Deutsche Oper

Faszinierende Miss Evita endet tragisch

Seit mehr als drei Jahrzehnten begeistert der Aufstieg und Fall des Provinzmädchens Evita die Massen. Das Erfolgsmusical von Andrew Lloyd-Webber kommt nun an die Deutsche Oper an der Bismarckstraße.

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„Eine Getriebene, eine Verführerin, eine tragische Figur ist sie“, sagt Abigail Jaye. Die junge Engländerin ist eine der gefragtesten Evita-Darstellerinnen und demnächst in dieser Paraderolle auch in Berlin zu erleben. Dabei wirkt diese glamouröse Frauenfigur auf den ersten Blick so eindimensional: Als eine attraktive Blondine schläft sich Evita nach oben und tut als Präsidentengattin viel Gutes für ihr Volk. Das Musical hat zweifellos einen gewissen Wiedererkennungswert. Vielleicht, weil Charity zu den Alltagspflichten von Präsidentenfrauen gehört, vielleicht auch, weil sich oftmals dahinter soziale Aufsteigergeschichten offenbaren. Aber das Aschenputtelige allein kann nicht der Grund sein, warum das Publikum seit über drei Jahrzehnten in das Musical „Evita“ strömt. Es steckt noch etwas Romantischeres in dem Klassiker verborgen, etwas, was auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist.

In der Deutschen Oper wird der Longseller von Andrew Lloyd-Webber als Sommerbespielung mit sage und schreibe 16 Vorstellungen zu erleben sein. Dieser Tage macht die englischsprachige Tourneeproduktion in Edinburg Station, in einem alten plüschigen Theater mit unglaublichen 3000 Plätzen. Es ist gut besucht, gefühlt sind Dreiviertel im Publikum junge Mädchen und Frauen quer durch alle Generationen. „Evita“ ist offenbar ein gutes Mutter-Tochter-Ausgehstück.

Eine zerrissene Frau

Im Gegensatz zu anderen Longsellern wie die „West Side Story“, „Cats“, „Das Phantom der Oper“ oder „Cabaret“ wird der „Evita“ gern ein textlastigeres Programmheft beigelegt. Es enthält die Lebensläufe von geschäftstüchtigen Machern, wozu der Komponist, der Songtexter, Produzenten gehören, darüber hinaus natürlich von den Darstellern, deren Karrieren mittlerweile alle ziemlich gleichförmig klingen und nicht zuletzt von Maria Eva Duarte, die als Eva Peron kurzzeitig in der Weltgeschichte eine Rolle spielte. Aber lang ist es her und Argentinien liegt uns recht fern – so konnte sich der blonde Mythos im Musical verselbständigen. Nicht zuletzt auch, weil Mitte der Neunzigerjahre das US-amerikanische Kino den Stoff für sich entdeckt hat – mit Madonna als Evita, Antonio Banderas als Che und Jonathan Pryce als Peron. Der seinerzeit neu komponierte und mit einem Oscar prämierte Song „You Must Love Me“ hat sogar nachträglich Eingang ins gespielte Musical gefunden.

Einen Vergleich von Lady Di und Evita, zwei Königinnen der Herzen, wischt Darstellerin Abigail Jaye schnell beiseite. „Evita war viel mächtiger“, sagt sie. Und darüber hinaus im Ausland bei weitem nicht so beliebt. Als Evita nach dem Krieg auf ihrer werbenden „Regenbogentour“ Europa besuchte, sahen viele in ihr eher eine Eva Braun. Und wandten sich ab. Ihr Präsidentengatte Juan Peron hatte Ende der Dreißigerjahre eine Zeit lang in Europa als Militärbeobachter zugebracht. Er bewunderte das „Dritte Reich“ und wollte ein Präsident wie der Duce sein. Aber auch die argentinische Geschichte ist wechselhaft: 1945 wurde Peron vom eigenen Militär verhaftet und nach Protesten der Bevölkerung, die auch von seiner künftigen Ehefrau Evita organisiert wurden, wieder freigelassen. Ein Jahr später kamen die Perons an die Macht. Im Gegensatz zum kriegszerstörten Europa erlebte Argentinien gerade eine wirtschaftliche Blütezeit, Evita konnte beispielsweise das Frauenwahlrecht durchsetzen und großzügig Geld in das Sozialsystem stecken. Ein gleichsam gutes wie korruptes System. Das Musical zeichnet den Aufstieg des kleinen Provinzmädchens Evita zur tragisch endenden First Lady – bei aller Holzschnittartigkeit des Genres – sehr anschaulich nach. „Die Evita darf man aber nicht zu cool und nicht zu eng darstellen“, sagt Abigail Jaye.

