Bully Herbig

"Sissi ist fast schon Weltkulturerbe"

Die ganze Nation schaut die alten Sissi-Filme. An diesem Donnerstag kommt "Lissi" ins Kino – Michael "Bully" Herbigs Zeichentrick-Film über die Kaiserin. Der Komiker verrät Morgenpost Online, wie er den Yeti gespielt hat - und warum er keine Parodien mehr drehen will.

Foto: Constantin

Michael "Bully" Herbig ist einer der bekanntesten Komiker Deutschlands. Der 39-Jährige begann seine Karriere 1991 im Radio. Schlagartig berühmt wurde er ab 1997 durch seine Comedy-Fernsehsendung "Bullyparade" auf ProSieben, in der er bereits die Figuren für seine späteren Filme entwickelte. Bei Bullys Regiedebüt rannte dann das Publikum die Kinotüren ein: Seine Winnetou-Parodie "Der Schuh des Manitu" (2001) wollten fast 12 Millionen Deutsche sehen. Sein neuer Film hat eine ganz andere Leinwandheldin zur Vorlage: die österreichische Kaiserin Sissi. "Lissi und der wilde" Kaiser kommt am 25. Oktober in die Kinos.

Morgenpost Online: Hat Deutschlands größter „Sissi“-Fan den Film schon gesehen?


Bully Herbig: Der wäre?


Morgenpost Online: Leo Kirch. Ihm gehörten die TV-Wiederholungsrechte, und Karlheinz Böhm hat einmal ausgerechnet, dass er daran 150 Millionen Mark verdient habe.


Herbig: Ich glaube, Leo Kirch ist im Moment mit anderen Dingen beschäftigt.

Morgenpost Online: Irgendwie verdankt Sissi aber ihm ihre andauernde Popularität: Kein Weihnachten ohne die Trilogie. Wann haben Sie ihren ersten „Sissi“-Film gesehen?


Herbig: Ich weiß nicht mehr genau. Mein Interesse wurde erst konkret, als Rick Kavanian und ich mit unseren Sissi-Sketchen begannen. Ich habe das Gefühl, dass die Filme dauerpräsent sind, wie Weihnachtsmusik. Wenn man an den Festtagen unterwegs ist – ob bei Mutter zu Hause oder Freunden –, laufen sie im Hintergrund. Plätschern dahin. Verbreiten so ein wohliges Feiertagsgefühl.


Morgenpost Online: Wie Kaffeetrinken am Sonntagnachmittag.


Herbig: Man guckt zuweilen hin, bleibt auch mal hängen, und wenn man einnickt, macht das auch nichts, denn jeder hat sie schon x-mal gesehen.


Morgenpost Online: Dass der Sissi-Mythos sich so zäh hält, verdankt er vor allem diesem Zuckerguss.

Herbig: Die Leute in den Fünfzigern wollten genau so etwas sehen, und das Fernsehen hat ihn der nächsten Generation weiter gegeben. Sissi ist fast schon Weltkulturerbe, denn die Filme waren auch international erfolgreich.

Morgenpost Online: Das Erbe wird weitergereicht, aber auch uminterpretiert. Manche halten es für sehr trashig.

Herbig : Das stimmt nicht! Diese Filme sind mit einer solchen Liebe zum Detail gemacht – wollte man das heute derart pompös drehen, wäre es kaum zu finanzieren.

Morgenpost Online: Was sicher ein Grund war, „Lissi“ als Trickfilm zu drehen. Haben Sie ernsthaft erwogen, in Persona ins „Lissi“-Kostüm zu steigen?

Herbig: Man braucht nur fünf Minuten darüber nachzudenken, wie solch eine Geschichte mit einem Kerl aussehen könnte, dann stößt man schnell auf Grenzen. „Sissi“ lebt von Romantik und Herzschmerz, selbst in der Parodie, und das können zwei Kerle nicht bieten.

Morgenpost Online: Am Anfang stand die Legende, mit Romy Schneider kam die Romantisierung, mit der „Bully“-Parade die Parodie. Was ist dies nun?

Herbig: Ich halte es für eine konsequente Weiterentwicklung, mehr als eine plumpe Parodie. Beim Animationsfilm hat man ein freies Feld: Als mir der Gedanke kam, war das unglaublich befreiend, plötzlich sprudelten die Ideen. Beim Realfilm blieb ich spätestens bei der Kussszene immer stecken; das hätte ich nicht glaubhaft hingekriegt, es hätte eine Albernheit bekommen, die dem Thema nicht gerecht geworden wäre. Aber als Trick war alles möglich, selbst Action und der Yeti. Wir mussten uns eher bremsen.

Morgenpost Online: Im Gegensatz zur reinen Parodie respektiert ihr Film eine Art steife Würde seiner Titelheldin.

Herbig: Absolut korrekt. Das wäre unmöglich gewesen, wenn ich Lissi in Kostüm gespielt hätte. Wir haben in ihr, darauf bin ich sehr stolz, eine glaubhafte Figur. Dafür spricht auch, dass noch keiner in Frage gestellt hat, warum ich die Lissi denn spreche. Trotzdem akzeptiert man sie als 100-prozentige Frau. Sie hat Sexappeal, man mag sie, und bei der Premiere hörte ich aus den Sitzreihen wiederholt ein „Mei, ist die süß!“

Morgenpost Online: Die Performance, die sie ihrem Franzl hinlegt, hat schon was.

