Jahrhundertalbum

Die Stones und "Exile" – Steuerflucht, Drogen, Sex

Mit "Exile On Main Street" veröffentlichten die Rolling Stones 1972 eins der besten Alben der Rockgeschichte. Jetzt wird das Werk neu aufgelegt. Bei den Filmfestspielen in Cannes stellte Sänger Mick Jagger zudem den Dokumentarfilm "Stones In Exile" vor, der einen etwas verklärenden Blick auf die damalige Zeit bietet.

Cannes. Mick Jagger und mich trennen 60 Zentimeter. Ich sitze neben ihm, schaue ihm ins Gesicht und denke: Er sieht aus wie ein Torwarthandschuh. Nicht wie einer von diesen modernen, knuffigen aus Kunststoff, sondern wie einer, den Sepp Maier beim Aufräumen im Keller finden würde.

Nur der Körper scheint unverschrumpelt und knabenhaft geblieben zu sein. Fettfrei und elastisch, die Beine locker übereinandergeschlagen, wie es die wenigsten 66-Jährigen hinbekämen, ohne sich dabei die künstliche Hüfte auszukugeln.

Das Haar dicht und noch immer vokuhila, bloß ein paar grausträhnige Einzelgänger. Wie macht der das bloß? Vitamin-B-12-Spritzen? Blutwäsche? Mick Jagger trägt Jeans, eine G-Shock-Uhr mit kariertem Armband zum karierten Designerhemd, grün-weiße Ringelsocken und New-Balance-Sneakers.

Bei jedem anderen Mann in diesem Alter würde man solch ein Outfit berufsjugendlich nennen, doch im Fall Jagger ergibt das keinen Sinn, der Mann hat Jugend als Beruf erfunden.

Wir sitzen in Cannes auf der Dachterrasse des Hotels „Palais Stéphanie“, und Jagger muss Interviews geben zu „Stones In Exile“, jenem Dokumentarfilm, den er auf dem Festival mit Regisseur Stephen Kijak vorstellt. Der Film erzählt die Entstehung von „Exile On Main Street“, einem der mythischen Alben der Rockgeschichte, das die Stones zu großen Teilen im drogenumnebelten Sommer 1971 in der Villa Nellcôte in Villefranche-sur-Mer an der Côte d’Azur aufnahmen – nachdem sie wegen astronomischer Steuerschulden aus England geflohen waren.

39 Jahre später wird das Doppelalbum neu veröffentlicht, wie in solchen Fällen üblich mit „Bonusmaterial“ – zehn Titeln, die auf dem Original-Vinylalbum nicht zu finden waren. Das Produkt kommt all den Stones-Fans entgegen, die seit 40 Jahren die Klage führen, die Stones seien „nicht mehr das, was sie mal waren“.

Zur Absatzförderung kam die Plattenfirma zudem auf die Idee, einen Dokumentarfilm über die rauschende Produktionsphase drehen zu lassen. Stephen Kijak durfte dazu in Archiven Hunderte Stunden von Super-8-Film sichten und auf das reichhaltige Fotomaterial aus der Villa Nellcôte zurückgreifen, das vor allem von dem französischen Fotografen Dominique Tarlé stammt.

Als begleitende Werbemaßnahme soll Mick Jagger nun in Cannes der Welt noch einmal erzählen, wie das damals so war, in dem Sommer, als sie „jung, schön und dumm“ waren. Heute, so witzelte Mick Jagger bei der Premiere des Films auf Französisch, seien sie leider „nur noch dumm“.

„He hates that kind of thing“, sagte Kijak wenige Minuten vor Jaggers Ankunft. „Naja, er hasst Interviews, und dann aber auch wieder nicht“, tröstete Victoria Pearman, die Produzentin. Sehr ermunternd. Mick Jagger hat in seinem Leben geschätzte 2,4 Millionen Interviews gegeben und auf jede erdenkliche Frage zu den Stones geantwortet.