Die zierliche Musicaldarstellerin selbst ist schwarzhaarig, im Gespräch schlagfertig und durchaus attraktiv. Von einer klassischen Schönheit kann bei ihr – pardon – keine Rede sein. Aber wenn sie die Bühne betritt, beginnt ihre Verwandlung – dann kann sie sich ebenso glaubwürdig in ein kleines Provinzmädchen, in eine eitle Machtfrau wie in eine Dahinsiechende hineinfühlen. Abigail Jaye, Tochter einer Opernsängerin, hat das Theaterblut in den Adern. Der deutsche Veranstalter hat darauf bestanden, dass sie die Titelrolle übernimmt. Hierzulande, heißt es, wird im Musical einfach mehr Wert auf schauspielerische Qualitäten gelegt. Aber auch die Band musste für Berlin vergrößert werden, in der Deutschen Oper werden jetzt 17 Musiker das Fundament für Gassenhauer wie „Don’t cry for me Argentina“ geben. Die Produktion, die bereits 2008 zum 30-jährigen Jubiläum des Musicals „Evita“ entstand, wurde von Andrew Lloyd Webber selbst abgenommen. Sie gehört eindeutig zu den besseren, den sehenswerten.

Musicals wie die „West Side Story“ oder „Das Phantom der Oper“ leben von der Liebe, zumal der unglücklichen. War Evita nur machtgeil oder hat sie ihren Peron wirklich geliebt? Abigail Jaye vollzieht mit der Hand eine Schlängelbewegung, um sich nicht festlegen zu müssen. „Sie hat ihn so sehr geliebt, wie sie jemanden lieben konnte.“ Die Inszenierung selbst geht dieser Frage aus dem Weg, Liebe ist kein Thema. Für die Darstellerin ist Evita spannender als eine zerrissene Frau. „Sie hat sehr viele Rätsel um sich herum aufgebaut“, sagt sie: „Als Frau ist sie ein geheimnisvolles Erbe“. Möglicherweise können sich deshalb viele in Evita wiederfinden, denn welche Frau möchte nicht in ihrer Rätselhaftigkeit wahrgenommen werden. Das Romantische liegt immer im Unausgesprochenen.

Eine späte Beerdigung

Evita Peron, bereits an Gebärmutterhalskrebs erkrankt und geschwächt, hat sich öffentlich verabschiedet. Sie verstarb mit gerade mal 33 Jahren. Es ist – so makaber es klingt – das richtige Alter für den Mythos einer Zu-jung-Verstorbenen. Dagegen können Männer auch im runzligen, aber lebensweisen Alter zur Legende werden. Evitas Tragödie ging nach ihrem Tod 1952 noch über Jahrzehnte hinweg weiter. Zunächst wurde die Primera Dama wie Lenin oder Stalin einbalsamiert und öffentlich ausgestellt. Nach einem Machtwechsel verschwand ihre Leiche, wurde von einem Geheimkommando in Buenos Aires an verschiedenen Orten versteckt. Sie wurde nach Mailand ausgeflogen, zeitweilig soll die Mumie auch in Bonn gewesen sein, schließlich wurde sie in den Siebzigern in Argentinien offiziell beerdigt.

Kurz danach komponierte der Brite Andrew Lloyd sein Musical „Evita“, das seither in vielen Ländern der Erde mit großem Erfolg gezeigt wird – außer in Argentinien. Dort wird Evita nach wie vor als ein nationales Heiligtum gepflegt. Daran wird besser nicht gerüttelt.

Andrew Lloyd Webber brachte „Evita“ zusammen mit dem Schreiber Tim Rice 1976 in London auf die Bühne. Die Beiden hatten wenige Jahre zuvor bereits die Musikkomödie „Jesus Christ Superstar“ entworfen. Webber, Jahrgang 1948, gilt heute als der erfolgreichste Musical-Komponist („Cats“, „Starlight Express“). Zehn Jahre lief Evita im West Ende, ab 1979 auch am Broadway. Die Filmversion erschien 1996 und ist künstlerischer Tiefpunkt in Madonnas Karriere. Gleiches gilt für Antonio Banderas.

Abigail Jaye tourt seit vergangen Jahr als Evita durch Europa und hat in der Zeit ziemlich beeindruckende Kritiken bekommen. Zur Vorbereitung auf ihre Rolle hat die Engländerin, Jahrgang 1979, immerhin neun Bücher über Evita gelesen.

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, berlin-Charlottenburg. Tel: (030) 34384343. Vom 19. bis 31. Juli 2011. Karten: 32 bis 54 Euro.