Herbig: Die würde kein Mann ablehnen. Ich habe dafür extra einen Choreografen holen lassen.

Morgenpost Online: Einen Choreografen für eine Trickfigur?

Herbig: Paul Hayes, der schon Sky Dumont für den „Superperforator“-Stepptanz in „Manitu“ gecoacht hatte. Er hat mit einer Tänzerin eine Choreografie entwickelt, ich habe sie gefilmt, und darauf haben sich die Animatoren dann bezogen. Im Übrigen war mir auch wichtig, dass Lissi von einer Frau animiert wurde.

Morgenpost Online: Da stößt man als Mann an Grenzen. Aber eine andere Grenze haben Sie nonchalant überschritten: Bully hatte vorher nie etwas mit Animation zu tun.

Herbig: Als die Idee da war, habe ich zunächst Thomas Zauner angerufen, den Geschäftsführer der Firma Scanline, die für mich seit „Erkan & Stefan“ die Computertricks besorgte. Er hat erst hörbar geschluckt, denn ein Animationsstudio ist etwas anderes als das Kreieren von CGI-Szenen. Wie haben dann bei der Bavaria Räume angemietet, die Ausrüstung beschafft, und Mitarbeiter aus 19 Nationen dort versammelt – von Animatoren, die bei „King Kong“ in Neuseeland dabei waren bis zu solchen, die schon für Pixar in San Francisco gezeichnet haben.

Morgenpost Online: Alles als Autodidakt.

Herbig: Natürlich hatte ich anfangs die eine oder andere schlaflose Nacht. Vor einem ansehbaren Ergebnis geht in der Animation ein Jahr ins Land, und dann hast du von deinem Budget schon eine Menge herausgepulvert.

Morgenpost Online: Was konnten Sie tun, um alles in die richtigen Bahnen zu lenken?

Herbig: Ich habe den Animatoren jede einzelne Figur des Films live vorgespielt.

Morgenpost Online: Eine Privatvorstellung?

Herbig: Ja, das wurde auf Video aufgenommen. Es gibt in „Lissi“ etwa 1000 Einstellungen, und ich habe jede Figur in jeder Einstellung gemimt.

Morgenpost Online: Das heißt, Bully steckt in jedem Charakter?

Herbig: In jedem. Körpersprache, Reaktionen, Timing, das habe ich für alle Figuren vorgespielt.

Morgenpost Online: Und wenn sich mehrere in einer Szene befinden?

Herbig: Das war kein Problem, denn in der Animation wird auch separat gezeichnet. Wenn also Lissi und der Yeti in einer Szene auftauchen, habe ich zuerst sie für ihre Zeichner gespielt; dann verließen die den Raum. Als nächstes habe ich ihn für seine Animatoren dargestellt – in der Hoffnung, dass später alles zusammenpasst.

Morgenpost Online: Man könnte also einen ganzen zweiten Film zusammensetzen mit dem realen Michael Herbig in jeder Einstellung?

Herbig: Das könnte man. Natürlich ohne richtigen Hintergrund, weil alles in Büroräumen aufgenommen wurde. Als Bonusmaterial für die DVD reicht es allemal.

Morgenpost Online: Dann ist mehr „Bully“ in „Lissi“ als man vermuten sollte.

Herbig: Es war irrsinnig frustrierend, als ich bei der ersten Vorführung für Kinobesitzer gefragt wurde: „Was haben Sie denn daran gemacht? Der Film kommt doch aus dem Computer!“

Morgenpost Online: Da wir bei Charakteren sind – ist der Yeti vom Aussehen bewusst auf Kurt Beck angelegt und von der Stimme auf Mario Adorf?

Herbig: Es gibt Vorbilder für manche Figuren. Der Privatsekretär des Bayern-Königs, den gab es schon in meinen Sketchen; wir haben ihm aber noch etwas Heinz-Erhardtiges mitgegeben, er wurde pummeliger and bekam kürzere Beinchen. Die Vorgabe bei Lissi war: „Sie ist die schönste Frau der Welt und hat Ähnlichkeit mit mir“; wir haben sehr lange gebraucht, die männlichen Züge rauszubekommen. Den Yeti habe ich nach dem Vorbild eines Rock-‚n’-Rollers angelegt. Auf die Ähnlichkeit mit Beck wurde ich erst aufmerksam gemacht, als der Film schon fertig war, und dafür möchte ich mich auch entschuldigen – beim Yeti.

Morgenpost Online: Nun ist die Bully-Parade also kinomäßig ausgeschöpft. Wird’s nun ernst?

Herbig: Meine Lust am Kinomachen ist ungebremst. Ich schließe für die Zukunft kein Genre aus. Ich hätte zum Beispiel Lust auf einen Abenteuerfilm à la „Indiana Jones“ oder „Fluch der Karibik“.

Morgenpost Online: Es liegt gerade ein Gefühl in der Kinoluft: Die Zeit der Zitatfilme scheint vorbei.

Herbig: Eines weiß ich mit Sicherheit: Als nächstes kommt von mir keine Parodie mehr, das ist mit dieser „Trilogie“ abgeschlossen. Was mir allerdings nicht gelingen wird, ist ein Film, in dem überhaupt nicht gelacht wird.

Morgenpost Online: Was sehen wir in den nächsten 30 Jahren an Weihnachten im Fernsehen?

Herbig: Ich hoffe, dass „Lissi und der wilde Kaiser“ als eine Art vierter Teil bald zur Weihnachtsmusik gehört.