Und auf all diese Fragen hat Keith Richards in der Zwischenzeit mindestens genauso oft die in etwa gegenteilige Antwort gegeben. Der Mythos ist derart groß, dass längst egal ist, was einer von beiden erzählt. Könnte stimmen, könnte aber auch nicht. Zur Verfestigung der Legende trägt all das in jedem Falle bei.

Jagger weiß das, deswegen möchte er die Pflichtübung zügig hinter sich bringen. Die eifrigen jungen Leute aus der PR-Abteilung haben ihm drei Interviewgrüppchen zusammengestellt, die er im 20-Minuten-Takt abfertigt. Circa acht Journalisten aus zwölf Ländern mit stark variierenden Englischkenntnissen dürfen sich gegenseitig ins Wort fallen, und wir schnattern unsere Fragen in den Raum wie aufgeregte Drittklässlerinnen, die ein Date mit Justin Bieber gewonnen haben: „Keith Richards sagt in dem Film den Satz: ‚Ich bin eher Roll, und Mick ist eher Rock.‘ Was meint er damit?“, möchte ein italienischer Kollege wissen.

„Keine Ahnung“, sagt Jagger. „Das müssten Sie Keith fragen.“ Sein diamantbesetzter oberer Eckzahn funkelt. „Hat er gesagt, er ist Rock und ich bin Roll, oder bin ich Rock und er Roll? Egal, es ist in jedem Fall ein guter Satz.“

Darum geht es bestenfalls – noch den ein oder anderen guten One-Liner zu liefern, der die Legende verfestigt. Wie wirkungsmächtig diese Stones-Legende ist, daran lässt der Auftritt in Cannes keinen Zweifel. All den Russell Crowes, Cate Blanchetts, Michael Douglasses, Johnny Depps und Juliette Binoches und wer da sonst noch über den roten Teppich huschte – all denen hat Mick Jagger in Cannes mal eben gezeigt, was der Unterschied zwischen einem mittleren Normalo-Star und einer lebenden Legende ist.

Um Jaggers Auftritt bei der Premiere erleben zu können, balgten sich Journalisten und akkreditierte Festivalbesucher um die Plätze. In der Schlange sah man zahllose kurz vor der Ohnmacht stehende Träger von Stones-Zungen auf T-Shirts, Jacken oder Broschen. Als Jagger aus dem Auto steigt, wird gekreischt. Am Ende der Pressekonferenz, so viel zur professionellen Distanz, hechten zwei Dutzend Journalisten mit ihrem „Exile“-Album hinter Mick Jagger her, um ein Autogramm zu erhaschen.

In dem Trubel geht ein wenig unter, dass Kijaks Film „Stones In Exile“ nicht besonders gut ist und ein weit weniger facettenreiches Bild des famosen Sommers in Villefranche-sur-Mer liefert als das großartige Buch von Robert Greenfield („Exile on Main Street – A Season in Hell with the Rolling Stones“).

In Kijaks Film geht die Geschichte ungefähr so: Greatest Rock-’n’-Roll-Band of the World bezieht mit großem Gefolge eine Traumvilla an der Côte, man trägt coole Klamotten, wirft ein paar kreativitätsfördernde Drogen ein – fertig ist das epochale Album.

Greenfield dagegen erzählt die Nachtseite dieser Geschichte: die Drogenexzesse und Psychodramen. Der Dealer ‚Spanish Tony‘ wohnte praktischerweise gleich mit im Haus und organisierte für Keith und Anita den Heroinnachschub aus Marseille.

Das chronisch gespannte Verhältnis zwischen Jagger und Richards, das nicht zuletzt daher rührte, dass Jagger mit Richards Lebensgefährtin Anita Pallenberg – die vor Richards wiederum mit Brian Jones zusammen war – kurz zuvor noch eine Affäre hatte.

Jagger selbst heiratete in diesem Sommer Bianca Pérez Morena de Macias in Saint-Tropez, kam mit den neuen Anforderungen und seiner Gattin aber nur schlecht zurecht. „Meine Ehe endete am Hochzeitstag“, fasste Bianca Jagger ihre Erfahrung später zusammen. Noch so ein guter One-Liner.

