Berliner Volksbühne

Kurt Krömer als gedemütigter Talkshowgast

Nach der Schaubühne wagt sich Kurt Krömer nun auf die Berliner Volksbühne. Es gibt natürlich was zu lachen, doch das Witzniveau ist flach.

Die Volksbühne ist auch Berlins größtes Mundarttheater. Neben der Avantgarde wird hier das Berlinische gepflegt, und manchmal ist nicht mehr so genau zu unterscheiden, was ästhetische Grenzüberschreitung ist und was einfach nur Kiezprolligkeit. Sicher ist, dass die Schauspieler am Rosa-Luxemburg-Platz häufiger als in jeder anderen großen Berliner Staatsbühne einen mundartlichen Ton anschlagen. Und Intendant Frank Castorf pflegt, je länger seine künstlerische Krise anhält, um so sturer die Rolle des letzten echten Bluts-Berliners an der Spitze eines Hauptstadttheaters, der den Witz und die Härte der Eingeborenen gegen eine Flut von Zugewanderten hochhält.

In den Neunzigerjahre wäre es deshalb fast zu eine Kooperation mit einem anderen Aushängeschild des Berlinertums gekommen: Harald Juhnke sollte in Castorfs Regie „Des Teufels General“ spielen. Das zerschlug sich bedingt durch Juhnkes Alkoholkrankheit. Nun hat die Volksbühne endlich angemessenen Ersatz gefunden: Der Komiker Kurt Krömer, so eine Art Juhnke für die anarchistisch gesinnte Jugend, spielt hier seine zweite Theaterhauptrolle. Der Schriftsteller Jakob Hein hat ihm das Stück „Johnny Chicago“ auf den Leib geschrieben. Regie führt Jochen A. Freydank, der mit seinem Film „Spielzeugland“ 2009 den Kurzfilm-Oscar gewann.

Achtung Gag! Krömer zeigt sich ohne Perücke

Während Kurt Krömer vor zwei Jahren bei seinem Theaterdebüt mit „Room Service“ an der Schaubühne noch ganz und gar Kurt Krömer sein durfte, irritiert er seinen Fanblock diesmal durch einen Auftritt ohne Brille, ohne Retro-Anzug und ohne akkuraten Spießerscheitel. Stattdessen trägt er eine schwarze Langhaarperücke im Gojko-Mitic-Stil. Er spielt einen 10.000 Jahre alten Mann, der absurderweise Johnny Chicago heißt. Einst war er weltberühmt, nun muss er froh sein in der Talkshow „Unsere Stars von gestern“ Reklame für seine neue Schlager-CD machen zu dürfen. Die fiktive Sendung erinnert an die MDR-Show „Riverboat“, wo die Zombies des DDR-Unterhaltungsgewerbes Stammgäste sind.

Irgendwie soll das alles wohl medienkritisch sein. Johnny Chicago wird in der Show gedemütigt und klagt, dass er nur über seine Vergangenheit reden soll, aber sich nach 10.000 Jahren für die Gegenwart interessieren möchte. Aber alle wollen immer wissen, wie das mit Jesus und Hitler war. Das Publikum erfährt es in „Einspielfilmen“, in denen Krömer Johnnys Begegnungen mit den Größen der Weltgeschichte mimt. Wenn er flennt, dass man im Mittelalter ja keinen Zugang zu Informationen hatte und deshalb leicht zu veräppeln war, klingt das ein bisschen wie der Rechtfertigungsmonolog eines DDR-Mitläufers. Aber das ist vielleicht schon eine Überinterpretation dieser flachen Komödie.

Denn der Moderator, der Johnny Chicago interviewt und den Jakob Hein selbst spielt (ebenfalls mit künstlichem Haarteil), heißt Kai Kacke. Damit ist das Niveau des Humors klar vorgegeben. Viele Witze sind genauso alt wie Johnny Chicago und das einzige Mehrbödige ist Krömers Perücke, die im Laufe des Abends abgezogen wird und den Blick auf etliche Schichten scheinbar echter Skalps freigibt.

Mittelmäßige Pointen, als Brüller serviert

Nicht dass es gar nichts zu lachen gebe. Jakob Hein kommt aus der Berliner Lesebühnenszene, und er hat dort trainiert, wie man eine mittelmäßige Pointe so serviert, dass die Leute trotzdem brüllen. Auch sein Hauptdarsteller verfügt über das Kaffeefahrtenentertainer-Talent, die abgestandensten Witze wieder halbwegs frisch zu verkaufen. Krömer steigert sich manchmal in wirklich komische Tiraden rein, die beweisen, dass die Wurzel des Berliner Humors das weinerliche Selbstmitleid des getretenen kleinen Mannes ist.

Wie es sich an der Volksbühne gehört, treten die Schauspieler manchmal aus ihren Rollen raus. Dann beschuldigen sich Kurt Krömer und Jakob Hein gegenseitig der künstlerischen Unzulänglichkeit und Inka Löwendorf, die Kai Kackes Assistentin spielt, jammert über ihr bitteres Los, als einzige echte Schauspielerin mit lauter Dilettanten auftreten zu müssen. Beklagt wird auch das Fehlen eines Chefdramaturgen, der möglicherweise das Niveau der Veranstaltung gehoben hätte. Das ist eine Anspielung darauf, dass Intendant Frank Castorf vor wenigen Wochen den amtierenden Chefdramaturgen fristlos gefeuert hat.

Nach boulevardüblichen zwei Stunden inklusive seniorenfreundlicher Pinkelpause ist „Johnny Chicago“ vorbei, ohne dass das Theater oder die Medienwelt aus den Angeln gehoben worden sind. Der unsterbliche Johnny droht in Dunkelheit eines leeren Fernsehstudios damit, einfach zu warten, bis alle seine Kritiker gestorben sind und dann ein Comeback zu feiern. Kurt Krömer muss nicht so lange abtauchen. Es liegt wieder mal nicht an ihm, wenn der Abend lau bis mittel ist. Schon „Room Service“ war vor zwei Jahren ja ein ziemlicher Mist - verantwortet vom Regisseur Thomas Ostermeier. Wer sich nach solchen Erfahrungen ein zweites Mal auf die Bühne wagt, muss unter der Komikermaske wahrhaftig eine tiefe Sehnsucht nach dem Theater verbergen.

Termine: 27., 29. und 30. Juni, 1., 4., 5., 8. und 9. Juli, Karten: (030) 240 65 777