sein, nicht in die Hände von ein paar verrückten Europäern zu geraten. Man muss schon in der höchsten Liga spielen.

Morgenpost Online: Ist dies ein deutscher Film?

Stefan Arndt: Es wird ein rein deutscher Film, der teuerste, den es je gab. Federführend sind fünf: die drei Regisseure, die gleichzeitig Produzenten sind, Grant Hill, der „Titanic“ und „Tree of Life“ mitproduziert hat, und ich. Ich bin eher auf der Seite der Finanziers und der deutschen Sparsamkeit, Grant kennt sich in der Organisation eines solchen Wahnsinnsdrehs aus.

Morgenpost Online: Was ist der Unterschied zu „Inglourious Basterds“, der auch in Babelsberg gedreht wurde?

Stefan Arndt: „Wolkenatlas“ wurde aus Deutschland heraus initiiert, wird aus Deutschland heraus vorangetrieben, in Deutschland produziert und verwertet. Alles bleibt hier. Das ist keine Konstruktion wegen Steuervorteilen oder Zuschüssen. Die deutsche Branche hat sich so professionalisiert, dass dies Projekt nun möglich ist. X-Filme hat diesen Schritt entscheidend durch „Das weiße Band“ gemacht. Für mich ist „Der Wolkenatlas“ wie eine Neuerfindung des unabhängigen Kinos.

Morgenpost Online: Darf man Sie nun „den neuen Eichinger“ nennen?

Stefan Arndt: Nein, der Bernd war ein bewundernswertes Unikat. Ich bin da auch schon eine andere Generation. Mein Ziel ist eher, dass in Deutschland der Produzent endlich als wesentlicher Urheber eines Films anerkannt und geachtet wird.