In Kijaks Feel-good-Movie bekommt man indes nie den Eindruck, dass das Leben in der Villa Nellcôte für viele der Hausgäste ein Ritt auf der Rasierklinge war. Kijak feiert den Sommer 1971 als Apotheose der Gegenkultur, als Triumph der Boheme.

Er übersieht die Opfer der Bewegung: Als die Stones mit der Arbeit an „Exile“ beginnen, sind der Bandmitbegründer Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin und Jim Morrison bereits an Drogen gestorben. „Doch, das war natürlich auch eine düstere Zeit“, sagt Jagger, „aber irgendwie waren wir von alldem ein wenig abgeschnitten.“

Die Drogen halfen da wohl. „Wir waren in diesem schönen Haus in Frankreich, in der Sonne, hatten eine gute Zeit. Der Vietnam-Krieg war weit weg. Man sah ja keine Proteste oder Veteranen auf der Straße. Und trotzdem war es eine Zeit, in der die Gesellschaft aus den Fugen war.“

Jagger erzählt dann, wie er 1972 als Zuschauer bei den Olympischen Spielen war und das Attentat eines palästinensischen Kommandos auf das israelische Team miterlebte. „Das war ja einer der ersten größeren Terrorakte, und man hatte das Gefühl, die ganze Gesellschaft ist wie auf einem Sägeblatt, sie kann in die eine oder andere Richtung kippen.“

Das war der Moment, wo man gern ein richtig interessantes Gespräch mit Mick Jagger begonnen hätte. Aber stattdessen fragt der schwedische Journalist, welches Stones-Album denn sein Lieblingsalbum sei (er hat keins), die Japanerin, wie er heute zu Drogen stehe (nimmt er nicht mehr) und der Holländer, ob die Stones „Exile“ nicht mal vollständig im Konzert spielen wollten (würden sie gern, machen sie aber nicht).

Warum Keith, Bill und Charlie eigentlich nicht zur Premiere nach Cannes gekommen seien, möchte dann jemand wissen, und Jagger antwortet, das hätte terminlich nicht so gepasst. Man habe gerade gemeinsam in den USA zwei Wochen lang Werbung gemacht. Jetzt hätten die anderen offenbar keine Lust mehr auf Interviews.

Und dann korrigiert er sich, Mick Jagger ist nämlich wohlerzogen: „Das meine ich natürlich nicht so, ich bin sicher, sie hätten es sehr genossen, mit Ihnen zu plaudern, Gentlemen.“ Er grinst leicht, als er dies sagt. Dann dreht er sich zu seinem Bodyguard um. „Ich glaube, wir wären dann durch.“

Mick Jagger hat nicht auf die Uhr geschaut. Es waren genau 19 Minuten und 28 Sekunden. Der schwedische Kollege bekommt sein Erinnerungsfoto. Dann erhebt sich Jagger und schaltet eine Art starren Fernblick ein. So guckt er immer, wenn er einen Raum durchquert, wo ihn natürlich alle anstarren. Wahrscheinlich wird man so, wenn man ein Leben lang überall von allen angestarrt wird.

30 Kilometer weiter östlich, dort, wo Villefranche-sur-Mer in die Halbinsel Cap Ferrat übergeht, liegt die Villa Nellcôte im Abendlicht, und ja, man kann sich das schon vorstellen, den jungen Keith Richards, wie er high auf der Veranda sitzt und auf der Gitarre herumgezupft. Das schmiedeeiserne Tor mit den vergoldeten Zinnen ist verschlossen. Stones-Pilger müssen draußen bleiben. Ein Russe – na klar, wer sonst? – soll die Villa vor einer Weile für 100 Millionen Euro gekauft haben. Das passt irgendwie. Wo früher Rock '’n’' Roll war, sind nun die Russen.

Die neuen Songs kann man bei laut.de anhören. (hier)

Die ganze Entstehungsgeschichte von "Exile on Main Street" lesen Sie in der Juni-Ausgabe des "Rolling Stone".