Er werde die Dämonen immer bekämpfen müssen, schrieb Ronnie Wood noch im vergangenen Jahr in seiner gerade auf Deutsch erschienenen Autobiografie über seinen Kampf mit dem Alkohol. "Momentan scheine ich aber zu gewinnen." Er hat sich offenbar getäuscht.

Der Gitarrist der Rolling Stones lieferte sich vor zwei Wochen selbst zum Entzug ein - seinem siebten. Die Ehe mit dem Ex-Model Jo, die allen bösen Prophezeiungen von beziehungsunfähigen Rockstars und notorischen Fremdgängern trotzte und 23 turbulente Jahre hielt, steht nach Woods Affäre mit einer 19-Jährigen vor dem Aus. In den letzten Wochen beweist das Leben des 61-jährigen Rolling Stone damit vor allem eines: Die größte Sucht im Leben eines Rockstars ist das Leben als Rockstar.

Noch im Juni war er der stolze Brautvater

Dabei hätte alles so schön sein können. Noch im Juni, als seine Tochter Leah ihre Jugendliebe Jack MacDonald heiratete, schienen Ronnies Dämonen weit weg zu sein. Mit Mick Jagger und Keith Richards an seiner Seite, gab er sich ganz als stolzer Brautvater und liebender Ehemann, der nach der Trauung lachend mit seiner Frau Jo die Glückwünsche der Gäste und Gaffer vor Londons Southwark-Kathedrale entgegennahm.

Weil es der längste Tag des Jahres war, stand die anschließende Feier auf Woods Anwesen im vornehmen Coombe Estate südlich von London unter dem von Shakespeare inspirierten Thema "Sommernachtstraum". Es wurde fröhlich, aber nicht zu feucht gefeiert trotz Gästen wie Kate Moss und Keith Richards - und zum Bedauern der vor den schweren Holztoren positionierten Paparazzi kam es zu keinerlei Ausfällen.


Journalisten tauschten aus, was sie über das "bürgerliche Leben" des Gitarristen der Rolling Stones wussten: Jeden Samstag gehe er für Tee und Törtchen ins nahe Richmond, er sei ein häufig gesehener Gast im örtlichen Theater sowie im Park, wo er gern die scheuen Hirsche beobachte, hieß es. Und vor allem: Ronnie sei völlig trocken.

Wood soff elf Tage lang

Erst jetzt wurde bekannt: Nur wenige Tage vor der Vorzeigehochzeit hatte Wood wegen seiner Alkoholprobleme Hilfe in einer Entzugsklinik gesucht. Eine Weinprobe hatte ihn rückfällig werden lassen. Und wenn man den Berichten der Boulevardpresse glaubt, bekam er schon bei jenem Aufenthalt nicht nur Besuch von seiner Frau Jo, sondern auch von seiner Geliebten, der Kasachin Ekaterina Ivanova, einer Kellnerin, die er im Londoner Nachtleben kennengelernt und mit der er ein elftägiges Saufgelage auf seinem Anwesen in Irland verbracht haben soll, bevor er Mitte Juli in The Priory, Londons Entgiftungsstätte der Stars, eincheckte.

Da waren sie also wieder, die Dämonen, mit denen Ronnie Wood nicht erst seit seiner Karriere bei den Rolling Stones ringt - er stieß 1976 als Letzter zur damals bereits berühmten Band. Seine Drogensucht begann viel früher schon. Und so kam es, dass ihm bereits 1975 ein Plastikplättchen in die Nase eingesetzt werden musste; Kokain hatte ihm die Scheidewand weggeätzt. Zu der Zeit tourte er noch als Gitarrist in der von Rod Stewart gegründeten Band Small Faces.

Mit einer Mischung aus Begeisterung und Verzweiflung illustriert Ronnie Wood in seiner Autobiografie sein Leben der Extreme. So beschreibt er etwa, wie er George Harrison frech und unverblümt seine Affäre mit dessen Frau Pattie Boyd auf die Nase band. Oder wie John Lennon und Yoko Ono ihn im Hotelzimmer aufsuchten, und die einzige Frage war, welche Droge nehmen wir heute?

Oder wie Trauzeuge Keith Richards unmittelbar nach Ronnies kirchlicher Trauung mit Jo in den weißen Rolls-Royce sprang, "eine Nase" nahm und den Stoff dann an die Neuvermählten weiterreichte, als "Toast auf die Hochzeit". Drogen gehörten wie selbstverständlich dazu, aber irgendwann auch der Kampf dagegen: "Sobald ich ausging, dachte ich immer, ich hätte alles im Griff, dass ich ohne Probleme ein Glas Wein trinken könne. Blitzschnell war ich immer wieder bei einer ganzen Flasche, dann landete ich beim Wodka."

Er hat eine Schwäche für Kunst

Woods Leben bestand aber nie nur aus Tourneen, Groupies und Drogen. "Rockstar-Royalty" tauften ihn die Journalisten für seine Leidenschaft für Kunst, seinen Einsatz für den Umweltschutz und seine erfolgreiche zweite Ehe mit Ex-Model Jo Howard. Tragischerweise soll es seine Liebe zur Kunst gewesen sein, die ihn nun in die Arme der jungen Kasachin und damit in die neue Krise trieb.

Das Mädchen - selbst Hobby-Malerin - soll ihm angeblich Modell gestanden haben, bevor er ihr verfiel. Seine Karriere als Maler begann noch vor der als Musiker, als er sich wie zuvor seine Brüder nach der Schule am Ealing Art College in London einschrieb. Das Zeichnen hatten sie von seinem Vater gelernt, er soll seinen Söhnen auch die Liebe zur Musik und den Hang zum Alkohol vererbt haben. Ronnie war stets Musiker und Maler zugleich: In den 80er-Jahren hatte er seine erste Ausstellung in San Francisco, heute hängen seine Bilder in weltweit 15 Galerien.

Mit einem Umsatz von 437 Millionen Dollar bescherte die "Bigger Bang Tour" den Rolling Stones vergangenes Jahr einen Eintrag ins "Guinnessbuch der Rekorde" für die erfolgreichste Welttournee aller Zeiten, für Ronnie Wood schien der Abschied vom Leben als Star, der die Klatschseiten füllt, aber wieder in weite Ferne zu rücken.

Dabei zeigt sein Band-Kollege Mick Jagger, dass es auch anders geht: Jagger ist zwar immer noch für sein notorisches Fremdgehen berüchtigt, schwört aber inzwischen auf Bionahrung und Entspannungstechniken. Ronnie Wood scheint das gesunde Leben nicht zu gelingen. Immer wieder gibt es Rückfälle, Entzug auf Entzug, Versprechen auf ein Ende des Auf und Ab.

Wie schlecht es nach der aktuellen Talfahrt um seine Ehe steht, ist unklar. Angeblich hat sich Jo bereits mit Paul McCartneys Scheidungsanwältin getroffen und will ihn erst wieder sehen, wenn er völlig trocken ist. Umso erschütternder klingt da, was Wood erst kürzlich der "Financial Times" gestand: Meistens, so sagte er beim Mittagessen über Muscheln und Fisch, beginne er schlicht aus Langeweile zu trinken. Unverbesserlich. Gesprochen wie ein echter Rockstar.