Konzert

17 Hippies sind die Wilde 13 von Berlin

Tief im alten West-Berlin verwurzelt, in den Szenen, Stämmen oder Subkulturen der Achtzigerjahre, waren die "17 Hippies" Mitte der Neunziger plötzlich da als volkstümliche Allerweltskapelle. Im Kesselhaus festigten die 17 Hippies ihren Ruf als führende Stadtkapelle.

Die 17 Hippies werden 15 Jahre alt, und da zählt niemand mehr die Musikanten mit dem Zeigefinger und beschwert sich, dass nur 13 auf der Bühne stehen. Jeder weiß: Die 17 Hippies sind die Wilde 13 von Berlin. An diesem Abend aber, nach „Adieu“, dem dritten Lied, ruft eine Frau mit starkem bayrischen Akzent: „Es sind nur zwölf!“ Die beiden Sänger mit Gitarre und Bouzouki, zwei Akkordeonspieler, ein Bassist, zwei Holzbläser, zwei Blechbläser, zwei Geiger sowie Lüül, der Vorsteher, mit Banjo oder Ukulele. Leichte Unruhe bricht aus im Saal. Erhitzt wird debattiert, wer fehlt. Die Rike ist nicht da, das Cello. Aber damit finden sich die zahlenden Gäste bei den 17 Hippies lächelnd ab, und das Konzert im Kesselhaus geht auch im Dutzend seinen Gang.

Wie auf den Wimmelbildern in den Kinderbüchern gibt es immer etwas zu entdecken. Eine Lyra aus dem Spielmannszug, eine Konzertharfe oder die Tuba. Unermüdlich tauschen die zwölf Musiker die Positionen und gelegentlich auch ihre Instrumente. Man erinnert sich an „Halbe Treppe“, wo die 17 Hippies für die Filmmusik zuständig waren. Axel Prahl spielte in Frankfurt an der Oder einen Imbisswirt, der vor der täglich wachsenden Schar der Straßenmusiker an seinem Kiosk irgendwann kapitulierte und sie einlud. Zwischen Plattenbauten musizierten sie bei Bier und Bratwurst wie bei einer Bauernhochzeit auf dem Balkan. Seither schätzt man sie als Botschafter der östlichen Folklore. Keine Band begleitet die Veränderung Berlins so überzeugend wie die 17 Hippies.

Tief im alten West-Berlin verwurzelt, in den Szenen, Stämmen oder Subkulturen der Achtzigerjahre, waren sie Mitte der Neunziger plötzlich da als volkstümliche Allerweltskapelle. Lüül, im bürgerlichen Eichkampf aufgewachsen als Lutz Ulbrich, hat die Band initiiert. Ein Veteran der deutschen Popgeschichte, der immer dabei war, wenn sich etwas Neues tat: Als Schüler in den Beatgruppen der Sechzigerjahre, anschließend im Krautrock, erst mit Agitation Free und dann bei Ash Ra Tempel. Lüül war gern zu Gast bei der Kommune I im Stephankiez. Er zog als Straßenmusiker nach Frankreich und mit Nico, der Muse der New Yorker Boheme, ins Chelsea Hotel.

Als Iggy Pop und David Bowie sich in Schöneberg aufhielten, wurden sie von Lüül mit Koks versorgt. Die Neue Deutsche Welle kam, und Lüül nahm 1982 „Morgens in der U-Bahn“ auf, als Pionier des deutschen Rap. Den Rest der Achtziger verbrachte er im Subventionsbetrieb, mit Rocktheater oder Weltmusik. Die Mauer fiel, und als der Balkanpop zum Sound Berlins wurde, mit „BalkanBeats“ und „Russendisko“, stand er längst mit seinen 17 Hippies auf der Bühne mit seinem „Berlin Style“.

Vornehm hält sich Lüül heute im Hintergrund und an der Ukulele fest, ein blonder Stadtspielmann im klinkerfarbenen Anzug. Im Lied Schattenmann singen die 17 Hippies: „Was auch kommt, wir haben keine Wahl/ Denn er ist immer Schatten und ich sein Original.“ Wie immer sind sie schon allhier mit ihren Klezmer-Klarinetten, ihren Cajun-Ziehharmonikas, dem Balkan-Blech - mit ihrem Manufaktum-Pop im Kesselhaus, der Wärmestube des Prenzlauer Bergs. Berlin ist in der Mitte heiterer geworden und versöhnlicher. Der Osten liegt nicht mehr bedrohlich vor der Haustür und der Stadtgrenze; er ist der Abenteuerspielplatz, über dem die Sonne aufgeht.

Der Akkordeonist trägt einen winzigen Hut wie die Rumänen in der S-Bahn. Es gelingt dem deutschen Publikum inzwischen spielend, ungerade Takte mitzuklatschen und zum Turbofolk zu tanzen. Stücke werden von der Bühne gern als „Lieder aus der alten Heimat“ angekündigt. Einerseits als Wanderwitz des Abends, andererseits als Trost für alle, die Berlin als neue Heimat feiern und sofort bemerken, wenn den 17 Hippies etwas fehlt.