Drogendrama

"Lindenstraßen"-Vater widmet sich nun den Junkies

"Lindenstraße"-Vater Hans W. Geissendörfer erzählt in "In der Welt habt ihr Angst" von einem drogenabhängigen Pärchen, das fliehen will.

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Er hat es wieder getan. Hans W. Geissendörfer, Vater der „Lindenstraße“, bringt einen neuen Film ins Kino. Doch die Angst vor den Fernsehjunkies und Dauerzappern scheint ihm auch hier in den Knochen zu stecken: In der ersten Viertelstunde von „In der Welt habt ihr Angst“ steckt Action für drei Filme.

Bamberg ist viel zu eng für die Liebe zwischen Jo (Max von Thun) und Eva (Anna Maria Mühe), die von ihm schwanger ist. Also nach Neuseeland und weg vom Heroin. Weil Geld für Flugtickets fehlt, wird ein Antiquariat überfallen, im Handgemenge stirbt der renitente Händler, Jo wird verhaftet und Eva flüchtet in die Wohnung des Studienrats Paul (Axel Prahl), den sie nun mit der Pistole des Antiquars in Schach hält.

Eva, Tochter aus gutem Hause, aus Liebe zum Junkie Jo selber süchtig geworden, geplagt von Schuldgefühlen und Entzugserscheinungen, ist eine vom Drehbuchschicksal schwer beladene Figur. Anna Maria Mühe spielt sie allerdings mit einem solchen Furor, dass man ihr vieles abnimmt, auch den Optimismus, der sie unverdrossen nach vorne schauen und an einem Plan zur Befreiung des Liebsten feilen lässt.

Zu erzählen, wie aus dem gekidnappten Paul ein Vertrauter und schließlich ein Komplize wird, dafür lässt sich Geissendörfer Zeit. Aber es fehlt ihm an Raffinesse, die Ungläubigkeit des Zuschauers auszuhebeln – vor allem was die Wandlung des Lehrers Paul angeht. Dennoch geben Eva und Paul das interessantere Paar ab, während die zentrale Liebesgeschichte die Kitschgrenze deutlich überschreitet: Eva spielt in der Lehrerwohnung Klavier, Jo im Gefängnis Gitarre, dank Telepathie können sie im Duett musizieren.

Wunder mag es immer wieder geben, hier irritieren sie. Denn der Regisseur zelebriert ansonsten einen geradezu buchhalterischen Realismus. Und wie unter Zwang spiegelt Geissendörfer, der auch das Originaldrehbuch schrieb, jedes Handlungsmotiv mindestens in einem zweiten. Den spiritistischen Jam-Sessions der Liebenden wird das pedantische Musikantentum von Evas Vater (Hanns Zischler) gegenübergestellt. Der Kantor möchte seine Tochter auf den Pfad der Reue zurückführen. Doch die Outlaws und ihre Vision von unbedingter Liebe triumphieren.

Paul lässt sich mitreißen, reift Eva zuliebe zur besseren Vaterfigur, pfeift auf den Beamtenstatus und entschließt sich zur Befreiungsaktion in Sachen Jo. Das hat Unterhaltungswert, doch am Ende der Querfeldeinjagd durch Genres und Filmstandards ist der Ernst der Themen Schuld und Abhängigkeit restlos auf der Strecke geblieben.